• Stadtleben
  • Porträts von bekannten Zeichnern in Berlin

Stadtleben

Porträts von bekannten Zeichnern in Berlin

JimavignonDer Blickefänger: Jim Avignon

Andere Künstler sind nach New York gezogen, weil sie sich davon einen Karriere­sprung erhofften. Jim Avignon, weil er fand, er sei mit Berlin fertig. Und Berlin mit ihm. Er wollte kein Anachronismus sein, sondern Neues finden. Das gelang. Doch hat er aus sieben Jahren NY keine Kunden mitgebracht, sondern Freundin und Kind sowie Kontakte zur Streetart-Szene. „Erst dachte ich, das ist nicht meine Generation. Dann habe ich gemerkt, das liegt mir, auf der Leiter stehen, Wände anmalen und mit den vorbeilaufenden Leuten quatschen.“

Bilder für Kunst-Liebhaber

Er kann große und kleine Formate, fast immer Acryl auf Papier. Er ist wahnsinnig schnell, vier Bilder pro Tag hat er zeitweise gemalt, aktuell sind es 500 pro Jahr. Die werden, bis auf zwei, drei, alle verkauft, in über zehn Galerien weltweit. Dabei ist er wahnsinnig preisgünstig. Aus Prinzip. Mittelwert 100 Euro, Obergrenze 1?000, vieles für 20, manches verschenkt. „Ich male nicht für Investoren, sondern für Liebhaber.“
Avignon kommt aus der Berliner Clubszene der 90er-Jahre. In der Zeit gab es keine Trennung in Produzent und Konsument. Er war damals ein Marktverweigerer und ist es einfach geblieben. Beim Geld. Nicht bei der Aufmerksamkeitsökonomie. Er hat das damalige Clubleben nicht nur optisch mit geprägt, sondern auch gelernt, wie sich seine Pop Art gegen die visuelle Reizüberflutung stemmen kann und den flüchtigen Blick einfängt. Gerade hat er einen Buch-Klassiker von Guy de Maupassant illustriert. Wunderschön. 

Text: Stefanie Dörre

Jim Avignon
zeigt Bilder und spielt mit seiner Band Neoangin! am Do 15.8., 21 Uhr, Club Panke, Gerichtstraße 23, 5.HH, Wedding,

Ende August kuratiert Avignon eine Gruppenausstellung in der Schaufenstergalerie Lobeckstraße, Kreuzberg.
Guy de Maupassant / Jim Avignon „Stark wie der Tod“, ­Edition Büchergilde, ­­260 Seiten, lieferbar ab September; www.jimavignon.com

 

OLDer Lakonische: OL

Drei Mütter auf einem Spielplatz, Kaffee­becher in der Hand, quatschend. Kinder sind allerdings nicht zu sehen, denn für die, so eine der Damen, sei es „viel zu kalt“. Dieser Cartoon aus der Reihe „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ (Berliner Zeitung) zeigt gut, wie der Humor des 1965 als Olaf Schwarzbach geborenen Zeichners OL funktioniert. Ein Panorama-Bild, darin ein kurzer Satz – ergibt Komik gleich auf mehreren Ebenen. Zunächst natürlich durch den Gag an sich, Mütter ohne Kind auf einem Spielplatz. Dann der Berliner Kinderspielplatz an sich in seiner Nachwende-Funktion als „place to be“, den Frau (oder Mann) selbstverständlich auch ohne Kind aufsucht. Dazu kommen noch die Ängste („zu kalt fürs Kind“) der durch Kleidung und Frisur als alternative bis spießige Mittelschichts-Mütter gezeichneten Frauen. Fertig ist ein gesellschaftliches Panoptikum, in dem sich Bewohner der Innenstadtbezirke, mit oder ohne Kind, erkennen dürften.

Comiczeichnen als Berufung

OL, der solche Spielplätze noch aus weniger prätentiösen DDR-Zeiten kennt, war bis kurz vor der Wende Druckgrafiker in Ostberlin, geriet dann wegen politischer Zeichnungen ins ­Visier der Stasi und floh 1989 über Ungarn nach München. Er zeichnete dort weiter, kam 1993 zurück in seine Heimat und trifft seitdem nicht nur auf gestresste Mütter, sondern natürlich auch auf jede Menge Männer. Da­zu gehört der etwas außer Form geratene Superheld „Cosmoprolet“ (in jeder tip-Ausgabe). In dessen Umgebung wird, in guter Berliner Zille-Zeichnertradition, auch gerne mal schwer berlinert. Lustig ist es trotzdem. 

Text: Iris Braun

Aktuelles Buch: „Die Mütter vom ­Kollwitzplatz“, Juni 2013, Gebundene Ausgabe, 112 Seiten, Lappan Verlag;
http://webseite.ol-cartoon.de

 

Startseite Kultur und Freizeit in Berlin

 

 

 

 

Mehr über Cookies erfahren