Kommentar

Ende der Homeoffice-Ära? „Back to the roots“ ist eine Zumutung

Ab dem 1. Juli entfällt deutschlandweit die Homeoffice-Pflicht. Berlins Arbeitgeber:innen reagieren gemischt. In manchen Betrieben haben sich flexible Anwesenheiten während der bisherigen Krise bewährt. Anderswo plädieren Arbeitgeber:innen jedoch für „Back to the roots“. Das sollte nicht sein. Es braucht jetzt einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice, denn wer monatelang zurückstecken musste, darf jetzt nicht der Angeschmierte sein. Und: Ob das Zusammenkommen im Büro trotz niedriger Inzidenzen und AHA-Regeln eine gute Idee ist, sei dahingestellt.

Homeoffice-Pflicht Ab 1. Juli 2021 können Arbeitgeber:innen ihre Angestellten wieder ins Büro bestellen. Macht das Sinn oder ist es einfach noch zu früh?
Ab 1. Juli 2021 können Arbeitgeber:innen ihre Angestellten wieder ins Büro bestellen. Macht das Sinn? Und ist das fair? Foto: Imago/Shotshop

Manche Arbeitgeber:innen plädieren für eine schnelle Rückkehr: „Keine Ahnung, wieso das jetzt sein muss“

Die meisten von uns, die für die Arbeit nicht zwingend aus dem Haus müssen, haben sich in den vergangenen Monaten umgewöhnt. Aus dem Bett geht es unter die Dusche, kurz an den Kühlschrank und direkt an den Schreib- oder Küchentisch. Mittlerweile gehört vielerorts auch der ergonomische Stuhl zum heimischen Inventar, der Powernap in der Mittagspause ist fest eingeplant, dann schnell Essen und Kinder abholen und zurück an den Laptop. Homeoffice ist, nach anderthalb Jahren des Lebens in einer Pandemie, für viele zur Routine geworden.

Jetzt, Anfang Juli 2021, entfällt nach Monaten des Ausnahmezustands die Pflicht zuhause zu arbeiten, die Verordnung der Bundesregierung galt nur bis Ende Juni. Bestehende Routinen müssen wieder umgekrempelt werden. Arbeitgeber:innen haben das Recht, ihre Angestellten wieder zurück ins Büro ordern. Und machen auch Gebrauch von diesem Recht, wie Kontakte aus dem unmittelbaren Umfeld der tipBerlin-Redaktion erzählen.

„Am Montag habe ich den Anruf bekommen: Ab Donnerstag müssen alle wieder ins Büro“, sagt Peter, ein Jungarchitekt, der in einem großen Berliner Büro arbeitet. Vor Ort seien alle nötigen Maßnahmen getroffen worden. „Kann ja sein, dass wir weit genug auseinander sitzen, aber trotzdem gibt es nur eine Toilette für etwa zwanzig Mitarbeiter. Und die Kaffeeküche ist ziemlich eng.“ Nicht nur, weil Peter noch auf seine zweite Impfung wartet, stört ihn der Gedanke wieder gänzlich ins Büro umzuziehen. Er sieht einfach keinen konkreten Anlass: „Es läuft alles gut – und ich würde es ja verstehen, wenn Team-bezogen mal angerückt werden müsste, aber dass einfach alle wiederkommen sollen, ergibt für mich keinen Sinn.“

Homeoffice beendet: „Nicht mal das Kontrollargument greift“

Vergleichbares hören wir aus einer Firma für Sales, die diverse Dienstleistungen telefonisch verkauft: „Es ist ohnehin absurd, dass wir ein Büro haben, weil wir zum Einen nur am Telefon arbeiten und Listen abtelefonieren“, sagt eine Mitarbeiterin (31 Jahre) zu tipBerlin. Zum Anderen sei anhand der Verkaufserfolge direkt nachvollziehbar, wer arbeite und wer nicht: „Nicht mal das Kontrollargument greift hier – die Zahlen sind das Tool, um zu sehen, wer sich einen faulen Lenz macht und wer wirklich arbeitet“, sagt sie. Dass im Büro genug Platz ist, um den Vorgaben der Bundesregierung zu entsprechen, sei möglich, das schlechte Gefühl aber bleibe: „Ich fahre Bus, dann Bahn, dann sitze ich da, dann geht es wieder zurück nachhause mit den Öffentlichen – Keine Ahnung, wieso das jetzt sein muss.“

Natürlich passiert die Rückkehr ins Büro nicht gänzlich ohne Auflagen: Die Corona-Arbeitsschutzverordnung schreibt derzeit vor, dass Räume, die von mehreren Personen gleichzeitig genutzt werden, zehn Quadratmeter pro Arbeitnehmer messen müssen. Zudem muss in Kantinen und Pausenräumen der Mindestabstand eingehalten werden können. Der Chef der Sales-Firma habe lange gezögert, die Homeoffice-Verordnung überhaupt umzusetzen, erzählt die junge Frau. „Wir haben dann als Mitarbeitende kollektiv Druck gemacht – jetzt, wo es rechtlich möglich ist, ruft er uns natürlich direkt zurück.“

Für andere Betriebe hat die Krise gezeigt, dass mehr Flexibilität möglich ist und Vorteile mit sich bringt

Homeoffice-Pflicht Laut "Statista" wollen über 70 Prozent der Deutschen weiterhin flexibel arbeiten und nicht jeden Tag ins Büro fahren müssen.
Laut „Statista“ wollen über 70 Prozent der Deutschen weiterhin flexibel arbeiten und nicht jeden Tag ins Büro fahren müssen. Foto: Imago/Westend61

Natürlich gibt es auch jene, die die Arbeit im Homeoffice nicht zu schätzen gelernt haben. Die Arbeitgeberverbände sprachen sich daher schon Mitte Juni 2021 für ein Ende der Homeoffice-Pflicht aus, warnten vor „gesetzlicher Überregulierung“. 

Doch der Blick auf Einzelfälle kann die Realität nicht verzerren: Die meisten Menschen in Deutschland, Arbeitnehmer:innen wie Arbeitgeber:innen, haben die Flexibilität zu schätzen gelernt. Das beweisen auch die neuesten Zahlen des Statistik-Portals „Statista“, nach denen sich 70 Prozent der Deutschen für einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice aussprechen. Und laut einer Umfrage von „tagesschau.de“ plädieren auch die meisten DAX-Unternehmen künftig für Hybrid-Lösungen, sprich flexible Anwesenheiten im Büro. Große Firmen wie BMW und die Deutsche Bank wollen sogar noch weiter gehen und es künftig zur Norm machen, dass ihre Mitarbeiter:innen in Teilzeit von Zuhause arbeiten können. Noch mehr Vertrauen will zum Beispiel der Chemiekonzern BASF seinen Angestellten schenken: Ob und wieviel mobil gearbeitet werden kann, soll hier individuell und abteilungsintern geklärt werden.

Gesetzlicher Anspruch auf Homeoffice: Eine Frage der Fairness und Solidarität

Es scheint also, als habe die Pandemie für die Arbeitswelt nicht nur Nachteile gehabt, sondern im Gegenteil, vielerorts flexiblere Denkweisen und die Digitalisierung in Gang gesetzt.

Wer jedoch wie Peter, noch gar nicht oder noch nicht vollständig geimpft ist, und von der Chefetage, für die oder sie arbeitet, keine Flexibilität erwarten kann, hat durch das Wegfallen der Homeoffice-Pflicht jetzt erstmal das Nachsehen. Wenn Arbeitgeber:innen künftig keine örtliche Flexibilität mehr akzeptieren, wird der tägliche Weg zur Arbeit und der gezwungene, persönliche Austausch mit Kolleg:innen für einige Menschen zur psychischen Belastung.

Die Gründe, wieso jemand gerne flexibel ins Homeoffice ausweicht, können so divers sein, wie wir Menschen. Der eine schafft die Balance zwischen Familie, Haushalt und Job im Homeoffice besser, die andere ist vielleicht schwanger und noch nicht geimpft, der oder die Dritte ist von der Pandemie oder aus anderen Gründen psychisch angeschlagen und psychisch heruntergewirtschaftet, weil der Gedanke an eine Ad-Hoc-Veränderung und an den Austausch mit zu vielen Menschen Angst und Stress verursacht.

Das gesetzliche Recht auf Homeoffice wäre daher nicht mehr nur zeitgemäß, sondern einfach eine Frage der Fairness und Solidarität. Arbeitende mussten selbst monatelang flexibel sein, mussten zurückstecken, mussten gezwungenermaßen kreativ werden und flexibel agieren, mussten das Wirrwarr der Politik hinnehmen und sich teilweise selbst gefährden, um das wirtschaftliche System nicht zum Erliegen zu bringen.

Gewerkschaft ver.di sieht in Gesetzesänderung „deutliche Vorteile“

Wir haben doch soviel dazu gelernt! Nach Monaten der Kompromisse sollte die neue Lockerung Hand in Hand mit einem Gesetz gehen, dass Arbeitnehmer:innen mehr Selbstbestimmung gewährt. Jedes Unternehmen sollte Fälle individuell prüfen müssen und keine pauschale Rückkehr zur Vor-Pandemie-Situation erzwingen. Denn, erstens ist trotz niedriger Inzidenzen nicht alles ausgestanden. Und zweitens: In jedem Betrieb arbeiten Menschen. Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten, für die sich im Zuge der Pandemie teilweise viel geändert hat. Menschen, die in der Krise Solidarität, Vernunft, Geduld und den Sinn für Zusammenhalt bewiesen haben. Also sollten wir uns gegenseitig mit ein bisschen Nachsicht belohnen. Und wenn dafür ein neues Gesetz hermuss, weil es mancher nicht einsehen will, dass Zeiten sich ändern, dann bitte!

So sieht es auch der Pressesprecher der Gewerkschaft Verdi Berlin-Brandenburg, Andreas Splanemann. Auf Anfrage von tipBerlin sagt er, dass „ein gesetzlich fixiertes Recht auf Homeoffice sicherlich ein guter Weg in die richtige Richtung“ sei, der vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern „deutliche Vorteile“ bringen könnte.

Laut Splanemann bringt die Arbeit von zuhause aber auch Risiken mit sich, zum Beispiel die ungesunde Vermischung von Geschäftlichem und Privatem sowie gesundheitliche Risiken durch mangelnde Büroausstattung. „In welchem Umfang Homeoffice möglich“ ist und „welche Modelle zur Anwendung“ kommen sollen, sollte laut Splanemann, unabhängig vom gesetzlichen Spielraum, also immer noch betrieblich vereinbart werden.

Den letzten Vorstoß in diese Richtung machte übrigens Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Oktober 2020. Leider scheiterte er. Ein Gesetzesentwurf zum Recht Homeoffice ließ sich damals nicht durchsetzen.


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