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Kommentar

Fridays for Future und der Klimastreik: Warum braucht es all das überhaupt noch?

Trotz schlechtem Wetter haben mehrere tausend Menschen bei Fridays for Future für eine klimagerechte Welt und die Einhaltung des 1,5°C-Ziel demonstriert. Fridays for Future und der Klimastreik: Warum braucht es immer noch protestierende Schüler*innen, um uns auf die Klimakrise aufmerksam zu machen, wo sie uns doch alle betrifft? Ein Kommentar von Benedikt Kendler.

Fridays for Future und der Klimastreik: Das schlechte Wetter hielt die Demonstranten von nicht ab. 20.000 kamen diesen Freitag ans Brandenburger Tor. Foto: Benedikt Kendler

Eure Reformen reichen uns nicht!

Auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor spricht Luisa Neubauer mit kräftiger Stimme zu den Protestierenden, die sich diesen Freitag auf der ersten Fridays-for-Future-Demo nach dem Beginn der Coronapandemie eingefunden haben. Während hinter ihr der Fernsehturm in den tiefen Wolken verschwindet, die das Demogeschehen heute den gesamten Tag begleiten, kommt sie langsam zum Ende ihre Rede, die wie keine andere an diesem Freitag das Publikum begeistert. Neubauer kombiniert einen energischen Auftritt mit Phasen des Innehaltens, in denen sich eine fast gespenstische Ruhe in den Reihen der Demonstrierenden ausbreitet, andächtig lauschen sie den Worten der deutschen Umweltikone.

Im Vorfeld der Demo war viel über den Zustand der Jugendbewegung gemunkelt worden. Wie lebendig ist Fridays for Future noch? Nach dem heutigen Streik, zu dem laut Veranstalter trotz Regenwetter und Coronapandemie gut 20.000 Menschen kamen, lässt sich festhalten: noch ziemlich lebendig. Und wenn Neubauer nun in Richtung der Demonstrierenden ruft: „Wir sind noch lange nicht fertig!“, dann zweifelt man daran keinen Moment. Gleichzeitig ist es auch eine Ansage an die nicht weit entfernte Bundespolitik: Eure Klimapakete, eure Reformen, die reichen uns nicht.

Sitzstreik von Fridays for Future am 25.09.2020
Die Veranstalter von Fridays for Future hatten zu einem Sitzstreik aufgerufen. Foto: Benedikt Kendler

Fridays for Future hat mehr erreicht als 30 Jahre Umweltbewegung

Denn dass die Politik zugehört hat, das lässt nicht bestreiten. Die Frage ist eher, ob sie auch verstanden hat. Zwar beschloss die Bundesregierung im Herbst letzten Jahres ein wegweisendes Klimapaket, das die Senkung der Mehrwertsteuer für Bahntickets im Fernverkehr, die Subvention von Elektroautos, eine Beschleunigung des Ausbaus regenerativer Energiequellen und die erstmalige Festsetzung eines CO2-Preises beinhaltet, aber die Aktivist*innen beklagen: Das alles reicht nicht, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, zu dem sich Deutschland im Pariser Abkommen verpflichtet hat.

Sie fordern unter anderem einen Kohleausstieg bis 2030, eine höhere CO2-Steuer und dass Deutschland bis 2035 seinen Strom komplett aus erneuerbaren Energiequellen bezieht. Dennoch betonen viele Redner auf der Demo auch die erreichten Erfolge. Ein Klimapaket wie oben genannt, hätte es ohne Fridays for Future sicherlich nicht gegeben. Und auch dass Klimaschutz in so gut wie jeder Diskussion, ob in der öffentlichen oder privaten Sphäre, zur Sprache kommt, ist ein Erfolg der noch jungen Umweltbewegung, die „mehr erreicht hat, als 30 Jahre Umweltbewegung“ wie ein Redner sagt.

Warum braucht es Schüler*innen, um uns auf die Klimakriese aufmerksam zu machen?

Luisa Neubauer auf der Fridays for Future-Demonstration am 25.09.2020
„Wir sind noch lange nicht fertig“ – Luisa Neubauer auf der Fridays for Future-Demo in Berlin. Foto: Benedikt Kendler

Ein Thema, das auf den ersten Blick gar nicht so viel mit der Klimakriese zu tun hat, zieht sich durch die gesamte Kundgebung: Moria, dessen brennende Zelte auch von der Band AnnenMayKantereit in einem ihrer Songs, die sie auf der Demo spielen, aufgegriffen werden. Aber es gibt dann eben doch einiges, das Klimakriese und Moria verbindet. Denn durch die globale Erwärmung werden Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren, und das nicht als erstes im privilegierten Europa, sondern im globalen Süden. Und wir Europäer „sind dann nicht so gut darin, auch noch lieb zueinander zu sein, sondern wir bauen lieber Mauern“, stellt Luisa Neubauer fest.

Was die beiden Themen auch verbindet, ist, dass es für ihre Etablierung in der öffentlichen Debatte Akteure brauchte, die dafür eigentlich nicht zuständig sein sollten. Denn während es bei der Klimakriese die Schüler*innen waren, die uns daran erinnerten, der Wissenschaft zuzuhören, war es bei Moria das Entertainer-Duo Joko&Klaas, die mit ihrer 15-Minuten-Reportage „A Short Story of Moria“ das Thema für viele erstmals greifbar machten.

Was für eine verkehrte Welt! Sollten wir uns nicht alle für unsere Zukunft interessieren, oder dafür, was an unseren Außengrenzen geschieht? Wie kann es sein, dass wir die Ergebnisse der Wissenschaft zwar immer zur Kenntniss genommen, aber nie zur Grundlage unseres Handelns gemacht haben? Wenn der Gründer des Potsdamer Institut für Klimaforschung, Hans Joachim Schellnhuber, dem „Tagesspiegel“ sagt, dass wir „diese Heldinnen und Helden, die noch nicht einmal volljährig sind“, dringend brauchen, dann ist das sicherlich ein Lob für Fridays for Future, aber auch ein ernüchterndes Zertifikat der Ignoranz der anderen.

Die Demos von Fridays for Future sollten längst obsolet sein, sind es aber leider nicht. So lange, wie wir nicht wirklich begriffen haben, was die Klimakriese für unser Leben, aber vor allem das unserer Kinder bedeuetet, bleiben sie wichtig, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Auch wenn die Schüler*innen eigentlich lieber zum Unterricht gehen und Joko & Klaas seichte Abendunterhaltung produzieren sollten.


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