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Kommentar

Sollte es besondere Regeln oder Privilegien für Corona-Geimpfte geben?

Eine Frage treibt die Republik um: Welche Rechte oder Privilegien sollen Leute bekommen, die gegen Covid-19 geimpft wurden? Der Deutsche Ethikrat hat dazu gerade eine Verlautbarung öffentlich gemacht, in der relativ diffus mit dem Thema umgegangen wird. Die Antwort ist aber ganz klar, dafür braucht man keinen Doktortitel: gar keine!

Die Losung der Französischen Revolution muss auch in Corona-Zeiten gelten. Entweder alle oder keiner. Foto: Imago/Emmanuele Contini
Die Losung der Französischen Revolution muss auch in Corona-Zeiten gelten. Entweder alle oder keiner. Foto: Imago/Emmanuele Contini

Zero, nix, nada, niente. Keinen Zentimeter. Solange nicht jeder Mensch, der sich impfen lassen will, auch eine Impfung bekommt, so lange darf es nichts geben, was den Geimpften auch nur den kleinsten Vorteil beschaffen würde. Kein einziger Kaffee, kein Konzert und keinen Restaurantbesuch, exakt gar nichts!

Jetzt schon hat ein großer Veranstalter angedeutet, Konzerte nur für Geimpfte zugänglich zu machen. Das kann aber nicht angehen, dafür saßen wir nicht alle fast ein Jahr in Quarantäne, Lockdown und Isolation, um jetzt, nur weil wir nicht an eine Impfung rankommen, weiterhin rumzusitzen. Rumsitzen und Leuten zuschauen zu müssen, die aus irgendwelchen Gründen bereits in den Vorzug der Impfung gekommen sind. Entweder alle oder keiner!

Besser dran dank Impfung? Es ist mir egal, ob es Krankenschwestern oder Altenpfleger sind

Es ist mir vollkommen egal, ob es Krankenschwestern oder Altenpfleger sind. Natürlich brauchen diese Berufsgruppen vorab die Impfung, um am Arbeitsplatz den Job möglichst sicher machen zu können. Damit hat sich das Thema erledigt. In keiner Weise wäre es in Ordnung, wenn diese Menschen in ihrer Freizeit in den Genuss der Normalität aus den Vor-Corona-Zeiten kommen würden, während der überwiegende Teil der Bevölkerung das nicht dürfte.

Immer wieder wird von einer Zweiklassengesellschaft gesprochen, und das wäre dann genau der Fall. Das Signal wäre verheerend. Man kann sich hier nicht mit der Freizügigkeit der Privatwirtschaft oder irgendwelchen vertraglichen Angelegenheiten ausreden. Es ist nicht nur eine Frage der Anständigkeit und der Moral, es ist eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Sollte es auch nur den mindesten Anschein von Privilegien für Geimpfte geben, entsteht ein Zustand, der sich drastisch als Apartheid beschreiben ließe. Ja, in diesem Falle geht es um Restaurant- und Kinobesuche und nicht um grundlegende Menschenrechte. Ja, es geht nicht um die Existenz und Leben und Tod, doch das Gerechtigkeitsempfinden ist hier nicht außer Acht zu lassen.

Werbung für Corona-Schutzimpfung des Bundesministeriums für Gesundheit. Foto: Imago/Christian Ditsch
Werbung für Corona-Schutzimpfung des Bundesministeriums für Gesundheit. Foto: Imago/Christian Ditsch

Jeder Restaurantbetreiber und Clubbesitzer, jeder Konzertveranstalter und jedes Museum, das auf irgendwelche Ideen kommt, wie es Menschen mit einem gestempelten Impfpass frühzeitig erlaubt, mehr zu tun als andere es dürfen, obwohl sie es gerne wollten, gräbt an der demokratischen Grundordnung.

Deshalb müssen jetzt alle warten, geimpft oder nicht. Auch weil die Frage weiterhin im Raum steht, ob Geimpfte sich zwar selbst nicht anstecken können, das Virus aber vielleicht übertragen könnten. Sollten wir in eine gesellschaftliche Spaltung aus Geimpften und Nicht-Geimpften driften, bevor sich jeder Mensch zumindest theoretisch hätte impfen lassen können (das muss man wiederholen) würde ich ausflippen. So richtig!

Meine Empörung würde keine Grenzen kennen und ich würde Menschen die Freundschaft kündigen und Konzerte von Veranstaltern, die sich anders entscheiden würden, in Zukunft nicht mehr besuchen, und sie bei jeder Möglichkeit boykottieren oder zum Boykott aufrufen, diese Leute wären nicht meine Freunde! In dem Fall müsste man den irrgeleiteten Querdenkern Recht geben, man müsste zu radikalen Lösungen greifen. Ich würde mich dann vielleicht nicht wie Sophie Scholl fühlen, aber sehr wohl wie Jana aus Kassel. Und das ist wirklich schlimm.


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