Kommentar

Berlins schrittweise Schulöffnung: Augen zu und durch

Ab kommenden Montag, 11. Januar, sollen Berlins Schulen wieder schritt- und teilweise öffnen. Es ist, als habe der Senat beim Stoßlüften mal eben einen Gutteil des Pandemiewissens aus dem Fenster geworfen. Ein Kommentar zur Schulöffnung in Berlin von Erik Heier

Schulöffnung in Berlin: Ab 11. Januar geht es für viele zurück in die Klassenzimmer – keine gute Idee. . Foto: Imago Images/Sven Simon
Schulöffnung in Berlin: Ab 11. Januar geht es für viele zurück in die Klassenzimmer – keine gute Idee. Foto: Imago Images/Sven Simon

Trotz Homeschooling-Krise macht die Schulöffnung fassungslos

Homeschooling ist die Hölle. Die Eltern kriegen Schrei-, die Kinder Weinkrämpfe. Und die Schulbücher sind auch nicht mehr das, was sie vor 30 Jahren noch waren. Als Mama und Papa noch auf der Schulbank herumlümmelten. Gesicht frei gerade aus. Frontalunterricht-Jahre.

Jetzt macht der Lockdown erneut die Eltern zu Hilfslehrern. Manche kommen damit besser zurecht, andere schlechter. Und einige gar nicht. Darunter leiden zuallererst: die Kinder. Von den psychosozialen Problemen ganz zu schweigen. Das alles ist eine Katastrophe für die Kinder. Keine Frage.

Dass der Berliner Senat aber ab kommenden Montag schrittweise wieder die Schulen öffnen will, wie er am Mittwoch, 6. Januar, zur allgemeinen Verblüffung verkündete, beginnend mit den abschlussrelevanten Jahrgängen in geteilten Klassen und mit Wechselunterricht, macht einen trotzdem fassungslos. Was haben die sich bloß bei der Schulöffnung gedacht?

Berlins schrittweise Schulöffnung: im besten Fall riskant

Im besten Falle ist diese Entscheidung riskant. Im schlimmsten Fall heizt sie die Pandemie weiter an. Wollten wir nicht mit einem harten Lockdown die Infektionszahlen drastisch runterdrücken? Es ist, als habe Berlin beim Stoßlüften mal eben einen Gutteil der Pandemielogik aus dem Fenster geworfen.

Noch weiß niemand, wie genau sich die Feiertage und die Tage zwischen den Jahren auf das Infektionsgeschehen in Berlin ausgewirkt haben. Zwischen den Jahren wurde weniger getestet, die Gesundheitsämter machten Urlaub, das hatten sie auch bitter nötig. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) zufolge sei erst um den 16./17. Januar mit wirklich belastbaren Zahlen zu rechnen.

Dann aber sind die ersten Schüler bereits eine gute halbe Woche wieder in der Schule gewesen.

Berlin weicht mit der Schulöffnung von anderen Bundesländern ab

Denn das ist der Berliner Plan, mit dem die Stadt von den meisten anderen Bundesländern abweicht. Ab 11. Januar Wechselunterricht mit halbierten Lerngruppen der oberen Klassen, die Abschlüsse vor sich haben. Ab 18. Januar mindestes drei Stunden täglich Unterricht für die Klassen eins bis drei in gleichfalls halbierten Gruppen. Ab 25. Januar Gleiches für die Klassen vier bis sechs. Ab 8. Februar (nach den einwöchigen Winterferien) gilt das für alle Klassen und Jahrgänge. Und ab 15. Februar: normaler Unterricht für alle.

Doch, das meint der rot-rot-grüne Senat ernst.

Klassenzimmer sind Infektionsorte, die Schulöffnung in Berlin ist gefährlich

Nochmal: Noch weiß niemand, wo genau wir gerade in der Pandemie stehen. Es gilt ein harter Lockdown, er wurde gerade erst noch einmal verschärft und bis Ende Januar verlängert. Zumindest gilt er für Gastronomie, Kultureinrichtungen, selbst die Friseure. Schlimm genug, dass die Politik sich nicht traut, das Home-Office als Normalzustand festzuschreiben. So sind viele Büroetagen auch weiterhin erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum, ein Geschenk für das Corona-Virus, mit Schleifchen dran.

Vom lange gepflegten Wunschdenken, Corona würde einen Bogen um die Schulen machen, mussten wir uns bereits verabschieden. Warum sollte das jetzt anders sein? Es ist ja nicht nur so, dass die Schüler*innen sich gegenseitig anstecken können. Sondern auch: Lehrer, Eltern, Nachbarn. Großeltern.

Noch ansteckender? Die Virusmutation bietet Anlass zur Sorge

Und dann wäre da noch die Virusmutation B.1.1.7., die in England grassiert, möglicherweise deutlich ansteckender ist als die alte Variante und sich nicht zuletzt auch in Schulen verbreitet hat, die auf der Insel auch im vorweihnachtlichen Lockdown geöffnet blieben. In Dänemark verbreitet sich diese Variante bereits exponentiell. Es scheint, dass das mutierte Virus auch in Deutschland unterwegs sei. Wie stark, weiß man noch nicht. Dazu fehlen noch die Daten.

Außerdem hätten wir da noch eine südafrikanische Virusmutation, die auch allerlei Ungewissheit verheißt, was ihre Ansteckungsfähigkeit betrifft. Der Virologe Christian Drosten, unser Berliner des Jahres, wies gerade in seinem Podcast darauf hin, dass Südafrika ein beliebtes Winterreiseziel der Deutschen sei. Nicht auszuschließen, dass diese Virusvariante schon einen Langstreckenflug hinter sich hat. Auch hier wissen wir noch zu wenig.

Verdammt viele unbekannte Variablen

Es sind verdammt viele unbekannte Variablen, die der Senat da gerade leichthin zur Seite gewischt hat. Kein Wunder, dass Lehrerverbände und Eltern entsetzt sind. Die Entscheidung für einen harten Lockdown bis mindestens Ende Januar war richtig und notwendig, auf die softe Weise hat das im November ja nicht so gut funktioniert. In den nächsten Monaten sollte auch die holperig angelaufene Impfkampagne an Fahrt aufnehmen, das ist zumindest die Hoffnung.

Mit der schrittweisen Schulöffnung in Berlin geht der Senat ein großes Risiko ein. Schlimmstenfalls wird so der harte Lockdown weiter aufgeweicht. Mit der möglichen Folge, dass er dann noch länger dauern könnte. Als würde das Frühjahr nicht schon hart genug.

Aber hey, dann bleiben halt die Corona-Teststellen auch in den nächsten Monaten für viele Berliner*innen das einzige Ausgeh-Event.

Das nächste traurige Corona-Kapitel

Mit der teilweisen Schulöffnung schreibt die Berliner Bildungspolitik das nächste traurige Corona-Kapitel. Nach dem vergeigten Sommer, in dem man sich auf eine mögliche zweite Welle hätte vorbereiten müssen. Mit einer grotesk verschluderten Digitalisierung des Unterrichts. Selbst mit der Bestellung von Luftfiltern wartete der Senat so lange, dass sie wahrscheinlich erst bei der nächsten Pandemie geliefert werden.

Falls nicht wieder etwas dazwischen kommt. Ist halt so. Ist halt Berlin.

Am besten sollten Berliner Schulen dicht bleiben

Warum um alles in der Welt konnte man nicht bis zu den Winterferien die Schulen einfach komplett zulassen, die Zahlen wirklich bis zu jenem Bereich von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohnern senken (derzeit sind es in Berlin insgesamt 130), jenem Wert, bei dem die Gesundheitsämter wieder mit der Nachverfolgung der Infektionsketten hinterherkommen sollen?

Auf Change.org trendet übrigens gerade eine neue Petition „Kein Präsenzunterricht in Berlin, solange Covid-19 nicht unter Kontrolle ist“. Ein Berliner Familienvater hat sie gestartet. Die Unterschriften gehen im Sekundentakt ein.

Mit der schrittweisen Schulöffnung geht der Senat ein unkalkulierbares Risiko auf dünner Datenbasis ein. Das ist nicht nur unnötig, sondern möglicherweise gefährlich. Für uns alle.


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