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Poppige Postkarten von Streetartist Andrй Boitard

Andre_Boitard_c_HarryschnitgerGanz schön schräg wirken sie bisweilen, die collagierten Postkarten, mit denen der 35-jährige Berliner Streetartist Andrй Boitard seit mehr als vier Jahren seinen Lebensunterhalt aus dem Rucksack bestreitet.
Das Figurenrepertoire seiner Kunst rekrutiert er zu großen Teilen aus Helden des guten alten Hollywood, Models der Burda-Hefte aus den Fünfziger- bis Siebzigerjahren, politischen Schicksalsgestalten des zwanzigsten Jahrhunderts und aus Personen der aktuellen Zeitgeschichte. Wenn Boitard die Figuren für geeignet hält, schneidet er sie aus. Umrahmt sie mit einer Gloriole aus Goldpapier, das vorher am Flaschenhals eines Tannenzäpfle-Biers pappte. Klebt alles auf. Und packt die Karte in eine schützende Folie.

Boitards Arbeiten verweisen auf die Tradition der Ikonenmalerei und zeigen auf gleichermaßen schlichte wie ergreifende Weise, dass sich die Namen der Heiligen geändert haben mögen, ihre Verehrung jedoch erhalten geblieben ist – weswegen man sich inzwischen auch in Kreuzberg 36 gut mit Boitards Werken versorgen kann.
Erhältlich sind sie bei Dawn am Heinrichplatz, bei Bourbon in der Schlesischen Straße, bei Let it Bleed in der Wiener Straße und bei Hazel in der Cuvrystraße. Dazu ist aktuell eine aus 96 einzelnen Arbeiten bestehende Installation an der Wand des Cafй Transit in der Schlesischen Straße zu entdecken – wenn man dem Künstler auf seinen allabendlichen Touren durch den Kiez am Boxhagener Platz in Friedrichshain nicht sowieso persönlich begegnet.

Doch an seinen Karten ist mehr dran als das, was sie zum coolen Souvenir eines launigen Kneipenbesuchs macht. Da ist beispielsweise die in Teilen akribische Auswahl der Rohstoffe: Gerupft wird nicht nur, was an visueller Überproduktion liegen bleibt – gnadenlos zerschnitten werden bei Bedarf auch wertvolle Ausgaben des legendären „Interview“-Magazins. Dazu erzählt er am Rande seiner farbenfrohen Collagen vermittels kleiner Eingriffe gerne Geschichten, die sich kritisch mit dem Erbe der christlichen Religion oder mit den unheimlichen Ecken des Unbewussten auseinandersetzen.

Andre_Boitard_PostkartenÄhnlich vielschichtig und überraschend wie seine Arbeiten ist der Künstler selbst – dessen Vorbild nicht etwa Größen wie Grosz, Schwitters und Höch sind, sondern ein Musiker aus Detroit: „Eminem ist der beste weiße Rapper. Diesen bösen Jungen mit den bösen Worten bringt er nur rein, weil das halt ein Teil vom Rap-Ding ist. Und auch wenn es inzwischen sehr gut abgemischt ist, bleibt es saugute Musik. Und in seinen Videos bringt er die krassesten Ideen unter – vom Job bei Burger King bis zum Psychokram. Eigentlich sind das Super-Collagen, zu denen sich jeder seinen Kopf machen kann“, sagt Boitard, dessen am Streetstyle orientierter Habitus bisweilen durchblicken lässt, was für eine Kämpfernatur sich hinter dem freundlichen Postkartenverkäufer verbirgt.
Sein Studium des Kommunikationsdesigns an der FH Potsdam dauert mit inzwischen 18 Semestern länger als geplant, die  Wohnverhältnisse sind nicht auf Dauer zur Kunstproduktion geeignet. Und der professionelle Kunstkontext scheint auch nicht sein Ding zu sein: „Kunstkritik, Institutionen, Galerien – das ist eine Welt, in der ein Kleinformat schon mal 4?500 Euro kostet. Aber ich habe für mich herausgefunden, dass das reale Leben auf der Straße stattfindet. Da fängt’s bei 50 Cent an und geht bis 15 Euro.“

Aber langsam scheint sein Werk den Straßenkontext zu verlassen: Aus Aufnahmen von Models wie Kate Moss gefertigte Karten-Paare gehen inzwischen auch schon mal für 20 Euro über die Boutiquentheke, und zu seinen meist ebenfalls gleichermaßen kreativen wie finanziell prekär gestellten Fans aus der Nachbarschaft gesellen sich echte Promis wie Charlotte Roche und Förderer aus Film, Funk und Fernsehen, die von sich aus sehr viel mehr als die von Boitard derzeit abgefragten fünf Euro bezahlen. Und in  dem vom sehr jungen und sehr enthusiastischen Kurator Phil Tate betriebenen Off-Off-Space Flechtheim in Berlin-Karlshorst war er ebenfalls schon zu entdecken.
So sind dann auch die beiden großen Fragen, mit denen Andrй Boitard sich derzeit hauptsächlich herumschlägt, für seine Generation und Wohngegend eigentlich komplett unschräg, sondern das Alltäglichste der Welt: Wie erkläre ich dem Finanzamt meine Existenz? Und, noch wichtiger: Wie erkläre ich meine Arbeit der Künstlersozialkasse?

Text: Gunnar Lützow
Fotos: Harry Schnitger

Bourbon Shop
Schlesische Straße 38b, Kreuzberg,
Mo–Sa 12–20 Uhr

Dawn
Oranienstraße 14, Kreuzberg,
Mo–Fr 11.30–19 Uhr, Sa 12–16 Uhr

Hazel
Cuvrystraße 19, Kreuzberg

Let it bleed
Wiener Straße 36, Kreuzberg,
Mi–Sa 14–20 Uhr

Cafй Transit
Schlesische Straße 35a, Kreuzberg,
tgl. ab 10 Uhr

 

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