Stadtleben

Politiker in der Wechselwähler-WG

Wechselwaehler_WGÖkostrom?“ Für einen Moment ist Martin Lindner verunsichert. Zwar weiß der FDP-Spitzenkandidat, was im Parteiprogramm der Partei steht: Ausstieg aus dem Atomausstieg. Und freier Wettbewerb zwischen verschiedenen erneuerbaren Energien, um die Kosten für den Verbraucher zu senken. Die Wohngemeinschaft, bei der sich Martin Lindner gerade um ein Zimmer bewirbt, macht Ökostrom aber
zur Voraussetzung, um einziehen zu dürfen. Schlussendlich lässt der Politiker sich auf einen Kompromiss ein. „Ich hab ein großes Herz und auch viel Verständnis für Ökostrom. An der Sache wird es nicht scheitern.“

An der Größe des Zimmers dürfte es nicht liegen, dass Martin Lindner die WG-Bewohner von sich überzeugen will. An der herausragenden Wohngegend auch nicht. Die Wohngemeinschaft existiert von Montag bis Freitag nur virtuell. Der FDP-Politiker ist bei der „Wechselwähler-WG“ zu Gast, einem Projekt der Organisation „Netzdemokraten“. Sechs unentschlossene Mitbewohner wurden im Vorfeld gecastet: Anselme, Christine, Eberhard, Ewa, Paul und Tobias. Im realen Leben sind sie über ganz Deutschland verteilt, einige von ihnen studieren. In den sechs Wochen vor der Bundestagswahl kommen die WG-Bewohner immer sonntags zusammen, um einen Politiker an ihrem Küchentisch in einem Berliner Medienbüro zu begrüßen. Jede Partei ist einmal dran, auf der Web­site der Wechselwähler und auf StudiVZ können Videos der Gespräche angesehen werden.

Wechselwähler sind ein wachsendes Phänomen unserer Gesellschaft„, erklärt Ute Pannen. Die 33-Jährige promoviert derzeit über Kunst- und Medienwissenschaften und betreut für die Netzdemokraten das Projekt „Wechselwähler-WG“. „Individualisierung auf der
einen und die Neugründung von Special-Interest-Parteien auf der anderen Seite machen das Wählen jedes Mal zu einer neuen, komplexen Entscheidung“, sagt Ute Pannen. „Dabei entscheiden die Menschen weniger nach Parteien und mehr nach einzelnen
The­mengebieten, die ihnen wichtig sind.“ Wo aber die Stammwählerschaft schrumpft, ist es um­so wichtiger, dass Wechselwähler gut darüber informiert sind, was die einzelnen Parteien wollen, und welche Kandidaten am ehesten der eigenen Vorstellung von Politik entsprechen. Politik ist deshalb zentrales Thema der Cas­ting-Gespräche. Nach dem ersten Small Talk steht Martin Lindner am Flipchart und malt in drei Thesen auf, mit welchem Geld er die Finanzkrise bewältigen will – obwohl seine Partei die Steuern senken möchte. „Der Staat hat genug Einnahmen“, ist der Politiker überzeugt, „er gibt es nur falsch aus.“ Einsparpotenzial sieht der Politiker beispielsweise in der Bürokratie und von niedrigeren Steuern erhofft sich die FDP mehr Einnahmen. Wechselwähler Anselme ist nicht überzeugt: „Wenn Deutschland die Steuern senkt, kommen Unternehmen vielleicht erst mal zu uns. Sobald aber die anderen Länder nachziehen, entwickelt sich eine Abwärtsspirale, und am Ende nimmt jeder Staat viel weniger Geld ein als vorher.“

Wechselwaehler_WGDie sechs WG-Bewohner sind gut vorbe­reitet. In der Woche erhalten sie von den Netzdemokraten verschiedene Recherche-Auf­gaben, das politische Geschehen verfolgen sie ohnehin. Schützenhilfe für besonders knackige Fragen erhalten die virtuellen Mitbewohner aus dem Internet. In eigens ein­gerichteten Profilen im StudiVZ und MeinVZ, und über die Kommentar-Funktion der WG-Homepage können sich Wechselwähler aus ganz Deutschland an den Diskussionen be­teiligen. Bei aller Politik kommt aber auch das Menschliche nicht zu kurz. „Ich bin eigentlich ein sehr ordentlicher Mensch“, darf Martin Lindner vor laufender Kamera erklären. „Nicht etwa, weil ich Ordnung für einen eigenen Wert halte, sondern weil ich es hasse, nach Sachen zu suchen.“ Ordnung und Sauberkeit, die Aufenthaltsdauer im Badezimmer bei der Morgendusche oder eine Abneigung gegen Haustiere: Solche Themen sind den WG-Bewohnern wichtig. Obgleich die Wohnung nicht real exis­tiert, soll doch der Schein gewahrt bleiben, und das hat seinen Zweck: „Ich will doch wissen, was das für ein Mensch ist, den ich da wählen soll“, erklärt Mitbewohner Tobias. „Erst wenn ich auch privat einen Zugang zu einem Politiker habe, kann ich ihn wirklich einschätzen.“

Das ist es, was alle sechs WG-Mitbewohner eint: Sie wollen den Menschen hinter dem Politiker kennenlernen und über politische Inhalte diskutieren. Die klassische Öffentlichkeitsarbeit der Parteien – Plakate und Wahl-Werbespots – geht den sechs Wechselwählern nicht tief genug. Vielleicht ist deshalb der direkte Dialog ein notwendiger Schritt gegen zunehmende Parteienverdrossenheit. Das Format der Wechselwähler-WG haben jetzt die Netzdemokraten ins Leben gerufen. Es hätte jedoch auch eine Partei selbst erfinden können, als Mittel zum Wahlkampf. „Aber da sind die Parteien wohl noch nicht experimentierfreudig genug“, vermutet Ute Pannen.
Privat und menschlich wird es auch am Ende des Castings, als die sechs Wechselwähler und der Politiker gemeinsam Pizza liefern lassen. Mampfend und diskutierend werden sie noch eine Weile in der improvisierten WG im Berliner Büro zusammensitzen. Währenddessen schreitet ein Mitbewohner nach dem anderen zum WG-Kühlschrank, wo ein Pizza­diagramm hängt. Bunte Magneten signalisieren die momentane Parteien-Präferenz der sechs Mitbewohner. „Ich muss erst noch ein paar Punkte für mich klären und komme au­ßerdem nicht ganz von meiner Sozialisierung los“, erklärt Christine und heftet einen grünen Magneten an.

Text: Michael Metzger
Fotos: Jens Berger, tip

Mehr Infos zur Wechselwähler-WG, die Videos und das Blog gibt es im Netz unter www.wechsel-waehler.de

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