Berlin-Wahl 2021

Wahlprogramm der Berliner AfD: Neue Deutsche Härte

Das Berlin der Zukunft, wie es nach dem Wahlprogramm der AfD aussehen könnte: „Berlin First“ könnte das Motto heißen. Das gilt aber nicht für eingewanderte Menschen – mit etwas Pech drohen ihnen Abschiebungen. Ohne Rücksicht auf Koalitionsfragen haben wir uns in unserer Serie zur Wahl in Berlin die Stadt vorgestellt, wenn die Partei durchregieren könnte: So sähe Berlin aus, wenn die AfD ihr Wahlprogramm umsetzt.

"Um die Handlungsfähigkeit unserer Polizei wiederherzustellen", fordert die AfD im Wahlprogramm eine "Ermächtigungsgrundlage zum Einsatz des Distanzelektroimpulsgeräts (Taser)". Foto: Imago/Reiner Zensen
„Um die Handlungsfähigkeit unserer Polizei wiederherzustellen“, fordert die AfD im Wahlprogramm eine „Ermächtigungsgrundlage zum Einsatz des Distanzelektroimpulsgeräts (Taser)“. Foto: Imago/Reiner Zensen

AfD-Wahlprogramm: Berghain wird zum Eissportzentrum

Völker, schaut auf diese Stadt! Aber bitte nur aus der Ferne. Seit die AfD Berlin regiert, weht Neuankömmlingen ein unterkühlter Wind entgegen – und ganz besonders Asylsuchenden. Die Abschiebehaftplätze sind aufgestockt, zig ausreisepflichtige Ausländer längst des Landes verwiesen worden. Für die afghanischen Geflüchteten, die sich vor der Taliban in Sicherheit bringen konnten, ist der Platz rar: Die Modularen Flüchtlingsunterkünfte, die zu Regierungsantritt der AfD im Bau waren, sind zu Wohnungen für Berliner geworden (das unsägliche „*innen“ wurde dank klarer Kante gegen „Gender-Ideologie“ aus dem öffentlichen Leben getilgt).  

Zum Tagesgeschäft der auf Kurs gebrachten Hauptstadt-Hänger gehört nach der Wahl ihrer Vorturnerin Kristin Brinker vor allem: körperliche Ertüchtigung. Weil die AfD geschlossene Hallenbäder von Zehlendorf bis Pankow sanieren und Sportstätten noch im letzten Plattenbau errichten ließ, trimmt sich die Stadt nun täglich fit.

Im Winter morphen die Multifunktionsbäder zu Eishallen. Seit einigen Tagen geht gar das Gerücht um, man plane, die Haupthalle des Berghain – das nach seiner überraschenden Insolvenz vom Land Berlin gekauft wurde – in der nächsten Legislaturperiode  zu fluten und zum „Eissportzentrum Flottes Tanzbein e.V.“ umzuwidmen.  

Lufttaxis statt sexy Sodom

Dass die Stadt ihren Ruf als sexy Sodom (und damit viele Touristen) verloren hat, soll ihrer Beliebtheit keinen Abbruch tun: Dank des „Blue Deal 2030“ prosperiert stattdessen die Tech-Branche. Im „Kompetenzzentrum für Luft- und Raumfahrt sowie alternative Mobilität“ im ehemaligen Flughafen Tempelhof surren Lufttaxis so flink durch die Luft, dass Elon Musk drüben in Grünheide vor Schreck die VR-Brille verrutscht.

Großer Katzenjammer auch in Wolfsburg: Die „Autostadt“ gilt als altes Eisen, seit auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel ein Innovationshub für KI-Wissenschaftler und Startups nach Vorbild des Toyota-Megaprojekts „Woven City“ in Japan aus dem Boden gestampft wurde. Endlich sind wir wieder wer.

Verhaltenslehre der Kälte: Die Berliner AfD will sich laut Wahlprogramm für Eissport einsetzen – und für einen ausgelasteten Abschiebeknast. Illustration: bitteschön.tv
Verhaltenslehre der Kälte: Die Berliner AfD will sich laut Wahlprogramm für Eissport einsetzen – und für einen ausgelasteten Abschiebeknast. Illustration: bitteschön.tv

Die Kurfürstenstraße indes ist seit Abschaffung der Straßenprostitution (deren Geschichte wir hier erzählen) verwaist, der Görlitzer Park vom Partyhotspot zur Hundewiese geworden, weil er nun – wie auch andere kriminalitätsbelastete Orte – videoüberwacht wird. Auch Schlägereien in den umliegenden Kneipen gleichen einem Relikt aus Tagen des rot-rot-grünen Laissez-faire. Denn seit es Polizisten erlaubt ist, ihre Dienstwaffe auch privat zu tragen, fläzen an den Bartresen der Stadt Pistoleros mit Pils wie Südstaaten-Cowboys auf ihrer Veranda.  

Wahlprogramm der Berliner AfD: Elternhort statt Sexpartystadt

Wie auch in kühnsten CDU-Träumen wurde die Polizei zum Robocop-Heer hochgerüstet, ausgestattet mit Bodycams, Tasern und schnellem Zugriffsrecht auf Störenfriede – der Abschaffung des Landes-Antidiskriminierungsgesetz sei Dank.  

Islamistische Gefährder und Clan-Größen fühlten sich durch die Dauerüberwachung so gegängelt, dass sie in ihren getönten Limousinen im Korso die Stadt verlassen haben. Apropos: Weil die AfD der Diskriminierung von Autofahrern ein Ende gesetzt hat, brettern endlich wieder mehr Karossen durch die einst zu Pop-Up-Radwegen verschandelten Boulevards – oder ruhen in den neu errichteten Quartiersgaragen. Sportwagen allerdings sind so gut wie ausgestorben: Seit die AfD durchgesetzt hat, dass auch unverheiratete Väter automatisch das Sorgerecht für ihre nichtehelichen Kinder bekommen, haben Männer mittleren Alters weniger Geld für Midlife-Crisis-Chichi.  

Überhaupt ist die notorische Single- und Sexpartystadt zum wohligen Nest für Eltern geworden. Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften (zumindest die, die nach dem großen Privatisierungsschlag der AfD noch übrig sind) ziehen Familien bei der Vermietung nämlich vor. Queerness gibt es natürlich weiterhin – nur, bei Gott, nicht mehr im Lehrplan.   

Berlin, aber normal?

In den Schulen geht’s nun zahmer zu als in den Gymnasien bayerischer Vorzeige-Käffer: Seit über die Abschaffung der Jugendjustizabteilungen verhandelt wird, um die wild wuchernde Jugendkriminalität einzudämmen, trauen sich die Bengels gar nichts mehr.

Keine pöbelnden Teenbanden mehr – und niedergestreckte Dealer, so weit das Auge reicht. Endlich wieder Berlin, aber normal!

Das komplette Wahlprogramm der AfD in Berlin lest ihr hier.


AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker im Kurz-Check

Kristin Brinker, seit 2016 im Abgeordnetenhaus, ist Chefin des Berliner Landesverbandes der AfD. Foto: Privat
Kristin Brinker, seit 2016 im Abgeordnetenhaus, ist Chefin des Berliner Landesverbandes der AfD. Foto: Privat

Mein politisches Vorbild Helmut Schmidt.

Das sage ich morgens meinem Spiegelbild Guten Morgen.

Beste:r Berliner Bürgermeister:in bisher Ernst Reuter.

Mein liebster Berliner Kiez Meine Heimat Steglitz.

Regt mich in Berlin an Kultur und Restaurants.

Regt mich in Berlin auf Aggressivität auf den Straßen.

Darin war ich nie gut in der Schule Kugelstoßen.

Dieses Berliner Gebäude kann weg Kann weg ist keine Lösung.

Das mache ich nie wieder Ohne Helm Motorrad fahren.

Dort stürze ich nachts am liebsten ab Nach einem selbstgekochten Menü mit Freunden.

Meine erste Amtshandlung als Regierende:r Danke sagen an Wähler und Unterstützer.

So soll man sich an mich als Regierende:r erinnern Mit Herz und Verstand.


Was die anderen Parteien wollen


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So schräg machen die Parteien Werbung: 12 lustige Wahlplakate in Berlin. „Danke, ich hab schon“: Unser Autor hat keine Lust, von Promis Parteiwerbung zu erhalten. „Mit etwas Glück knacken wir die Fünf-Prozent-Hürde!“: Wir führten auch mit Martin Sonneborn (Die PARTEI) ein Interview. Neue Texte findet ihr immer aktuell in unserer Politik-Rubrik.