Kommentar

Liebig34 geräumt: So verspielt ihr unsere Sympathien!

Nach 30 Jahren wurde heute das alternative Wohnprojekt Liebig34 geräumt. Es war als Freiraum für marginaliserte Gruppen von großer Bedeutung für die Stadt – und zugleich eine Bastion gegen die Gentrifizierung Berlins. Mit destruktiven Racheaktionen verspielen die Aktivist*innen aber Sympathien. Ein Kommentar von Benedikt Kendler

Die Räumung der Liebig34 am 9.10.2020.
Die Polizei bei der Räumung der Liebig34. Foto: Imago Images/Stefan Zeitz

Liebig34 wird geräumt: Lautstarker Protest

Der dröhnende Krach war schon einige Häuserblocks von der Liebig34 entfernt zu hören, ein gutes Dutzend Aktivist*innen trommelte mit alten Brettern auf einer schon ordentlich demolierten Mülltonne, schmetterten mit Besteck auf Kochtöpfen oder versuchten, altes Sperrholz auf kreative Weise möglichst lautstark aufeinander zu schlagen. Ihr Beat begleitete die Räumung des anarcha-queerfeministischen Hausprojektes in Friedrichshain.

Genützt hat es wenig, bereits nach einigen Stunden war die Liebig34 vollständig geräumt. Dabei blieb es auf beiden Seiten bis auf wenige Ausnahmen friedlich. Trotzdem könnte es noch ein heißes Wochenende werden: Die Aktivist*innen riefen noch vor Ort zu dezentralen Aktionen im ganzen Stadtgebiet auf.

Protestkundgebung bei der Räumung der Liebig34 am 9.10.2020.
Protestkundgebung vor der Liebig34. Foto: Imago images/Stefan Zeitz

Die Räumung der Liebig34 bedeutet einen Verlust für uns alle

Gerade weil die Themen, mit denen sich die Aktivist*innen der Liebig34 beschäftigt haben, von hoher Relevanz für unsere Stadt sind, ist die Räumung ein Verlust. Freiräume für marginalisierte Gruppen, wie der Liebig34 einer für Geflüchtete, von sexualisierter Gewalt betroffene, Wohnungslose oder schlicht nicht der binären Geschlechterordnung entsprechenden Menschen, war, verschwinden zunehmend – und sind dabei so wichtig wie eh und je.

Und klar, auch die momentan stark gebeutelten Clubs können Freiräume sein. Aber sind wir mal ehrlich: Nur für Menschen mit Geld. Eine von patriarchaler Gewalt betroffene, wohnungslose Frau wird vorm Berghain weder Hilfe noch Zuflucht finden, sondern eher mitleidige bis abschätzige Blicke.

Der Verlust der Liebig34 schmerzt besonders, weil es für sie keinen Ersatz geben wird. In einer Stadt, in der Wohnungen für viele da sind – Investoren, Spekulanten oder Börsenunternehmen zum Beispiel –, aber eben so gut wie niemals für normale Mieter*innen, gibt es kaum noch selbstorganisierte Orte, die sich dem alles dominierenden Profit- und Wachstumsterror entziehen können.

Die Schäden der Gentrifizierung werden für uns alle sichtbar

Die Schäden der Gentrifizierung werden für uns alle sichtbar, manifestieren sich in den emporschnellenden Luxusbauten, internationalen Firmenzentralen und unpersönlichen Edel- Cafés. Das es so nicht weiter geht, haben nicht nur die Aktivist*innen in der Liebig34 verstanden.

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Kevin Kühnert bezweifelt, dass es ein legitimes Geschäftsmodell ist, mit dem Wohnraum anderer Menschen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, das Volksbegehren DW-Enteignen hat 77.000 Unterschriften gesammelt und wird je nach Umfrage von einer Mehrheit der Berliner*innen unterstützt. Das zeigt: Die Überzeugung, dass Wohnen ein Menschenrecht ist, setzt sich auch in der Mitte der Berliner Gesellschaft durch. Zunehmend werden auch radikalere Mittel genutzt, um dem Mietenwahnsinn entgegenzutreten und auch für euch, liebe Aktivist*innen aus der Liebig34 und in der Rigaer94, gibt es durchaus Sympathien.

Proteste bei der Liebig34-Räumung.
Die Räumung der Liebig34 startete bereits am frühen Morgen – die Proteste auch. Foto: Imago images/JeanMW

Bei einigen Aktionen leiden die Falschen

Wenn aber in eurem Namen einfache Anwohner*innen bedroht, Polizist*innen pauschal als Bullenschweine tituliert werden oder ein Kabelbrand gelegt wird, der tagelang die Ring-Bahn unterbricht, können wir nur noch mit dem Kopf schütteln. Gerade letzteres Beispiel erzürnt, weil nicht die von euch so oft beschrienen Yuppies, nicht die Investor*innen, die die Stadt unter sich aufteilen, und auch nicht die für die aktuellen Zustände verantwortliche Politiker*innen unter dem tagelangen, kräftezehrenden Ersatzverkehr leiden.

Sondern jene, die jeden Morgen zu ihrer Arbeit müssen, kein eigenes Auto haben und es sich nicht leisten können mal eben mit dem Taxi zu fahren. Also jene, die guten Gewissen als proletarisch bezeichnet werden können und eure Solidarität verdienen. Mit solchen undurchdachten, destruktiven Aktionen verspielt ihr unsere Sympathien!

Vandalismus bei der Liebig34-Räumung.
Brennende Mülltonne im direkten Umkreis der Liebig34. Die Räumung verlief aber insgesamt recht friedlich. Foto: Imago images/Stefan Zeitz

1.500 Polizist*innen bei Liebig34 Räumung – Wo wart ihr in Hanau?

Übrigens lässt sich die Polizei auch ganz einfach konstruktiv kritisieren, ohne zu simplen Verallgemeinerungen zu greifen. Wenn auf einer der Soli-Kundgebungen heute, angesichts des überdimensionierten und unnötigen Polizeieinsatzes, laute „Wo wart ihr Hanau?“-Chöre ertönen, trefft ihr den Nagel auf den Kopf. Um die Unverhältnismäßigkeit klar zu machen, die fast chronisch anmutende Fixierung von Polizei und Justiz auf das linke Spektrum, reicht schon der Vergleich zur „Querdenken-Demo“ Ende August.

Damals waren 3000 Polizisten eine Farce, wie tip-Autorin Xenia Balzereit kommentierte, und nicht mal willens, den deutschen Reichstag zu schützten. Wenn jetzt 1500 Polizist*innen für die Räumung von rund 40 Wohneinheiten in der Liebig34 herangezogen werden, die Pressekonferenz der Aktivist*innen frühzeitig gestört wird und die Anwälte der Bewohner*innen keinen Zugang zum Haus bekommen, wird ein strukturelles Problem mit unseren Sicherheitsbehörden ersichtlich.

Lasst uns gemeinsam für eine gerechte Stadt kämpfen!

Die Liebig34 ist geräumt, die ehemaligen Bewohner*innen und deren Sympathisant*innen sollten ihr Andenken hochhalten. Nicht durch stumpfe Sabotageakte, nicht durch beliebig wirkendem Vandalismus und schon gar nicht durch Gewalt. Sondern indem sie mit anderen gesellschaftlichen Kräften gemeinsam für ein gerechtere Stadt kämpfen únd konstruktiv versuchen diese Stadt wieder für die lebenswert zu machen, denen sie gehören sollten: Den Berliner*innen.

Mehr Stadtpolitik

In Berlin gab und gibt es zahlreiche berühmte Hausbesetzungen – eine Fotogalerie. Mehr politische Themen haben wir hier.

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