Kommentar

Tram-Ausbau in Moabit: Lasst uns doch mal über die Bäume sprechen

Für den Ausbau der Tram in Moabit sollen mehr als 40 Bäume gefällt werden. Mehr öffentlicher Nahverkehr für weniger Stadtgrün, ein schwieriger Handel. Die Bauarbeiten sind bereits im vollen Gange, die Grünen Berlin-Mitte stehen in der Verantwortung. Beschlossene Sache also, wäre da nicht ein Antrag der Grünen-Arbeitsgruppe “Urban Jungle”, die sich gegen die Tram-Baupläne stemmt und es ablehnt, dass Bäume zwecks Mobilität abgeholzt werden. Unser Autor gibt ihr Recht, wenngleich er auch ein Problem sieht.

Bald startet der Tram-Ausbau in Moabit. Foto: Imago/Jürgen Heinrich

Streit um den Tram-Ausbau in Moabit

Nun kommt er also, der Streit, der eigentlich vorhersehbar war, jedoch überraschend spät aufkam. Eine Grüne Arbeitsgruppe (lässig jugendlich: Urban Jungle) spricht sich gegen den Tram-Ausbau in Moabit aus, zumindest gegen die Pläne. Für die Erweiterung müssten mehr als 40 Bäume gefällt und Gehwege verkleinert werden. “Das widerspricht den Zielen des Berliner Mobilitätsgesetzes und den Erfordernissen der Klimaanpassung”, schreibt sie in einem Antrag. Problematisch dabei: Die nachteiligen Auswirkungen auf Umwelt, Fußverkehr und Städtebau in der Turmstraße würden zudem von der Grünen geführten Verkehrsverwaltung geschönt dargestellt.

Die Verlängerung vom U-Bahnhof Turmstraße bis zum Bahnhof Jungfernheide soll überwiegend auf einem separaten Gleiskörper auf dem Mittelstreifen entstehen, dafür müssen Bäume gefällt werden. Gefordert wird von der Grünen AG, dass die Gleise straßenbündig gebaut werden. Bedeutet: Statt einer klaren Trennung zwischen Straße und Gleisen sollen letztere direkt in den Asphalt gesetzt werden. Statt 41 Bäume würde das nur 21 kosten, die Gehwege bleiben zudem wie sie sind.

Mehr Tempo oder bessere Luft?

Der Vorstoß ist nötig, Berlin braucht mehr Stadtgrün. Durchschnittlich verliert die Hauptstadt jährlich mehr als 1100 Bäume, von 2012 bis 2019 schrumpfte der Bestand von rund 439.000 auf 431.000, heißt es im Baumreport vom Bund für Naturschutz. Wir Menschen, besonders in der Großstadt, sind auf Bäume angewiesen. Die Pflanzen verdunsten Wasser, kühlen so die Luft, spenden Schatten, filtern Schadstoffe, was gerade in Stadtgebieten mit hoch frequentierten Straßen sinnvoll ist – weniger Feinstaubgekeuche.

Leider birgt der Vorschlag der AG einen Nachteil: Staus. Fährt die Bahn auf einem separaten Gleiskörper, wird sie nicht vom Straßenverkehr ausgebremst. In Berlin ein Problem. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Tram ist in den vergangenen fünf Jahren von 18,8 auf 17,6 Stundenkilometer gesunken, schreibt die BVG 2021 in ihren Jahresbericht. Vorrangschaltungen an Ampeln würden das Problem lösen, sogar recht einfach. Doch “einfach” funktioniert in Berlin nur selten.

Allerdings dürfte neue Bahntrassen in Kombination mit niedrigschwelligem öffentlichen Personennahverkehr auf Dauer zu weniger Straßenverkehr führen. Wenn Vorrangschaltungen, so als kleines Schmankerl, ebenfalls verbaut werden, wäre das Geschwindigkeitsproblem vielleicht gelöst. Für die abgeholzten Bäume gibt es wiederum keine Alternativen. Außerdem: Die Signalwirkung wäre eher bescheiden, wenn zwecks Verkehrswende Bäume weggeholzt werden. Das Wohnraumproblem lässt sich ja auch nicht mit überteuerten Wohnkomplexen wohlhabender Investor:innen lösen.


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