Stadtleben

Popkomm Tag 2 – Donnerstag

Abends: Vielleicht ist es ja doch etwas schwer, wenn Quantität und Qualität einher miteinander gehen und viele interessante Künstler zeitgleich bei der Popkomm auftreten. Bei Calexico etwa in der Columbiahalle sind gefühlt mehr Menschen auf der Bühne, als sich im Lido an Publikum einfindet, um YAS zu sehen, das neue Projekt von Madonna-Mitarbeiter Mirwais. Der Franzose hat seine bekannten Sequenzertöne und Samples um Live-Drums und Gitarre, vor allem aber um die tunesische Sängerin Yasmin Hamdan angereichert. Das klingt dann wie eine orientalische Version von Donna Summer und ist durchaus eine Augenweide. Derweil bieten Calexico in Tempelhof nicht nur ihren bekannten Mix aus US- und Süd-Americana, sondern fügen bei ihren ausgeprägten Jams auch Krautrock-Elemente hinzu. Sehr schön die Diaprojektionen auf der Bühnenrückseite – mal Psychedelia, mal naives Malen. Im Lido übrigens trifft man vorwiegend Franzosen und Französinnen um dreißig, in der Columbiahalle gibt sich Berlins Generation 45+ ein Stelldichein. Ach ja, und Tomte waren auch wieder da: mit einem illegalen Konzert auf dem Parkplatz neben dem Tacheles. 

Nachmittags: Heute Mal etwas später auf die Messe gegangen – und das ist gut so. Denn jetzt brummt es in den Messehallen. Die vielen Menschen dünsten den Laden endlich auch warm. Im Konferenzzentrum lancieren mit Dieter Gorny und Ray Cokes zwei Musikfernsehdinosaurier des vergangenen Jahrtausends die Musikvideoplattform der Zukunft. Ob wir von www.putpat.tv in einem Jahr noch hören werden?

Alle Trends kehren sich ja irgendwann auch wieder um. So spricht man jetzt schon von einer Renaissance der Vinylschallplatte. Die findigen Köpfe von www.vinylrecorder.com werden das sicher gerne bestätigen. In der Labelcamp-Halle führen sie neugierigen Gästen vor, wie man seine schäbigen CDS oder MP3-Dateien mittels besagtem Vinylrecorder T-560 zum Preis von 3200 Euro bequem vom Wohnzimmer aus in Vinyl prägen kann. Dass die Datenquelle dabei digital und damit dünne ist und das Ergebnis – zumindest klangtechnisch – nicht viel dicker ausfallen dürfte, ficht die angepeilte Zielgruppe DJs nicht sonderlich an. Die wollen ihr Publikum einfach nur mit besonders großen Scheiben beeindrucken. Ach ja, eine vernünftige Plattenhülle hat man damit natürlich immer noch nicht. Aber da sind der Bastellust ja keine Grenzen gesetzt.

Wie bitte? Keine Promis auf der Messe? Ich habe hier gerade Thees Uhlmann von Tomte gesehen. Einfach nur so rumstehen. Und das gleiche hat er vorgestern auch schon bei der Eröffnungsveranstaltung in der Kulturbrauerei getan. Und gestern sogar ein eigenes Konzert gegeben. Das dürfte fast für den diesjährigen Omnipräsenz-Preis reichen. Aber wer weiß – morgen ist ja auch noch ein Tag.

Morgens: Na, gut geschlafen. Bonaparte? Wahrscheinlich schlummert die wilde Band immer noch, denn die sonst nicht eben trüben Tassen in den bunten Kostümen hatten gestern Abend gehörig Grund ausgelassen zu feiern. Beim Finale des Radio Awards anlässlich der Popkomm überzeugten sie die Jury mit ihrem Live-Auftritt derart, dass es zum Sieg reichte. Hat sich also ausgezahlt, tags zuvor bei der Tip-Party schonmal zu üben. Congratulations!!

Neben dem lobenswerten musikalischen Einsatz der zahlreichen Acts des Popkomm-Partnerlandes Türkei macht sich dessen Engagement aber vor allem kulinarisch bemerkbar: Börek als Snack zur Pressekonferenz, dann auch noch süsse Obst-Spiesse – wie bei der „Kuliaria“.

Apropos Türkei – während sich der gemeine Teutone bei internationalen Messen wie dieser partout keine Blöße geben will und sämtliches Passivwissen der englischen Sprache mobilisiert, stehen die Osmane dazu, dass neben ihrer Muttersprache allenfalls noch Deutsch zu Hause gebräuchlich ist – Hochkonjunktur für Simultanübersetzer.

 

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