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Kommentar

Absurde Wohnungspolitik: Sozialwohnungen für Reiche – und Arme in Büros?

Es ist eine beklagenswerte Entwicklung auf dem Berliner Wohnungsmarkt und ein politisches Armutszeugnis: Sozialwohnungen, einst vom Land Berlin verramscht, werden heute von Spekulanten zu Höchstpreisen auf den Markt geworfen. Gleichzeitig sucht man nach Wegen aus der Wohnungsnot. Die Antwort heißt dann oft: sozialer Wohnungsbau. Es ist eine absurde Situation. Ein empörter Kommentar von Jacek Slaski.

Wohnanlage im denkmalgeschützten Ensemble Karl-Marx-Allee, erbaut um 1955. Foto: Kvikk/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0
Wohnanlage im denkmalgeschützten Ensemble Karl-Marx-Allee, erbaut um 1955. Foto: Kvikk/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

Arbeiterpaläste in Friedrichshain: 35 Quadratmeter für 170.000 Euro

Beim Scrollen auf Facebook bekommt man Werbung angezeigt, bei mir ist es seit einiger Zeit die Aufforderung zum Kauf von Eigentumswohnungen in Friedrichshain. Warum auch immer der Algorithmus genau diese Anzeige bei mir ausspielt, ist mir nicht ganz klar. Vermutlich liegt es an der Tatsache, dass ich sehr lange in Friedrichshain gelebt habe, vielleicht bin ich auch in der richtigen Altersstufe, nach der ich statistisch jetzt Eigentum erwerben sollte. Wie dem auch sei, meine finanzielle Situation gibt es gerade nicht her.

Doch die Anzeige hat mich noch einmal auf eine beklagenswerte Entwicklung auf dem Berliner Wohnungsmarkt aufmerksam gemacht. Die angepriesenen Wohnungen, von denen die kleinsten 35 Quadratmeter groß sind und 170.000 Euro aufwärts kosten, befinden sich in den Ausläufern der so genannten Arbeiterpaläste.

Jene prunkvollen Bauten aus der Stalinzeit, die entlang der Frankfurter Allee und der Karl-Marx-Allee in den 50er Jahren errichtet wurden, damit die Arbeiterklasse darin eine würdige Behausung findet. Nun hört man seit Jahren vom Ausverkauf der Arbeiterpaläste. Bürgerinitiativen, selbstorganisierte Bewohnergruppen und Miet-Aktivisten trotzen immer wieder den Immobilienhaien, die sich die Objekte angeeignet haben und sie jetzt zum höchstmöglichen Preis auf dem Mark feilbieten. Meist verpufft der Protest mit der Zeit und alles geht seinen kapitalistischen Gang.

Sozialwohnungen sind heute Luxus: Protesttransparente an der Fassade eines Hauses in der Karl-Marx-Allee. Foto: Imago/ Müller Stauffenberg
Einst Sozialwohnungen und heute Luxusgut: Protesttransparente an der Fassade eines Hauses in der Karl-Marx-Allee. Foto: Imago/ Müller Stauffenberg

Die Häuser, um die es in der Anzeige geht, sind aber nicht ganz so spektakulär. Es handelt sich um die rückwärtige Bebauung hin zur Gubener- und Grünberger Straße, zwischen Weberwiese und Comeniusplatz. Die Gebäude sind weniger prunkvoll, bis vor wenigen Jahren waren sie noch nicht einmal saniert. Wohl aus diesem Grund wurden dort Filme wie „Das Leben der Anderen“ und die Serie „Weissensee“ gedreht, man spürte hier noch die DDR.

Nun kostet hier der Quadratmeter 5000 Euro. Und ich frage mich, naiv wie ich bin, wie es sein kann, das Gebäude, deren ursprünglicher Sinn und Zweck es mal war, den Menschen in Berlin eine Wohnung zu geben, die nicht so viel Geld haben, jetzt zum begehrten Gut für die Bedürfnisse der finanzkräftigen Bewohner dieser Stadt umgewandelt werden.

Sozialer Wohnungsbau wird zum Luxus

Ja es ist mal wieder ein altes Lied, das ich hier anstimme, es ist ein klassenkämpferisches Lied. Deshalb klingt es leicht staubig, das tut mir leid, doch die Sache ist trotzdem ein Skandal. Sozialwohnungen sind zum Luxus geworden. Traditionell wohnten Menschen mit Geld nicht in Friedrichshain und schon gar nicht im sozialen Wohnungsbau. Wer Geld hatte, lebte in Charlottenburg, Grunewald, Zehlendorf oder Dahlem.

Die Gentrifizierung ist schon lange da, das ist klar, in Prenzlauer Berg, Mitte, Kreuzberg, Neukölln oder eben in Friedrichshain. Überall werden die Altmieter verdrängt, die Mieten steigen genau wie die Quadratmeterpreise. Alles ein alter Hut. Dennoch empfinde ich gerade den Ausverkauf dieser Wohnungen also besorgniserregend und frage mich, was da in all den Jahren schief gelaufen ist?

Büroflächen, die ungenutzt sind, in Wohnraum umwandeln? Wie bitte?

Es geht um städtische Wohnungen, um sozialen Wohnungsbau, um genau die Antwort, die die Verantwortlichen in der Politik geben, wenn es um die Lösung des Wohnungsnotstands in Berlin gibt: sozialer Wohnungsbau, sozialer Wohnungsbau und nochmal sozialer Wohnungsbau. Neu soll er gebaut werden, dabei gab es ungezählte Wohnungen, die dem Land gehörten, doch die wurden massenweise verschleudert, an private Investoren verramscht und die Mieter ihrem Schicksal überlassen. Das musste nicht sein, das ist aber passiert. Es ist ein Armutszeugnis der Berliner Wohnungspolitik.

Und es ist ein Hohn, wenn im Februar 2021 das Bündnis Soziales Wohnen mit einem Vorschlag daherkommt, man solle doch Büroflächen, die ungenutzt sind, in Wohnraum umwandeln. Da werden alte Sozialwohnungen in Friedrichshain von Spekulanten auf den Markt geworfen und mit maximalem Profit verkauft und gleichzeitig soll dann in umfunktionierten Büros gewohnt werden? Etwas ist faul im Staate Berlin und das schon viel zu lange.


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