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Protest

Gentrifizierung in Friedrichshain: Zukunft am Ostkreuz wehrt sich weiter

Die Gentrifizierung in Friedrichshain schreitet voran. Das Zukunft am Ostkreuz soll geräumt werden. Ein Schicksal, das im Party- und Punk-Distrikt verbreitet ist: Die Clubs About Blank und Wilde Renate könnten bald ebenso dicht machen, das Wohnprojekt Liebig 34 ist schon verschwunden. Doch im Kiez erhebt sich wieder der Protest. Nach einer großen Kiez-Demonstration und einer Petition mit mehr als 10.000 Unterschrifte könnte nun der frisch initiierte und von der Politik unterstützte Zukunftsrat neue Hoffnung für den Kulturstandort versprechen.

Gentrifizierung in Friedrichshain: Das Zukunft am Ostkreuz soll 2022 schließen. Die Nachbarschaft wehrt sich. Foto: Lennart Koch

Zukunft am Ostkreuz: Eine Alternative zur zubetonierten Tristesse

Zwischen Brachflächen, Baustellen und Bahngleisen erstreckt sich das Zukunft am Ostkreuz. Seit zehn Jahren bietet das Kulturzentrum eine Alternative zur zubetonierten Tristesse von neuen Quartieren im übrigen Friedrichshain – ein Kontrast etwa zu den Bürobauten in der Nähe der East Side Gallery oder dem archiketonischen Grauen der Mercedes-Benz-Arena.

Über dem Eingang des bedrohten Kulturidylls hängt ein Banner: „Keine Zukunft ohne Zukunft.“ Foto: Lennart Koch

Das Zukunft versprüht den Industrie-Charme der frühen 1990er-Jahre. Es bietet außerdem aufstrebenden Künstler:innen eine Bühne. Der Preis fürs selbstgebraute Bier liegt zudem immer noch unter dem Durchschnitt.  Das Publikum ist vielfältig, das Angebot umfasst Konzerte, (Freiluft-)Kino, Theater und Kunst.

Gentrifizierung in Friedrichshain: Vom Arbeiterbezirk zur Investorenspielwiese

Während sich Friedrichshain, der ehemalige Arbeiterbezirk, zur Spielwiese von Großkonzernen und Investoren entwickelt hat, halten solche Orte die Subkultur am Leben.

Pseudomoderne Wohnsilos an der Stralauer Allee – ein Anblick, der die Menschen im Kiez verunsichert. Foto: Lennart Koch

Eine Widerstandskraft mit Symbolwert, zumal in den letzten Jahren viele unabhängige Ort bereits dichtmachen mussten. Andere stehen aktuell vor dem Aus. Obwohl sich Berlin weltweit in Image-Broschüren als Kreativ-Hochburg präsentiert.

Direkt hinter dem linken Techno-Club About Blank gelegen, ist der mit Holzverkleidungen und Lichterketten geschmückte Ort seit 2011 eine Bastion. Jetzt soll der Mietvertrag, der am 31. März ausläuft, nicht verlängert werden.

Gentrifizierung in Friedrichshain: Nicht nur das Zukunft ist bedroht

„Während unseres Zehn-Jahres-Mietvertrags gab es nie Probleme mit dem Vermieter. Wir hatten im Gegenteil eigentlich immer das Gefühl, dass er eher kulturaffin ist und uns wohlwollend gegenübersteht“, erzählt Sven Loose, Programmverantwortlicher der Tilsiter Lichtspiele, die neben dem namensgebenden Kino in Friedrichshain auch das Zukunft und das Kino Intimes an der Boxhagener Straße betreiben.

Auch das About Blank ist von den Entwicklungen am Ostkreuz bedroht. Foto: Imago/Markus Heine

Zum Ende der Vertragslaufzeit scheint sich die Einstellung des Vermieters plötzlich verändert zu haben. Was mit dem Gelände geschehen soll, ist noch nicht bekannt. Die Angst vor Verdrängung greift im Kiez schon seit einigen Jahren um sich– und sie wirft auch einen Schatten auf benachbarte Clubs, nicht nur aufs About Blank. Auch auf die legendäre Wilde Renate in der Nähe des Spreeufers.

A100 und Campus Ostkreuz statt legendärer Clubs

Die allgemeine Furcht ist verständlich: Spätestens nach der Vollendung des umstrittenen 17. Bauabschnitts der A100, der durch Treptow, Friedrichshain und Lichtenberg führen soll, werden die Kulturstandorte zwangsläufig weichen müssen. Und die Ansiedlung von Luxusimmobilien und dem Bürokomplex Campus Ostkreuz kündigen jetzt schon eine  Veränderung der Gegend an.

Die Betreiber:innen des Zukunft prophezeien, dass durch die einschneidenden Entwicklungen „nicht nur ein einzigartiger Ort verschwindet, der Jahr für Jahr und Veranstaltung für Veranstaltung Besucher:innen der ganzen Welt nach Berlin zieht“. Insgesamt sei die Verdrängung des Zukunft nur eine von vielen: „Berlins gesamte Subkulturlandschaft stirbt weiter!“ Auch die Tilsiter Lichtspiele und das Kino „Intimes“ seien durch die Schließung ihres Partnerkinos bedroht.

Die Liste alternativer Orte, die trotz Demonstrationen, Petitionen und Besetzungen schon weichen mussten, ist lang: Drüben in Kreuzberg die Meuterei, in Neukölln wiederum das Syndikat, in Mitte der Köpi-Wagenplatz – und in Friedrichshain das queer-feministische Wohnprojekt Liebig 34. Sie wurden allesamt unter Berufung auf Gerichtsurteile geräumt.

Nachbarschaft protestiert gegen Gentrifizierung in Friedrichshain

Rund 650 Menschen solidarisierten sich am 13. November auf einer Demonstration mit dem Zukunft am Ostkreuz. Foto: Lennart Koch

„Wir müssen handeln! Sofort!“, fordert daher die Petition zur Rettung des Kulturstandortes Zukunft am Ostkreuz, die die Aktivist:innen an das Abgeordnetenhaus richten wollen. Die voranschreitende Zerstörung der Berliner Kultur dürfe nicht einfach so hingenommen werden. Gefordert werden eine Verlängerung des Mietvertrages, Bestandsschutz und Sicherung kultureller Zwischenräume. Außerdem sollen langfristige Perspektiven für Kulturstandorte in der Innenstadt geschaffen werden. Es haben schon fast 12.000 Menschen unterschrieben. Und das, obwohl erst seit Anfang November Stimmen gesammelt werden.

Außerdem demonstrierten am 13. November 650 Menschen für den Erhalt des Zukunft und gegen die Gentrifizierung des Laskerkiezes. Beim Umzug durch die Nachbarschaft inklusive Kundgebung vor dem Zukunft meldeten sich Anwohner:innen zu Wort. Manche äußersten ihren Protest auf Bannern. Slogans wie „Die Zukunft steht auf dem Spiel“ oder „Kiez statt Kommerz“ zierten beispielsweise eine Häuserwand in der Corinthstraße.

Bürgergarten Laskerwiese: Die Honigbienen sind schon geflüchtet

Amanda W. spricht vor dem bedrohten Bürgergarten Laskerwiese. Der Baulärm hat bereits die Honigbienen vertrieben. Foto: Lennart Koch

Auch Amanda W., eine Betreiberin des Bürgergartens Laskerwiese, in dem Menschen seit 2006 gemeinsam Pflanzen anbauen, hielt eine Rede zwischen Baustelle und Park. Durch viel Arbeit und Liebe sei in einer unnatürlichen Gegend ein kleines Naturparadies entstanden. Nun sei die Oase durch den Ostkreuz Campus, der direkt nebenan hochgezogen wird, bedroht.

So habe die Vibration der Baumaschinen bereits die Honigbienen vertrieben, klagt Amanda W. Sie sagt aber auch, dass trotz des entstehenden Bürokomplexes die Laskerwiese durch eine Entsiegelung der anliegenden Bödikerstraße und Erweiterung der Grünfläche gerettet werden könnte. Der Bezirk habe die Entscheidungsmacht, diesen unentbehrlichen Rückzugsort zu bewahren. 

Das Zukunft am Ostkreuz und der Bürgergarten Laskerwiese sind nur zwei Beispiele für eine Entwicklung, die ohne eine Regulierung der Immobilienbranche nicht mehr aufzuhalten sein wird. Helfen können nur „schnelle und langfristige Sicherheiten für Kulturnutzungsflächen“, so die Petitions-Initiator:innen. Die Solidarität, die gerade im Laskerkiez zu spüren ist, mag optimistisch stimmen. Letztlich liegt die Verantwortung für die Rettung eines ganzen Soziotops bei der Politik.

Zukunft am Ostkreuz: Ein letzter Funken Hoffnung?

In einer bewegenden Neujahrsansprache gibt sich der Kulturstandort weiterhin kämpferisch. Niemand plant hier, sang- und klanglos zu verschwinden. Und noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Zuletzt wurde der Zukunftsrat ins Leben gerufen, in dem die Betroffenen gemeinsam mit stadtpolitischen Akteur:innen wie der Eine für Alle eG und Vertreter:innen aus der Politik wie Florian Schmidt, dem grünen Baustadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, an einer Lösung arbeiten sollen.

Eine „Visionsskizze für eine kooperative Standortentwicklung der Laskerstraße 5“ ist bereits ausgearbeitet worden. Für die nächsten Wochen sind Verhandlungen mit der Orion Hausverwaltung GmbH, welche die Eigentümer:innen des Geländes vertritt, angedacht. Bereits Ende Januar sollen die Ergebnisse der Gespräche im Zukunftsrat präsentiert und nächste Schritte eingeleitet werden. Eine produktive Zusammenarbeit könnte ermöglichen, dass die Interessen der Eigentümer:innen umgesetzt werden, ohne dafür den Kulturstandort verdrängen zu müssen. Mit Ausweichflächen in der unmittelbaren Nähe könnte der Kulturbetrieb trotz Umstrukturierungen erhalten bleiben. Ob das Vorhaben gelingt, bleibt unklar. Ein Funken Hoffnung auf eine Zukunft mit Zukunft bleibt allerdings bestehen.


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Dass sich Berlin grundliegend verändert, scheint unaufhaltsam. Diese 12 Bauprojekte liefern einen Vorgeschmack auf die Zukunft der Stadt. Viele berühmte Gebäude der Stadt existieren schon lange nicht mehr. Bereits 2016 rechnete unsere Autorin mit den Entwicklungen in Friedrichshain ab. Mal sehen, wie es weitergeht: Immer aktuelle Meldungen und Meinungen findet ihr in unserer Politik-Rubrik. Mehr zu den Berliner Clubs erfahrt ihr hier.

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