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Kommentar

Zwischen Grönemeyer und Strichmännchen: (K)ein Geschlecht für alle?

Die Frau, der Mann das Kind. Das Neutrum der deutschen Sprache bezieht sich zwar auch auf das Jenseits, das Auto oder das Bett – im Falle des Kindes hallt jedoch das Echo Madame de Beauvoirs nach: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Diese Frage um das soziale Geschlecht lässt sich besonders plastisch auf ein Verkehrsschild beziehen, das an vielen Berliner Ecken zu finden ist – und gleichermaßen auf Männer. Wie wird das Kind zur Frau oder zum Mann? Ein Kommentar.

Mama-Strichmännchen & Kinderstrichmännchen. Foto: Imago/Shotshop

Geschlecht und sprachliche Grenzen: Strichmännchen & Strichfrauchen

Eigentlich sieht man auf dem Gehwegschild zwei Strichmännchen (ein wunderbar unpassendes Wort in diesem Kontext). Der Begriff des Strichmännchens enthält die Verniedlichungsform des Mannes. Das Strichmännchen als Symbol ist jedoch geschlechtsneutral – es markiert die vereinfachte Darstellung des Menschen. Auf dem kreisrunden Verkehrszeichen halten sich zwei Figuren an der Hand. Mama-Strichmännchen, ins Kleid gehüllt, hält Kinder-Strichmännchen an der Hand. Dem großen Strichmännchen wird also eine geschlechtliche, weibliche Zugehörigkeit angepinselt. Beim Kinder-Strichmännchen verhält es sich jedoch etwas anders, denn die Kleider-Hosen-Mixtur weist das Kind weder als Mädchen, noch als Junge aus.

Das soziale Geschlecht

Auf der Bühne des Lebens, sagt der verstorbene Soziologe Erving Goffman, entfalte sich unser Verhalten und unsere Identität. In sozialen Interaktionen mit anderen, treten wir als Schauspieler*innen unserer eigenen Lebensshow auf. Wir, die Jungs und Mädchen werden hier zu Männern und Frauen. Sich dem eigenen Geschlechtsorgan entsprechend zu verhalten, hat eine Bezeichnung: Gender – oder das soziale Geschlecht.

Es wird sichtbar in Frisuren und Kleidung, hörbar in Pronomen und Namen, fühlbar in Verhaltensweisen und Hobbies. Das meint Simone de Beauvoir, wenn sie davon schreibt, man komme nicht als Frau zur Welt, sondern werde dazu. In diesem Zusammenhang grölt Herbert Grönemeyer in seinem Super-Hit „Männer“: „Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht, außen hart und innen ganz weich. Werden als Kind schon auf Mann geeicht. Wann ist ein Mann ein Mann?“

Das Bild zum Song oder die frühe Herstellung von Geschlecht. Foto: imago images/blickwinkel

Die Bühne des Lebens wird andauernd und überall betreten – ständig mischt sich das Geschlecht ein, schon im Säuglingsalter. Bei der Babyshower-Party prangt in großen Lettern „It’s a Boy!“ Also her mit den Spielzeugautos, her mit den Stramplern, auf denen Superman lächelt. Und alles in super-männliche Blautöne verpackt. Etwas später das erste Fasching: das Mädchen als Prinzessin, der Junge als Cowboy, danach wird gespielt, mit Puppen oder Fußball.

Und wenn die geschlechtlich geregelte Welt dann kurzzeitig aus den Fugen gerät, weil das Mädchen das Fußballteam aufmischt oder der Junge im Vater-Mutter-Kind-Spiel die Rolle der Mutter einnimmt, fällt es den Erwachsenen sofort auf und muss direkt kommentiert werden: „Mensch, obwohl er ein Junge ist, macht er Mädchen-Kram.“ Es könnte auch heißen: „Geschlechterrollen stehen im Kindesalter noch nicht fest, sie werden erprobt.“ Oder: „Das Kind macht das, was ihm gefällt.“ Aber wie frei ist der Geschmack? Herbert Grönemeyer singt dazu: „(…) schon als Kind auf Mann geeicht.“ Nicht so richtig frei.

Gender-Marketing und das materielle Geschlecht

Warum wollen mehr Jungs als Mädchen Polizist*innen werden? Ach ja. Foto: image images/Shotshop

Die geschminkten Puppen und starken Ritter dieser Spielzeug-Welt haben einen Oberbegriff: Gender-Marketing. Wer sich darüber aufregt, ist vermutlich stockige Feministin, die einfach nicht kapiert, dass Mädchen und Jungs eben unterschiedliche Interessen haben – ist halt so.

Gleiches gilt dann für Erwachsene, die einer illustren Kollektion an Chips, zuckerfreier Cola oder Rasierern entgegenblicken – aufgeteilt in Männer- und Frauenprodukte. Gender-Marketing, als Vermarktung von Geschlecht, beschwört dieses Geschlecht also andauernd im Materiellen herauf und zurrt geschlechtliche Stereotypen fest.

Es ließe sich darüber streiten, wie weiblich so eine Rasierklinge ist. Es ließe sich ebenfalls fragen, wo denn die ganzen anderen Identitäten bleiben: Herkunft, Beruf, Race, Hautfarbe etc. Wo sind die Radiergummis für Spanier*innen, wo der Scheibenkäse für weiße Menschen? Identität als Produkt wirkt dann schnell grotesk.

Das Vergessen des Geschlechts

Manchmal wird das Geschlecht vergessen oder bewusst verdrängt. Bei Unisexkleidung und Unisexnamen. Durch genderneutraler Sprache, z. B. in Form des in Schweden eingeführten, geschlechtsneutralen Pronomen „hen“. Beim Spielen mit Tierspielzeugen – Clownfisch Nemos Geschlecht ist völlig egal. Oder im Schwimmbad. Krabbelt da ein Mädchen in Badehose umher, ereifern sich die wenigstens darüber, dass die nicht vorhandenen Brüste freiliegen, anstatt von Bikinioberteilen bedeckt zu werden, Instagram kaschiert sicherlich nicht die Brustwarzen von fünfjährigen Mädchen.

Das soziale Geschlecht lässt sich dekonstruieren. Foto: imago images/Westend 61

Läuft das Mädchen zum Abspülen des Chlorwassers dann mit ihrem Papa in die Männerdusche, kümmert das die wenigstens, während die Frau darauf hingewiesen wird, sie habe sich wohl verlaufen oder solle sich gefälligst in die unsagbar lange Damen-Toilettenschlange einreihen, anstatt kurzerhand aufs Männerklo zu flitzen.

Der Spielraum bei Kindern ist noch größer, die geschlechtlichen und gesellschaftlichen Regeln weniger fest, obwohl die Frau- oder Mannwerdung bereits im Kindesalter beginnt. Der Junge, der sich zuhause Stöckelschuhe überstülpt oder Röcke anzieht, bricht noch keine Diskussionen vom Zaun, ob denn hier alles normal sei – einige Jahre später verändert sich das – jedenfalls in den normierten Augen mancher.

Die Erwartung an das Geschlecht

Auch die Erwartung an das Geschlecht zeigt sich im Straßenschild: Die Frau ist das fürsorgliche Elternteil, Mama macht die Care-Arbeit. Die meisten Mamas machen das sicherlich gerne – und so eine Schwangerschaft ist höchst biologisch. Mutter-Sein jedoch nicht. Gute Mutterschaft (und Vaterschaft) ist keine biologischen Determinante, sondern muss erstmal erlernt werden.

Dass die Frau per se das empfindsamere, fürsorglichere Elternteil ist und somit maßgeschneidert für diese Rolle, ist falsch. Manchem Mädchen blickt das eigene Kind bereits aus leblosen Puppenaugen entgegen – schon hier wird Mutter gespielt und entsprechendes Zubehör geshoppt.

Wann ist ein Mann ein Mann? Auf jeden Fall auch hier. Foto: imago images/Birgit Koch

Nochmals Grönemeyer: „(…) außen hart und innen ganz weich.“ Auch dusselige Erwartungen an Männlichkeit(en!) können in den meisten Fällen nicht erfüllt werden. Der doppelt und dreifach schreckliche Spruch, man habe als Mann stark zu sein wie ein Indianer, kann oder will in der Realität nicht erfüllt werden.

Kinder heulen alle und das ist normal – weinende Männer sind gesellschaftlich eher verpönt. Wenn Opa bei Liebesfilmen in Tränen ausbricht, findet Oma das erstmal seltsam. Weinende Frauen fügen sich hingegen toll ins geschlechtliche Raster, vielleicht haben sie ja ihre Tage.

Schnell zu den pink bestäubten Taschentüchern greifen. Oder lieber nicht. Geschlecht muss vielfältiger aufgefächert werden. Geschlecht sollte so sein dürfen, wie das Kinderstrichmännchen auf dem Straßenschild – offen, instabil und individuell.


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