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Interview

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin: „Die enthemmte Mitte“

„Feindeslisten“, Drohbriefe und -SMS, Brandanschläge in Neukölln und „Hygienedemos“, bei denen Hippies gemeinsam mit Rechten marschieren – Rechtsterrorismus und Rassismus sind in Berlin wieder in den Schlagzeilen. Dabei war das Problem nie weg, berichtet Bianca Klose, Projektleiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin, die Betroffenen wie auch Interessierten Hilfe zur Selbsthilfe im Umgang mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus leistet.

2001 gegründet, gibt es in jedem Bundesland eine solche Beratungsstelle. Wir trafen Klose zu einem Gespräch über Rechtextremismus in Berlin, die „enthemmte Mitte“ und die Hoffnung.


Projektleiterin Bianca Klose kämpft mit der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin" gegen rechte Tendenzen in der Stadt.     Foto: Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin
Projektleiterin Bianca Klose kämpft mit der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin“ gegen rechte Tendenzen in der Stadt. Foto: Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin

tipBerlin Frau Klose, wie haben Sie das Beratungsangebot entwickelt?

Bianca Klose Wir schauen zurück auf 20 Jahre Beratung hier in Berlin, unsere Arbeit baut mittlerweile auch auf die in diesem langen Zeitraum gesammelten Erfahrungen auf. Gleichwohl haben wir die Antworten auf Fragen, die uns Beratungsnehmende stellen, nicht fertig im Koffer dabei. Vielmehr erarbeiten wir Handlungsempfehlungen gemeinsam mit den Menschen, die uns anfragen.

Dabei gehen wir nach dem Dreiklang „Wahrnehmen – Deuten – Handeln“ vor und bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Keine Beratung ist gleich. Uns fragen Kommunalpolitiker*innen oder Landesverwaltung an, Jugendeinrichtungen, Kindertagesstätten, Sozialarbeiter*innen oder zivilgesellschaftliche Initiativen, Kunst- und Kulturprojekte, Gedenkstätten, Vereine – inzwischen gibt es kaum einen Bereich, in dem wir in den vergangenen 20 Jahren nicht beraten haben. Mit dem Bundesverband Mobile Beratung haben wir zudem bundesweit einheitliche Standards erarbeitet, die die Grundlage unserer Beratungspraxis bilden.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus: 20 Jahre Erfahrung

Wir sind ein interdisziplinär zusammengesetztes Team und ergänzen uns hinsichtlich unserer Expertisen, Ausbildungen und Schwerpunkte. Jede*r Kolleg*in bringt die eigene Sichtweise in die Arbeit ein. Wir beraten, unterstützen und qualifizieren meist zu zweit und stellen das Team je nach dem Bedarf und der Situation der Beratenden zusammen.

tipBerlin Die Adresse der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus ist im Internet einsehbar, auch ihre Identität und ihre Gesichter sind offen: Kriegen Sie auch Drohungen und andere Attacken ab?

Bianca Klose Beratungsarbeit hat sehr viel mit Vertrauen zu tun. Die Menschen, die zu uns kommen, brauchen eine authentische Beratung, die ihnen Antworten und Lösungen nicht vorgibt und nicht besserwisserisch auftritt.

Ich ziehe meinen Hut vor all denen, die sich in ihrem Alltag als Privatperson, als Initiative, als Bündnis oder im Arbeitskontext demokratisch engagieren und sich dabei nicht durch die Gefahr von Drohungen und Anfeindungen durch Rechtsextreme beirren lassen, der sie in der Gesellschaft heute leider zunehmend ausgesetzt sind.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus: Mit offenem Visier im Kampf gegen Rechtsextreme

Was diese Konsequenzen angeht, so haben wir es zurzeit mit einer neuen Unübersichtlichkeit zu tun. Die Akteur*innen des rechten Spektrums sind diverser geworden. Wir sind zudem mit einer „enthemmten Mitte“ konfrontiert, was bedeutet, dass Hetze, Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus immer stärker auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft zutage treten. Wenn wir gleichwohl die Engagierten dabei unterstützen, sich trotz Drohungen weiter zu engagieren, ist es nur folgerichtig, dass auch wir selbst mit „offenem Visier“ arbeiten.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus: „Selbstverständlich werden auch wir bedroht“

Denn selbstverständlich werden auch wir bedroht. Jede und jeder kann unsere Adresse problemlos ausfindig machen. Gefährdung entsteht daraus, dass wir uns positionieren und öffentlich exponiert sind. Das ist leider Teil unseres „Berufsrisikos“, mit dem wir, wenn es uns möglich ist, auch öffentlich umgehen. Auf der anderen Seite schützt gerade diese Öffentlichkeit aber auch.

tipBerlin „Enthemmte Mitte“ – was bedeutet das für Berlin? 

Bianca Klose Früher ging es in den Beratungen vor allem um Neonazis und klassische rechtsextreme Strukturen. Inzwischen ist aber das Feld sehr viel diverser geworden. Wir haben zum Beispiel viel mehr Qualifizierungen im Bereich Rassismus, was zumindest teilweise auf eine größere Sensibilisierung bei Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, zurückzuführen ist – vor allem aber zeigt es, dass Rassismus in dieser Gesellschaft alltäglich ist.

Auch Antisemitismus war schon immer eines unserer Beratungsfelder, auch hier werden die Anfragen nicht weniger. Zunehmend beraten wir auch im Themenfeld Rechtspopulismus, was natürlich auch mit dem politischen Machtgewinn der AfD zusammenhängt. Zugenommen hat auch die Verbreitung von Verschwörungsideologien – und auch diese werden häufig von Menschen vertreten, die üblicherweise in der sogenannten Mitte der Gesellschaft verortet werden.

„Enthemmte Mitte“ – auch in Berlin 

Seit vielen Jahren gibt es Langzeituntersuchungen, die rechtsextreme, rassistische und antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung messen; in Berlin etwa den „Berlin Monitor“. Studien wie diese zeigen seit jeher, dass ein niedriger zweistelliger Prozentsatz der Befragten bestimmte antidemokratische Positionen vertritt. Das zeigte sich auch bei den jüngsten Versammlungen in Berlin am 1. August 2020: Da war die Rede von „denen da oben” und davon, dass man sich „im Widerstand” befinde. Viele gerierten sich als „Freiheitskämpfer“ gegen „die da oben“, gegen Angela Merkel und Bill Gates, gegen „die Wissenschaft” und die „Lügenpresse“.

Deswegen betonen wir immer, dass es falsch ist, in der sogenannten Hufeisentheorie zu denken – wie es etwa der Verfassungsschutz tut. Der zufolge gibt es zwei „Extremismen“ an den „Rändern“ und dazwischen eine unbescholtene, neutrale und demokratische Mitte. Das, was uns Menschen schildern und was wir 2015 schon auf flüchtlingsfeindlichen Demonstrationen gesehen haben und aktuell auf den sogenannten Hygienedemos, das ist diese auch in den angesprochenen Untersuchungen nachgewiesene “enthemmte Mitte”. Diese Leute werden nicht einfach von Rechtsextremen und Neonazis gesteuert und manipuliert oder „verführt“.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus: Im Freundeskreis mit Verschwörungsideologie konfrontiert

Viele Menschen wenden sich an uns, weil sie in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis mit Verschwörungsmythen konfrontiert sind. Weil sie zum Beispiel nicht wissen, wie sie mit den Argumenten ihres Ehemanns umgehen sollen, weil sie zum Teil im Freundeskreis plötzlich mitbekommen, dass NS-relativierende Äußerungen getätigt werden oder von einer „Merkel-Diktatur” gesprochen wird.

tipBerlin Was hat diese vermeintliche Mitte so „enthemmt“?

Bianca Klose Die verschiedenen Einstellungsuntersuchungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass wir stets antidemokratische, minderheitenfeindliche und auch autoritäre Einstellungen in der sogenannten Mitte der Gesellschaft hatten. Neu ist, dass dieser Anteil in der Bevölkerung aktiviert wird, sich professionalisiert und auch radikalisiert. Diese Prozesse finden vielfach im Internet und in den sozialen Medien statt, auch Rechtspopulist*innen wie die AfD haben daran natürlich einen großen Anteil.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus: Mehr Fokus auf die Betroffenen

Wichtig ist, dass die Politik sich nicht von denen treiben lässt, die am lautesten schreien und am bedrohlichsten auftreten, wie das etwa bei Pegida und den rassistischen Protesten gegen Geflüchtete der Fall war, sondern die Ängste und Sorgen derer ernst nimmt, die davon bedroht werden: aufgrund ihres Engagements, aufgrund ihrer Hautfarbe, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.

tipBerlin Gibt es denn noch Hoffnung, dass wir da noch rauskommen?

Bianca Klose Na klar! Wenn wir keine Hoffnung hätten, dann würden wir wahrscheinlich unserer Tätigkeit nicht nachgehen.

  • Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus bietet Einzelberatungen, aber auch Workshops und Vorträge an. Ihr erreicht sie am besten über ihre Webseite: www.mbr-berlin.de/

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