Gentrifizierung

Kampf um Kreuzberg: Investoren kaufen am Kottbusser Tor ein

Am Kottbusser Tor soll ein Gebäuderiegel verkauft werden, zu dem neben Sozialwohnungen auch das Aquarium und der Südblock gehören

imago images / Hoch Zwei Stock/Angerer

Es ist ein Lehrstück darüber, wie Wohnraum zur Spekulationsmasse wird  – in einem Stadtteil, dessen soziale Balance infolge ökonomischen Kalküls in Schieflage gerät. Das Streitobjekt steht in Kreuzberg 36: die Admiralstraße 1 und 2. Ein Gebäuderiegel, der nicht nur 120 Sozialwohnungen unter seinen Dächern versammelt, sondern auch zwei Kiez-Institutionen: das Aquarium, eine honorige Begegnungs- und Bildungsstätte, und den Südblock, ein Soziotop der linken und queeren Szene, wo Party und Politik eine stilechte Symbiose bilden sowie Kiez-Legenden wie Christiane Rösinger ein- und ausgehen.

Das Gebäude sei, so erzählen die Menschen, zu einem mehr als ungemütlichen Lebens-, Arbeits- und Szene-Mittelpunkt verkommen; verkalkte Leitungen, bröckelnder Putz, sprießender Schimmel. Ein Verfall, wie er typisch ist für Immobilien im brachialliberalen Anything-Goes des Berliner Wohnungsmarkts, deren Mitspieler häufiger mal Lebensmittelpunkte herunterrocken lassen, um sie dann mit satter Rendite abstoßen zu können.

Einen derartigen Coup verfolgt offenbar der Fonds „Admiralstraße 1-6 Grundstücks-GmbH & Co.  Hausbau KG“; er will die Immobilie im Zentrum des begehrten Stadtteils veräußern. Das berichtet jedenfalls die Mieterinitiative Kotti & Co. Das Land hat dem Eigentümer demnach ein Angebot unterbreitet, um den symbolträchtigen Ort unter den ruhestiftenden Schirm der öffentlichen Hand zu stellen. Der avisierte Preis sei den Verkäufern jedoch zu niedrig, heißt es. Die Konsequenz aus diesem unsolidarischen Denken: Die Kiezbevölkerung befürchtet, dass ihr Zuhause ins Portfolio eines zahlungskräftigen Investoren wandern könnte.

Briefkastenfirmen aus Luxemburg

Ein Szenario, das schulendes Material in gentrifizierungskritischen Dokus sein könnte, in Sequels von Filmen wie „Die Stadt als Beute“. So vertraut, so exemplarisch erscheint es. Der Plan ist aber auch in anderer Hinsicht bedeutsam: Er zeigt, dass die regulativen Instrumente, die der Senat in den vergangenen Jahren geschmiedet hat, Milieuschutzgebiete und Mietpreisdeckel sowie das Schwert des kommunalen Vorkaufsrechts, nicht ausreichen. Sie können zwar für Korrekturen sorgen – aber nicht die Logik eines Markts aushebeln, deren Akteure die Mentalität von Börsentradern an den Tag legen. Und zwar nicht nur die anonymen Geschäftsleute hinter den so oft beschriebenen Briefkastenfirmen aus Luxemburg oder Blackrock itself. Sondern auch hiesige Immobiliengesellschaften, unten deren Anteilseigner auch Einwohner dieser Stadt sind. Ein solches Konstrukt ist die „Admiralstraße 1-6 Grundstücks-GmbH & Co. Hausbau KG“.

Was heißt das? Wenn schon Leute, die in der eigenen Nachbarschaft leben, so unsolidarisch agieren – was soll man dann von den vielbeschworenen Bekenntnissen noch halten, die Anhänger des freien Markts in der Mietendebatte ins Feld führen, von Eigenverantwortung und fabulösen Selbstheilungskräften? Nicht allzu viel, jedenfalls nicht im Sinne einer Garantie. Daher ist die Diskussion um Enteignungnen, die nun Linke, Grüne und die Macher des gleichnamigen Volksbegehrens führen, kein kommunistisches Theoriegeplänkel. Sondern echte Realpolitik. Mindestens ein Druckmittel, das der Gesellschaft und dem Gemeinwohl dient. Es geht darum, die Menschen in dieser Stadt, am Kotti und woanders, vor dem Zugriff eines außer Rand und Band geratenen Systems zu schützen.

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