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Kommentar

Senat: 2000 Stipendien für Berliner Kulturschaffende – war das eine gute Idee?

Corona macht der Berliner Kulturlandschaft zu schaffen. Wer schreibt, musiziert, singt, organisiert, sich um Ton, Licht oder die richtige Hängung von Bildern kümmert, ist von der Pandemie und den damit im Zusammenhang stehenden Maßnahmen betroffen. Projekte fallen aus, Aufträge werden storniert und die Veranstaltungen finden gar nicht statt.

Um der Situation beizukommen, hat der Senat für Kultur und Europa einmalig 2000 Sonderstipendien an die freie Szene vergeben. Das klingt gut, doch war es wirklich eine gute Idee und hilft das Programm weiter? Ein Kommentar von Jacek Slaski.

„Alarmstufe Rot“-Demonstration der Veranstaltungsbranche in Mitte am 28. Oktober 2020. Foto: Imago/Gartner

Kulturschaffende wollen finanzielle Unterstützung

Gerade protestierte die Berliner Veranstaltungsbranche vor dem Brandenburger Tor. Ausgerufen war die „Alarmstufe Rot“. Campino und Roland Kaiser traten im Schulterschluss mit Dieter Hallervorden auf und forderten… ja was eigentlich? Das Ende von Corona, die Aufhebung der strikten Maßnahmen? Nein, das nicht. Das tun die Schwurbler bei den Querdenker-Demos. Also bleibt nur eins: Die Forderung nach mehr Geld für die Branche.

In Berlin leben ungezählte Menschen von und für Kultur. In unbeständigen Arbeitsverhältnissen, oftmals prekär und sich von einem Projekt zum nächsten hangelnd. Das lief für die einzelnen mal besser und mal schlechter, bis Corona allen und jedem einen Strich durch die Rechnung machte und die Leute urplötzlich vor dem finanziellen Ruin standen.

Die Kultur läuft auf Sparflamme

Schon zum ersten Lockdown gab es Geld vom Staat, damals konnten Freiberufler 5000 Euro an Soforthilfe abrufen. Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen. Viele Kulturschaffende konnten ihre Situation in dieser Zeit nicht maßgeblich verbessern. Zwar spielen wieder die Theater und auch der Kunstbetrieb nimmt an Fahrt auf, doch sind die Zuschauerzahlen begrenzt und überhaupt läuft alles auf Sparflamme. Gleichzeitig trifft ein erneuter Lockdown das Land. Wohin diese Entscheidung führen wird, weiß niemand so recht.

Vor diesem Hintergrund lobte der Berliner Senat für Kultur und Europa ein Sonderprogramm aus. 2000 Stipendien hat man vergeben. Dotiert mit 2000 Euro im Monat, für bis zu maximal sechs Monate. Viele Millionen Euro konnten so direkt in die freie Szene umgeleitet werden. Ziel der Förderung war es, „die künstlerische Arbeit zu fördern und trotz eingeschränkter Präsentationsmöglichkeiten auf Grund von COVID-19 zu ermöglichen“.

25 Prozent der Bewerber erhielten den Zuschlag

Schriftsteller, bildende Künstlerinnen, Musiker, Komponistinnen, Tänzer und Dirigentinnen durften einen Antrag stellen. Insgesamt bewarben sich 8000 Einzelpersonen um das Geld, 25 Prozent erhielten den Zuschlag. Ein Segen für alle, die nun in den Genuss des Geldregens kommen. Alles schön, aber nur eigentlich. Denn auch hier ist es mal wieder nur ein symbolischer Akt. Ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Schriftzug „Support your local artists“ an einer Galerie in Berlin im April – es sieht weiter finster aus. Foto: Imago Images/Photothek

Zwar können nun 2000 Künstler*innen und Kurator*innen für ein halbes Jahr ruhiger schlafen, doch sofort muss man sich fragen, was ist mit denen, die sich gar nicht beworben haben. Aus welchen Gründen auch immer. Was ist mit den 6000 Verbliebenen, die kein Stipendium bekamen. Was geschieht nach den sechs Monaten?

In den sozialen Medien rumort es. „Sorry, aber es ist und war eine ganz furchtbare Idee das Leben von professionellen und selbständig Tätigen Berliner Künstler*innen und Kurator*innen zum Glücksspiel zu machen“, schreibt jemand unter dem Facebook-Post der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und verweist auf das „Losglück“ bei der Vergabe der Stipendien.

In Schweden läuf die Sache anders

„Warum wird nicht mehr von dem 50 Milliarden Soforthilfeprogramm abgerufen und dann bedarfsorientiert ausgeschüttet?“, fragt jemand anders. In Schweden läuft auch bei der Unterstützung der freien Szene die Sache etwas anders: „Dort nimmt man die gesamte Fördersumme und teilt diese durch die Anzahl der Bewerber*innen. Daraus ergibt sich eine Durchschnittsförderung, die an alle Bewerberinnen zu gleichen Teilen geht“, schreibt ein anderer Kritiker des Berliner Modells.

Es stellen sich viele Fragen und es sind wichtige und berechtigte Kritikpunkte, denn schließlich geht es hier um die kreative Szene. Jene Leute also, die diese Stadt so einzigartig machen und mehr zum Erfolgsprojekt Berlin und dem internationalen Image der Stadt beigetragen haben, als viele festangestellte und gut abgesicherte Nasenrümpfer, die den Künstlern und Künstlerinnen insgeheim gerne raten würden, „jetzt doch mal was ‚richtiges‘ zu machen“. Die sollen sich mal an ihre eigene Nase fassen und vielleicht besser nichts sagen.

Ohne Kultur wären wir in Berlin nichts. Deshalb muss die Berliner Kultur mit aller Macht und mit allen Mitteln geschützt werden, in all ihrer Vielfalt und nicht nur in ihrer erfolgreichen Ausgabe. Gerade in diesen schwierigen Zeiten!


Mehr Stadtgeschehen

Auch andere verschaffen ihrem Unmut Luft – zuletzt legten die Dauergefährder von Querdenken Straßen lahm. Die Polizei hingegen kümmerte sich vor allem um die Auflösung von Veranstaltungen wie Pornceptual.

Nicht nur auf Demonstrationen, auch in Einkaufsstraßen gilt derzeit die Maskenpflicht – allerdings nur für Fußgänger*innen. Die Sperrstunde soll vorerst aufrechterhalten werden, weitere Maßnahmen stehen noch aus. Sollte das öffentliche Leben wieder heruntergefahren werden, helfen Heizpilze der Gastronomie auch nicht mehr. Sollte es dann soweit sein, haben wir hier verschiedene Stufen des Wahnsinns in Quarantäne zusammengefasst.

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