Kommentar

Lockdown-Verschärfungen: Die Inkonsequenz der Konsequenten

Der Beschluss vom 5. Januar zur Verlängerung des Lockdown ist grundsätzlich richtig, findet unser Autor. Und dennoch leidlich wirkungsvoll, so lange sich Menschen tagtäglich in Büros anstecken. Ein Kommentar von Ben-Robin König.

Lockdown-Verschärfungen, die nicht streng genug sind: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn. Foto: Imago Images/Bildgehege

Eines vorweg: es ist nicht nur legitim, jedwede Änderung und Verschärfung des „harten Lockdown“ zu befürworten, sie gleichzeitig aber aufs Schärfste zu kritisieren. Es ist unbedingt geboten. Denn wenn sich anhand dieser Cervelatwursttaktik von Verschärfungen eines zeigt, ist es ihre politische Unschärfe.

Der Lockdown bleibt länger, wird härter – und doch alles beim Alten

Gestrig beschlossen Bund und Länder nun also eine Verlängerung sowie Erweiterung der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie. Die Änderungen lesen sich wie folgt: Nur noch eine Person eines anderen Haushalts treffen, bei Inzidenzzahlen ab 200 ein eingeschränkter Bewegungsradius von 15 Kilometern, in Verbindung damit ein Verlassen des Hauses nur noch mit triftigem Grund, zudem Apelle an Arbeitgeber, Homeoffice zu ermöglichen, und, Hurra: Betriebskantinen werden geschlossen – Mittag jetzt nur noch direkt am Arbeitsplatz.

Abseits dessen bleibt alles beim Alten: Nur lebensnotwendiger Einzelhandel ist geöffnet, Schulen und Kitas bleiben vorerst geschlossen, Gastronomie, Kultur, Hotels, Fitnessstudios, Sportstätten, der überlebenswichtige Frisör ebenso – die Frisur muss weiterhin selbst gerichtet werden. Das alles fürs Erste verlängert bis zum 31. Januar. Alles andere wäre auch Wahnsinn. Neue Wirtschaftshilfen gibts erstmal keine, gerade Selbstständige sind vermehrt auf Grundsicherung angewiesen. Das ist dann doch relativer Wahnsinn.

Berlin im Lockdown: Leere Straßen, aber volle Büros sind Unfug. Foto: Imago Images/Andreas Gora

Sparen wir uns die Witzeleien über die Sinnhaftigkeit von 15 Kilometern Bewegungsradius, der in Berlin übrigens, man höre und staune, erst ab Stadtgrenze gelten soll. Lassen wir die Ungerechtigkeiten über die geretteten Schornsteine von Tui-Kreuzfahrtschiffen beiseite, wenden wir uns nicht darbenden Selbstständigen zu. Und wischen wir die Schulen und Kitas – halt, hier kommen wir der Sache näher.

Schulen und Kitas geschlossen – was aber ist mit Arbeitsstätten?

Wohlweislich, dass Bildung ein hohes Gut ist, dass Schulen und Kitas soziales Gefüge von Kindern und Jugendlichen sind, die ganz besonders unter der Isolation leiden; wohlweislich dessen sind die Schließungen richtig und wichtig. Möge es Asche und Rücktritte auf die Häupter von Berufsquerdenker*innen in den Kultusministerien regnen, die allen Ernstes Schulöffnungen „unabhängig von den Inzidenzzahlen“ fordern – im Angesicht von Studien, die gerade diese Einrichtungen als verlässliche Superspreader ausmachen.

Und auch wohlweislich der Entlastung, die Schulen und Kitas für Eltern bieten, um – halt mal – weiter ihrer Arbeit… Die Stellschrauben eines einst „Lockdown light“ können noch so hart angezogen werden, eines scheint nach wie vor sakrosankt, die Arbeit.

Macht endlich die Büros zu

Nun gibt es Berufe, die weder von zuhaus aus erledigt werden, noch insgesamt niedergelegt werden können, deren Betrieb qua ihrer Systemrelevanz weiter aufrecht erhalten werden muss: Von Supermarktangestellten über Rettungsdienste, Pflegepersonal, Ärzt*innen, Feuerwehr und Polizei über Paketdienste bis hin zu derzeit hoffnungslos überlasteten Krematorien und Bestatter*innen.

Es gibt aber auch Werbeagenturen, Marketingteams et cetera, die sich für allzu systemrelevant halten, wie die Grünenpolitikerin Laura Sophie Dornheim in ihrem Aufruf „Macht endlich die Büros zu!“ im Tagesspiegel feststellt. Mehr als 50 Prozent aller Berufe in Deutschland werden im Büro ausgeübt, und viele sind immer noch offen.

Die Freizeit liegt brach, die Infektionen halten sich: Problem Arbeitsstätte

Natürlich sind glühweinbeheizte Menschentrauben und Völkerwanderungen zum Kollektivrodeln mögliche Treiber dieser Pandemie. Illegale Parties auch, die Zusammenkünfte über die Feiertage der letzten Wochen auch. Aber all das ist nichts gegen den feierlichen Aerosolaustausch an Arbeitsplätzen, der tagtäglich geschieht, aber allenfalls mit formalen Bitten und Empfehlungen bedacht wird. Die Ausübung der Lohnarbeit, gleich ihrer gesellschaftlichen Relevanz ist hierzulande eine heilige Kuh.

Das politische Versagen dieser Zeit ist nicht etwa eine vermeintliche Trödelei beim Impfen, es ist nicht etwa das setzen falscher Maßnahmen – fast alle der derzeitigen Einschränkungen sind richtig – es ist das gemächlich nur noch reagierende Nachbessern, nachdem im Sommer kopflos geöffnet und im Herbst kopflos versäumt wurde. 

Mit der Bahn ins Büro: Warum nicht systemrelevante Jobs nicht zuhause ausgeübt werden müssen, versteht keiner. Foto: Imago Images/Lichtgut

Und es ist diese erschreckend unmenschliche Huldigung der Wirtschaft, es ist allzu zynisch, wenn ein bordeuauxroter Bundesfinanzminister davon spricht, wir „können den Lockdown noch lange durchhalten“. Wenn Menschen reihenweise zur Arbeit fahren und sich nicht nur dort, sondern auch zu Hunderten in den Bahnen dorthin anhusten, ist es schlichtweg immer noch kein Lockdown gemäß der Übersetzung: Ausgangssperre. Dabei würde genau das helfen, ein konsequentes, kurzfristiges Runterfahren.

Für seine Frage „wie viel Tote sind uns ein Shoppingerlebnis wert“ bekam Berlins Bürgermeister im Dezember viel Häme. Dabei trifft sie den Kern, und muss heißen: Wie viel Tote ist uns „die Wirtschaft“ wert? Die Antwort, wie es scheint: Viel zu viele.


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Schon Mitte Dezember fiel unserer Redakteurin Aida Baghernejad die Diskrepanz zwischen geschlossenen Glühweinbuden und offenen Büros auf. Die Impfungen laufen momentan erst langsam an – Rosanna Steppat plädiert aber für Optimismus. Alle Infos zu Schnellteststellen bieten wir hier. Überblick zu Hotlines und regulären Teststellen hingegen gibt es hier.