Drogenpolitik

Drugchecking: Dieser Berliner will testen, wie gut eure Drogen sind

Wer Drogen nutzt, kann die in Berlin bald kostenlos chemisch analysieren lassen. „Schnellstmöglich“ soll das Drugchecking losgehen, so der Koalitionsvertrag von Rot-Grün-Rot. Tibor Harrach, Koordinator des Berliner Drugchecking-Projekts, kämpft bereits seit 1995 für die Analyse illegaler Drogen. Es ist seine Lebensaufgabe, die jetzt kurz vor der Vollendung steht.

Tibor Harrach leitet das Berliner Drugchecking-Programm. Foto: Lena Ganssmann

Drugchecking kann Menschenleben retten

tipBerlin Herr Harrach, warum sterben Menschen an Drogen?

Tibor Harrach Das sind fast immer Unfälle: ungewollte Überdosierung, Verunreinigung, ungünstige Mischung. Teils befördert durch eine geschwächte Konstitution. Und bestimmte Konsumpraktiken wie Spritzen oder Rauchen können zu Infektionskrankheiten oder Organschäden führen.

tipBerlin Was wollen Sie dagegen tun?

Tibor Harrach Mit dem Berliner Drugchecking-Projekt bieten wir, wenn es denn mal losgeht, Konsument:innen die Möglichkeit, ihre Substanzen darauf analysieren zu lassen, was drin ist und wie viel davon.

tipBerlin Wann geht es denn los? Wir dachten, „schnellstmöglich“ hieße: quasi sofort?

Tibor Harrach Wir warten auf die Verabschiedung des aktuellen Haushaltes, dann müssen noch zwei Laborstellen besetzt werden, dann sind wir bereit.

tipBerlin Die Zahl der Drogentoten ist 2020 in Deutschland um 13 Prozent auf 2.581 gestiegen. Wird in der Pandemie mehr konsumiert?

Tibor Harrach Es gibt in Deutschland ein Konsummonitoring des Instituts für Therapieforschung. Substanzübergreifend gab die Mehrheit der Befragten an, dass sich ihr Konsum bezüglich Häufigkeit und Dosierung seit Beginn der Corona-Pandemie nicht verändert hat. Teilweise wurde aber mehr Konsum von Cannabis, GHB/GBL und Opioiden zur Entspannung und zum Umgang mit unangenehmen Gefühlen und weniger Konsum von MDMA und Kokain zur Intensivierung des Feiererlebens beobachtet. Dabei wurde auch festgestellt, dass Konsument:innen in der Pandemie vermehrt über alternative Beschaffungswege wie private Kontakte oder Internetbestellungen an Substanzen gelangten. Zeitgleich ist der Konsum von öffentlich zugänglichen Orten ins Private abgewandert. Da sind Konsumentinnen schwieriger zu erreichen. Und der Konsum ist auch risikoreicher, weil in solchen Settings oft davor gescheut wird, rechtzeitig einen Notarzt zu rufen, wenn es zu gesundheitlichen Problemen kommt.

Im Kokain: Im Pulver aus dem Straßenhandel sind aktuell durchschnittlich 88 Prozent Kokainhydrochlorid. Foto: DEA

tipBerlin Kann Drugchecking Leben retten?

Tibor Harrach Ja. Und neben dem Gesundheitsschutz ist Drugchecking auch ein neues Angebot für Menschen, die bisher nicht vom Hilfesystem erreicht werden wie Freizeitdrogenkonsument:innen aus der Partyszene. Es wird auch analysegestützte Beratung genannt. Der dritte Aspekt ist, dass das Hilfesystem sieht, was in Berlin und Umgebung an Substanzen überhaupt unterwegs ist.

Drugchecking verzögert den Einstieg in den Konsum

tipBerlin Befördern Sie nicht den Konsum, wenn Sie ihn sicherer machen?

Tibor Harrach Drogenkonsum findet statt und ist durch Repression nicht verhinderbar. Wir reagieren auf das, was da ist, und bieten sinnvolle Unterstützung. Bereits Anfang der 2000er Jahre hat die wissenschaftliche Auswertung von Drugchecking-Programmen in Amsterdam, Hannover und Wien ergeben, dass Drugchecking bei Unentschlossenen den Einstieg in den Konsum verzögert oder verhindert und dass Drugchecking nicht zu vermehrtem Konsum führt.

tipBerlin Wie sauber sind Berlins Drogen aktuell?

Tibor Harrach Für Berlin kann ich das erst sagen, wenn wir hier auch Drugchecking betreiben, aber europaweit gibt es die Tendenz, dass der Wirkstoffgehalt in den Substanzen immer höher wird. Für 2020 berichtet die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht einen durchschnittlichen Gehalt von über 88 Prozent Kokainhydrochlorid in Kokainpulver aus dem Straßenhandel. In den Neunziger Jahren waren das in Berlin so 20 bis 25 Prozent. Und damals war es noch viel teurer. Offensichtlich sind die Produktionsverfahren stark optimiert worden, sonst wären solche Ausbeuten nicht erzielbar. Und auch Ecstasy-Tabletten sind heute deutlich höher dosiert. 250 Milligramm MDMA oder mehr pro Tablette ist keine Seltenheit. So eine Tablette sollte man auf keinen Fall als Ganzes einnehmen.

Ecstasy: 250 Milligramm MDMA pro Tablette und mehr sind keine Seltenheit mehr. Foto: DEA

tipBerlin Wie sieht es mit dem Wirkstoffgehalt der anderen Drogen aus?

Tibor Harrach Auch der durchschnittliche THC-Gehalt ist in bestimmten Cannabisprodukten kontinuierlich angestiegen, in Haschisch von 6,8 Prozent in 2010 auf 20,4 Prozent in 2019. Die Ausnahme bilden Heroin und Speed. Die sind meistens stark gestreckt, können aber in Einzelfällen auch einen sehr hohen Wirkstoffgehalt besitzen. Für Heroinkonsument:innen bedeuten solche unerwartet hohen Dosierungen eine tödliche Gefahr.

tipBerlin Was sind derzeit die gefährlichsten Verunreinigungen auf dem Markt?

Tibor Harrach Im Kokain sind das die Lokalanästhetika Lidocain, Tetracain oder Procain. Wenn man die mit Kokain auflöst und spritzt, führen sie zu einer Blockade des Herzreizleitungssystems, darauf können Herzstillstand und Tod folgen. Bei Cannabis sind derzeit in ganz Europa synthetische Cannabinoide ein großes Problem. Teilweise haben die Proben kaum natürliches THC, aber es werden synthetische Cannabinoide gefunden, mit denen das Cannabis getränkt oder besprüht wurde. Die können richtig gefährlich sein, bis hin zu Todesfällen.

50 bis 100 neue Drogen pro Jahr

tipBerlin Das sind diese neuen psychoaktiven Stoffe, für die eigens das Betäubungsmittelgesetz erweitert wurde?

Tibor Harrach Das ist ein Hase und Igel-Spiel zwischen Produzenten und Gesetzgeber. Wenn eine Substanz dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt wird, was ab dem ersten Auftauchen meist mehr als ein halbes Jahr dauert, dann wird an der Struktur ein bisschen variiert, so dass Vertrieb und Besitz der neuen Substanz nicht mehr strafbewehrt ist. Auch mit dem 2016 in Kraft getretenen Neue psychoaktive Stoffe Gesetz mit seinen pauschalen Strukturschablonen-Verboten ließ sich diese Entwicklung nicht ausbremsen. In Europa werden jedes Jahr zwischen 50 und 100 neue psychoaktive Substanzen erstmals identifiziert, die nie in einer toxikologischen oder klinischen Prüfung waren. Oft tauchen solche Substanzen in Zusammenhang mit massiven gesundheitlichen Problemen einschließlich Todesfällen auf.

tipBerlin Werden Sie auch Cannabis analysieren?

Tibor Harrach Das ist nicht Auftrag des Projektes. Dafür wird in Berlin und jetzt auch auf Bundesebene angestrebt, den ganzen Herstellungs- und Vertriebsprozess zu regulieren. Da soll es routinemäßig eine Qualitätskontrolle von Cannabisprodukten geben. Das können wir mit Drugchecking nicht bewerkstelligen. Alles ist endlich, auch unsere Laborkapazität. Aber wir werden in konkreten Verdachtsfällen Cannabis auf schädliche Beimengungen untersuchen, insbesondere synthetische Cannabinoide.

Cannabis: Der Zusatz synthetischer Cannabinoide ist weit verbreitet. Foto: DEA

tipBerlin Wie läuft das Drugchecking konkret ab?

Tibor Harrach Es wird in Berlin von drei sozialen Trägern angeboten: Fixpunkt, der Schwulenberatung Berlin und vista. Zielgruppe sind alle erwachsenen Konsument:innen von psychoaktiven Substanzen. Drittpersonen, also Eltern, Übungsleiter:innen oder auch Dealer:innen sind ausgeschlossen. Wenn Sie also als Konsument:in Ihre Drogen testen lassen wollen, kommen Sie zu den Sprechstundenzeiten in die jeweilige Einrichtung. Am Empfang sagen Sie, dass Sie am Drugchecking teilnehmen wollen. Sie bleiben dabei anonym. Wir gucken nur: ist gerade ein Platz frei oder müssen Sie warten – dann bekommen Sie eine Wartenummer. Wenn Sie dran sind, werden Sie in einen Beratungsraum geführt. Da bekommen Sie das Prozedere erklärt und dann bietet ein/e Sozialpädagog:in Ihnen ein Beratungsgespräch an.

Zu jedem Test gibt es ein Beratungsangebot

tipBerlin Muss ich da mitmachen?

Tibor Harrach Die Beratung beim Drugchecking ist ein freiwilliges Angebot. Nur wenn Sie wollen, können Sie zusammen mit dem Beratenden schauen, wie integriert oder riskant Ihr Konsum ist. Das ist ein Gespräch auf Augenhöhe, bei dem die Veränderungsmotivation aktiviert werden kann, die der Mensch mitbringt. Die Sozialpädagog:innen vermitteln, wenn gewünscht, auch weitergehende Beratungen und in Therapien.

tipBerlin Wäre es nicht sinnvoll, Beratung und Analyse da anzubieten, wo die Konsument:innen sind?

Tibor Harrach Am sinnvollsten wäre es, beides zu machen, stationäres und mobiles Drugchecking. Auf Partys oder an Plätzen, an denen Menschen konsumieren, können auch eher Konsumanfänger:innen erreicht werden als in einer Drogenberatungsstelle. Aber mobiles Drugchecking ist viel aufwendiger. Deshalb fangen wir stationär an.

Heroin: Das größte Risiko ist unerwartet reiner Stoff. Foto: DEA

tipBerlin Ok. Und was passiert nach dem Beratungsgespräch? Irgendwann müssen ja mal die Drogen auf den Tisch.

Tibor Harrach Am Ende des Beratungsgesprächs haben die Nutzerinnen die Möglichkeit, ihre Proben abzugeben. Jeder Konsument kann pro Besuch Proben von bis zu drei verschiedenen Substanzen analysieren lassen. Zu jeder bekommt er einen Code, mit dem er die Ergebnisse abrufen kann.

tipBerlin Und die Ergebnisse stehen dann im Netz?

Tibor Harrach Perspektivisch ja, anfangs müssen Sie entweder wiederkommen oder anrufen, um die Ergebnisse zu erhalten. Zeitlich haben wir das so kalkuliert, dass, wenn die Drogen Dienstag abgegeben werden, wir möglichst am Freitag die Ergebnisse kommunizieren. Weil wir davon ausgehen, dass viele der Nutzerinnen am Wochenende zum Beispiel auf Party gehen. So haben sie die Chance, zu wissen, was sie konsumieren und können ihr Konsumverhalten den Ergebnissen anpassen.

tipBerlin Wie viel Drogen muss man für die Analyse abgeben?

Tibor Harrach Bei Pulvern reichen circa 0,05 Gramm, bei Flüssigkeiten 0,5 Milliliter zur Analyse, aber für eine einzeldosierte Form wie eine Pille, eine Kapsel oder einen Trip – Papier, das mit LSD-Lösung getränkt wurde –, wird errechnet, wieviel Wirkstoff die ganze Konsumeinheit enthält. Um das sagen zu können, ist es ganz wichtig, die Gesamtmasse zu kennen. Am besten wäre es, Sie geben die ganze Einheit ab. Wenn ein unbekannter Stoff gefunden wird, hat das landeseigene Labor, mit dem wir kooperieren, dann auch genug Material, um dem mit weiteren Untersuchungen nachzugehen. Aber wenn ein abhängiger Konsument nicht in der Lage ist, eine ganze einzeldosierte Form abzugeben, zum Beispiel eine Kugel Heroin, dann kann er oder sie die Kugel wiegen, etwas davon abkratzen und den Rest wieder mitnehmen.

Drugchecking: Die Polizei darf nicht einschreiten

tipBerlin Haben Sie Sorge, dass die Polizei sich vor den Eingang stellt und die Konsumenten hochnimmt, die zu Ihnen wollen?

Tibor Harrach Dass das Drugchecking in der Weise, in der wir es planen, legal ist, besagt ein eigens beauftragtes Gutachten. Dieses Gutachten wurde von dem Labor, den Suchthilfeträgern, Senatsverwaltungen und auch von der Polizei anerkannt und es wurde eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Es wäre das Ende von Drugchecking, wenn die Polizei vor der Drogenberatungsstelle Leute kontrolliert. Das ist durch die Vereinbarung ausgeschlossen.

tipBerlin Meinen Sie, die Konsumentinnen rennen Ihnen hier die Bude ein?

Tibor Harrach Ja. Wir sehen in Wien, in Zürich und in ganz Europa, dass Drugchecking gerne genutzt wird. Es handelt sich um ein Angebot, das den Bedürfnissen der Konsument:innen entspricht. Und in Berlin haben wir eine sehr große Gruppe von drogengebrauchenden Menschen.

Drugchecking: Die zur Analyse eingereichten Proben werden mit einem Code versehen und ins Labor weitergeleitet. Foto: Lena Ganssmann

tipBerlin Ist man mit sauberen Drogen eigentlich auf der sicheren Seite?

Tibor Harrach Es gibt keinen risikofreien Konsum. Wir stellen hier keine Freifahrtscheine aus. Es gibt Konsument:innen, für die ein Konsum problematisch ist, der für andere relativ risikoarm ist. Weil körperliche, psychische oder auch soziale Vorbedingungen bestehen, die in Richtung Risiko weisen oder in Richtung problematischer Konsum.

tipBerlin Sie haben jetzt 27 Jahre für das Drugchecking gekämpft, das ist ganz schön viel Zeit, oder?

Tibor Harrach Deutschland hat da wirklich Nachholbedarf. Staatlich finanziertes, gesundheitsorientiertes Drugchecking wird in Europa bereits betrieben in Portugal, Spanien, Frankreich, Österreich, Belgien, Niederlande, Italien, Schweiz, Österreich, Luxemburg, Slowenien. Im Trans European Drug Information-Network TEDI sind auch noch britische Einrichtungen dabei. Da gibt es eine Datenbank, in der alle Drugchecking-Ergebnisse aus ganz Europa dokumentiert werden. Da sehen wir, wo neue Substanzen als erstes auftauchen und wie die sich in Europa verteilen. Wir möchten gefährliche Tendenzen möglichst früh erkennen und Konsumentinnen darüber aufklären.


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Ein Mythos oder ein echtes Problem? Was dran ist an Berlins Ruf als Drogenstadt. Drogen auf Bestellung: Unterwegs mit dem Kokstaxi. Eine gefährliche Entwicklung: GHB, auch als KO-Tropfen bekannt, ist zur Modedroge geworden. In der Clubwelt als Droge beliebt, aber auch in der Psychotherapie: Eine Berliner Ärztin setzt Ketamin gegen Depressionen ein. Mehr aktuelle Infos aus dem Stadtleben findet ihr hier.

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