Kommentar

Impfskepsis in Berlin: Die Unvernunft der Anderen

Die Impfskepsis verringert, auch in Berlin, die Aussicht auf Herdenimmunität. Die Politik versucht es mit indirektem Druck. Dabei braucht es Aufklärung statt Bedrängnis. Denn das Recht auf Selbstbestimmung ist gesetzt, doch die Impffrage ist vor allem ein Bekenntnis von Solidarität für die Schwächsten.

Impfskepsis Die Frage nach der Corona-Impfung spaltet die Gesellschaft. 60 Prozent aller Berliner:innen sind geimpft und das Tempo lässt merklich nach. Viele Skeptiker:innen lassen sich jedoch überzeugen.
Die Frage nach der Corona-Impfung spaltet die Gesellschaft. 60 Prozent aller Berliner:innen sind geimpft und das Tempo lässt merklich nach. Viele Skeptiker:innen lassen sich jedoch überzeugen. Foto: Imago/photothek

Überzogene Impfskepsis: Eine Risikorechnung, die nicht aufgeht

Monatelang sehnten wir sie herbei: Eine Impfung gegen Corona, die uns die schon fast tot geglaubte Normalität endlich wieder greifbar machen sollte. Jetzt, ein knappes Dreivierteljahr nach Berlins Impfstart, scheint der Enthusiasmus gedämpft. Berlin hat mehr Dosen, als verimpft werden können. In dieser Augustwoche will die Stadt rund 60.000 ungenutzte Vakzindosen an den Bund zurückgeben. In die richtige Richtung gelenkt werden soll die Situation nun durch niedrigschwellige und kreative Impfangebote. Seit vergangenem Freitag wird in den noch fünf aktiven Berliner Impfzentren ohne Termin geimpft. Und Aktionen wie die geplante „Lange Nacht des Impfens“ am 9. August in der Arena in Treptow sollen junge Menschen mit DJ-Sets an die Nadel motivieren. Maßnahmen, die verhindern sollen, dass wir nochmals die Kontrolle über das Corona-Geschehen verlieren und dass unser Leben bald wieder von Angst und Auflagen bestimmt wird.

Wobei die Angst ja nie weg war. Aber es hat eine Verschiebung stattgefunden. Zu Beginn der Pandemie erschien das Virus als unbeherrschbare Gefahr. Die wahre Bedrohungslage war umstritten, die Folgen einer Infektion erschienen im Falle eines leichten Verlaufs als absolut hinnehmbar, im Falle eines schweren Verlaufs und möglichen Long-Covid-Symptomen beziehungsweise dem Tods als absolut grauenhaft. Die Folge war eine diffuse Verunsicherung, wie sie jetzt auch wieder in der Diskussion um die Impfungen spürbar wird.

Obwohl die gefährliche Delta-Variante in den kommenden Monaten zu unserem größten Problem werden könnte, wird das größte Risiko derzeit von Impfgegner:innen auf die Vakzine projiziert, die uns ironischerweise eigentlich die Angst nehmen sollten.

Die Verunsicherung ist hier nur bei einem kleinen Prozentsatz auf ein generelles Misstrauen gegenüber den Eliten zurückzuführen. Die meisten, bisher nicht Geimpften entwickeln ihre Entscheidungsambivalenz aus Gründen, die leichter zu eliminieren sind: Da ist das Problem der widersprüchlichen Informationen und der mangelnden Aufklärung. Man denke an den Astrazeneca-Impfstopp, der nur wenige Wochen später revidiert wurde. Denn die Risikorechnung ging nicht auf. Die verschwindend kleine Chance, schwere Nebenwirkungen durch eine Corona-Impfung mit Astrazeneca davonzutragen, wurde politisch aufgebauscht. Seither haftet dem Vakzin ein schlechter Ruf an, und der wertvolle Stoff, von dem wir Berliner:innen für so lange Zeit viel zu wenig hatten, bleibt liegen.

Daneben hängt die mangelnde Impfbereitschaft sicher auch mit einer Schwäche der Verwaltung zusammen. Lange war es fast unmöglich, in Berlin einen Impftermin zu bekommen. Und obwohl in der Stadt seit wenigen Tagen allerorts Spontanimpfungen möglich sind, kommt es zu langen Wartezeiten. Spontan sieht anders aus. Das alles ist symptomatisch für die Politik, die unter Corona allzu oft gezwungen war, Ad-hoc-Entscheidungen zu treffen. Und es schreckt ab und lässt Vertrauen schmelzen.

Viele Skeptiker:innen lassen sich überzeugen

Vertrauen, das es unbedingt zurück zu gewinnen gilt, denn überlässt man medizinische Fachentscheidungen wirklich Laien und der breiten Bevölkerung, ist es logisch, dass daraus Verunsicherung und Skepsis resultieren. Ist die Kreuzimpfung wirklich die beste Option? Die Wahrheit ist: Das ist nicht abschließend geklärt. Werden uns die Vakzine auch noch in ein paar Monaten schützen, vor allem gegen die Mutanten? Die Wahrheit ist: Auch das ist nicht abschließend geklärt. Können sich Geimpfte weiterhin infizieren? Die Wahrheit ist: Ein verschwindend kleiner Teil von 0,1 Prozent der Geimpften wurde bisher zum/zur Impfdurchbrecher:in. Warum, ist nicht abschließend geklärt.

Was man hingegen weiß: Anzunehmen, dass die Impfung ein größeres Risiko darstellt als das Virus selbst, ist paradox. Die Nebenwirkungen der Vakzine sind in den allermeisten Fällen leicht. Schwere Nebenwirkungen gibt es, ja – aber die Chance, bei der Fahrt in den Urlaub von der Straße abzukommen, ist höher als eine Hirnvenenthrombose von einer Impfung davonzutragen. Bis zur Herdenimmunität ist es noch ein weiter Weg, umso mehr zählt jetzt jeder kleine Baustein: Die Vollschutz-Quote in Berlin beträgt rund 60 Prozent, deutschlandweit ist rund die Hälfte der Bevölkerung zweimal geimpft. Expert:innen gehen davon aus, dass Herdenimmunität im Falle von Corona erst ab einer Durchimpfung von 80 bis 85 Prozent einsetzt. Und selbst dann wird Corona nicht Schnee von gestern, sondern lediglich unter Kontrolle sein, denn Reisende, die aus Regionen und Ländern kommen, wo sich die Krankheit weiter ausbreitet, werden sie wieder zu uns bringen.

Umso wichtiger ist es jetzt, dass die Politik all jene überzeugt, die bei ihrer Entscheidung auf der Kippe stehen. Und es gibt Anlass zur Hoffnung. Einer aktuellen Umfrage zufolge wollen sich von den Nicht-Geimpften in Deutschland rund Dreiviertel noch impfen lassen. Die allermeisten schieben ihre Entscheidung nur auf die lange Bank, unsicher welcher Information sie glauben schenken sollen, überfordert von der emotionalen Wucht, die Pandemie immer noch hat. Und trotzig aufgrund der Impfpflicht, die langsam aber sicher durch die Hintertür kommt. Diese Ambivalenten gilt es jetzt zu überzeugen.

Impfskepsis Wird durch die Impfung alles besser? Der Weg zu einem Corona-freien Berlin ist noch lang, aber nach Monaten der Irrungen sollte die Politik jetzt auf medizinische Aufklärung setzen.
Wird durch die Impfung alles besser? Der Weg zu einem Corona-freien Berlin ist noch lang, aber nach Monaten der Irrungen sollte die Politik jetzt auf medizinische Aufklärung setzen. Foto: Imago/imagebroker

Selbstbestimmung ja, aber eine funktionierende Gesellschaft basiert vor allem auf Solidarität

Was die Corona-Impfung betrifft, werden wir in der Zukunft noch auf viele ungeklärte Fragen stoßen, die uns zurecht Angst machen. Entscheidungen werden revidiert und Warnungen werden ausgesprochen werden. Und es wird wieder neue Gründe für Skepsis geben, Skepsis, die auf der Angst des Unvorhersehbaren, des Unkontrollierbaren basiert. Nur, um das klar zu stellen: Das Recht auf Selbstbestimmung ist unfassbar wichtig („Es ist mein Körper. Ich lasse mich zu keiner Impfung zwingen – auch nicht indirekt.“) Aber wir alle haben, ob es uns gefällt, oder nicht, auch eine Verantwortung für die Gesellschaft, in der wir leben, unter der wir auch mal leiden, aber von der wir alles in allem jeden Tag profitieren.

Und im Falle der Herdenimmunität bei Infektionskrankheiten haben wir vor allem eine Verantwortung für die Schwächsten um uns herum, Menschen, die sich nicht impfen lassen können, obwohl sie es gerne würden. Hierbei geht es übrigens nicht nur um Corona, sondern auch um scheinbar ungefährliche Krankheiten wie Masern, Röteln oder Windpocken, die streng genommen keinesfalls ungefährlich sind für bestimmte vulnerable Gruppen. Wir bringen diese Menschen, wenn wir uns nicht impfen lassen, in Gefahr. Und das ist keine überzogene Panikmache, sondern ein Fakt, der nicht weniger relevant dadurch wird, dass wir auf selektiven Medienkonsum zurückgreifen und uns nur noch die Meinungen anhören, die zu dem Bild passen, mit dem wir uns wieder halbwegs wohlfühlen. Es ist verständlich, dass, auch im Falle der Impfungen, durch Druck, Ungewissheit, emotionale Überforderung und Angst entstehen. Aber wir dürfen nicht so naiv sein zu glauben, dass wir diese Sache hinter uns bringen, indem wir nur an uns selbst denken. Denn das werden wir nicht.


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