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Potsdamer Straße: Glanz und Elend im Westen Berlins

Die Potsdamer Straße in Berlin gehört zweifellos zu den spannendsten Straßen der Stadt: Sie gilt als raues Pflaster und hippe Kunstmeile. Nicht weniger spannungsreich ist ihre Geschichte, die von rasantem Aufstieg und tiefem Fall geprägt ist. Wir haben der Potsdamer Straße ein wenig in die Seele geschaut.


Von der Landstraße zur Geschäftsstraße

Die Potsdamer Brücke samt Potsdamer Straße um ca. 1899. Foto: imago/imagebroker
Die Potsdamer Brücke samt Potsdamer Straße um ca. 1899. Foto: imago/imagebroker

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ließ König Friedrich Willhelm II. die Landstraße zwischen Berlin und Potsdam zu der befestigen Potsdamer Chausee ausbauen, um seine Sommerresidenz bequemer zu erreichen.

Doch das eigentliche Geburtsjahr der Potsdamer Straße ist 1841. Denn da erhielt der Abschnitt zwischen Potsdamer Platz und Botanischem Garten (heute Kleistpark) diesen Namen. Im Zuge der Industrialisierung entwickelte sich Berlin zu einer modernen Stadt und auch die Straße ließ ihre ländliche Vergangenheit mit schnellen Schritten hinter sich. Der Potsdamer Platz mit Pferdebahn, Straßenbahn und dem Potsdamer Bahnhof avancierte zu einer der turbulentesten Kreuzung der Stadt. In fast jedem Haus eröffneten Geschäfte, Fabriken siedelten sich in den Hinterhöfen an. Das Bürgertum bezog die mehrstöckigen Mietshäuser. Dagegen überwog den Nebenstraßen das proletalische Milieu.

Übrigens: Um 1880 räucherte der ansässige Fleischermeister Johann Cassel in seinem Geschäft gepökeltes Schweinefleisch und erfand somit das „Kassler“. Weitere Berliner Erfindungen haben wir hier zusammengetragen.


Die Straße der Intelligenz, Kunst und Unterhaltung

Verleger und Galerist Herwarth Walden und seine Frau Nell gehörten zu den wichtigsten Förderen des deutsches Expressionismus. Foto: Wikipedia
Verleger und Galerist Herwarth Walden und seine Frau Nell gehörten zu den wichtigsten Förderen des deutsches Expressionismus. Foto: Wikipedia

Ab Ende des 19. Jahrhunderts zog es konstant Intellektuelle und Künstler*innen in die Potsdamer Straße. Hier eröffneten die Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Hedwig Dohm und ihr Eheheman, der Publizist Ernst Dohm, einen der berühmtesten literarischen Salons der Stadt, zu dem auch Nachbar Theodor Fontane vorbeikam. Der Tausendsassa Herwarth Walden veranstaltete mit dem „Ersten Deutschen Herbstsalon“ 1913 eine der damals wichtigsten Ausstellungen moderner Kunst in Europa.

Eine Vielzahl bedeutender kultureller Gesellschaften, Kunsthändler und Verlage hatte bis zum Zweiten Weltkrieg in der Straße ihren Sitz. Abends traf man sich in Salons, lauschte in den Cabarets der beliebten Sängerin Claire Waldoff oder der Dichterin Else Lasker-Schüler.


Der Potsdamer Platz in den Goldenen Zwanzigern

Das Haus Vaterland mit seinem charakteristischen Runbau war der größe Amüsierpalast Deutschland. Foto: imago images/Arkivi
Das Haus Vaterland mit seinem charakteristischen Runbau war der größe Amüsierpalast Deutschland. Foto: imago images/Arkivi

Der Potsdamer Platz galt mit seinen ober- und unterirdischen Bahnhöfen, Straßenbahnen, Bussen und Autos als einer der verkehrsreichsten europäischen Plätze. Ein Verkehrsturm, die erste Ampel Europas, koordinierte ab 1924 die Menschen- und Transportmassen. Heute steht die rekonstruierte Anlange an historischer Stelle.

Luxushotels wie das Grand Hotel Esplanade zogen die gehobene Gesellschaft an und verliehen dem Platz etwas Glanz, während sich in den großen Vergnügungsstätten wie dem Haus Vaterland vornehmlich das Bürgertum amüsierte und die Nacht zum Tag machte.


Die Potsdamer Straße während der NS-Zeit

Eine der zahlreichen NSDAP Veranstaltungen im Sportpalast. Foto: imago images/ZUMA Press

Rechte und Rechtsextreme machten sich Ende der 1920er Jahre in der Potsdamer Straße breit – dagegen kamen weder SPD, KPD noch die Widerstandsgruppen an. 1926 wurde hier die Berliner SA gegründet, und nach der Machtergreifung errichteten die Nationalsozialisten am Kleistpark zahlreiche Verwaltungsgebäude.

Eine besondere Rolle spielte der Sportpalast am südlichen Ende der Potsdamer Straße. Die große Veranstaltungshalle war in den 1920ern vor allem wegen Eishockey, Boxkämpfen und dem Sechstagerennen beliebt. Für die NS-Führung wurde sie zunehmend für propagandistische Veranstaltungen interessant. Den grausigen Höhepunkt bildete hierbei Goebbels Sportpalastrede 1943, mit der er die Bevölkerung auf den „Totalen Krieg“ einschwor.


Kriegsende und Teilung

Blick auf die Grenzanlagen am Potsdamer Platz in Berlin,. Foto: imago images / United
Blick auf die Grenzanlagen am Potsdamer Platz in Berlin,. Foto: imago images / United

Nach der heftigen Schlacht um Berlin am Ende des Zweiten Weltkrieges war vom einst pulsierenden Potsdamer Platz nur noch eine Trümmerlandschaft übrig.

Mit der Teilung der Stadt endete der nördliche Teil der Potsdamer Straße an der Berliner Mauer – und damit auch ihre glorreiche Zeit. Viele der Geschäftsleute, Intellektuellen und Künstler*innen waren emigriert oder deportiert worden.

Die Stadtregierung konzentrierte sich auf den Ausbau der Gegend um den Kurfürstendamm. Dagegen sollten sich im Gebiet zwischen Landwehrkanal und Kleistpark die mobilitätsversessenen Träume einer Stadtautobahn und moderner Neubauten verwirklichen, weswegen dieser Teil zum Sanierungsgebiet erklärt wurde. Das bedeutete für die Potsdamer Straße konkret: großflächiger Abriss. In der einstigen Flaniermeile herrschte eine Aura des Untergangs.


Mythos Rotlicht

Das Sexkaufhaus lsd flankiert den Beginn des Straßenstrichs in der Kurfürstenstraße. Foto: imago images/Schöning

Bereits um die vorletzte Jahrhundertwende herum war das Gebiet um Potsdamer Straße/Bülowstraße berühmt-berüchtigt für Prostitution und Rauschgift. Schlechtverdienende Frauen, arbeitssuchende Osteuropäerinnen und in prekären Verhältnissen lebende Künstlerinnen boten sich auf der Straße oder in den zahlreichen Nachtlokalen an.

Nach Kriegsende war Prostitution mitunter die einzige Möglichkeit für Frauen, sich und ihre Familien durchzubringen. Daraus entwickelte sich mit zahlreichen Nachtclubs, Massagesalons und Stundenhotels eine Art wirtschaftlicher Aufschwung in der Potsdamer Straße, und sie wurde bis in die 1980er Jahre hinen zu einer der bekanntesten Rotlichtmeilen Berlins.

Mit dem Drogenhandel und der Zwangsprostitution hielt die organisierte Kriminalität im Milieu Einzug. Die sozialen Spannungen auf der Potsdamer Straße nahmen zu, die Prostitution wurde verdrängt. Sie verlagerte sich jedoch bloß um die Ecke in die Kurfürstenstraße, wo heute vornehmlich Osteuropäerinnen an der Straße stehen.


Hausbesetzer gegen Abriss und für Alternativkultur

Mit Transparenten versehene Häuser in der Potsdamer Straße. Foto: Museen Tempelhof-Schöneberg/Jürgen Henschel
Mit Transparenten versehene Häuser in der Potsdamer Straße 1981. Foto: Museen Tempelhof-Schöneberg/Jürgen Henschel

In den 1980er Jahren schien kaum noch etwas an die goldene Vergangenheit zu erinnern. Zwischen zwielichtigen Lokalen und trostlosen Zweckbetrieben standen zahlreiche auf Sanierung bzw. ihren Abriss wartende Altbauten leer und waren dem Verfall preisgegeben.

Vor diesem Hintergrund formierte sich die „Instandbesetzung“: Primär junge Menschen quartierten sich in den Häusern ein, sanierten sie in Eigeninitiative und bewahrten sie so vor dem Verschwinden. Doch sie verwirklichten dort nicht nur ihre Träume von einem selbstbestimmten Wohn- und Arbeitsleben. Eine alternative Kultur aus politischen Initiativen, Frauenzentren und Kunstprojekten entstand.

Zudem sollen die Hausbesetzer*innen der Straße den Namen „Potse“ verpasst haben.


Die Wende bringt nicht die Wende

Menschenmenge am provisorischen Grenzübergang am Potsdamer Platz Foto: imago images/imagebroker
Menschenmenge am provisorischen Grenzübergang am Potsdamer Platz Foto: imago images/imagebroker

Mit dem Fall der Mauer herrschte eine Euphorie, die auch der Potsdamer Straße neue Lebensgeister einhauchte. Mehr Menschen kamen, das Geschäftsleben erlebte einen Aufschwung. Lange hielt das jedoch nicht an. Die kulturelle Szene in der Potsdamer Straße verlor ihr Publikum an die neu entstehenden Szenen im Osten der Stadt.

Stararchitekten bekamen viel Geld, um den Potsdamer Platz in ein urbanes Zentrum umzugestalten – auf die Potsdamer Straße färbte der Boom jedoch nicht ab.


Potsdamer Straße: ein Sozialer Brennpunkt in Berlin

Das Pallasseum war in den 1990ern ein sozialer Brennpunkt an der Potsdamer Straße. Foto: imago/Detlev
Das Pallasseum war in den 1990ern ein sozialer Brennpunkt an der Potsdamer Straße. Foto: imago/Detlev

Nach dem Mauerfall döste die Straße vor sich hin und machte eher mit Drogen und Rotlichtviertel oder sozialen Problemen von sich Reden. Sinnbidlich für die negative Entwicklung stand die gigantische Wohnanlage Pallasseum. Diese wurde auf das Gelände des ehemaligen Sportpalastes erbaut, nachdem dieser 1973 abgerissen wurde.

Hier lebten hauptsächlich Menschen mit geringem Einkommen, darunter viele Migranten. Gegen Ende der 1990er Jahren waren Vandalismus und soziale Spannungen so schlimm, dass ein Abriss des Wohnkolosses erwogen wurde. Jedoch wurde die Idee zugunsten der Gründung von einem Quartiersmanagment und Präventionsrat verworfen. Diese konnten den problematischen Entwicklungen entgegenwirken und durch unterschiedliche Projekte positive Impulse für die ganze Straße setzen.


Medienstandort

In der Potsdamer Straße  erblickte auch der tip das Licht der Welt. Foto:imago images/Lem
In der Potsdamer Straße erblickte auch der tipBerlin 1972 das Licht der Welt und blieb hier eine Weile, bevor es ihn nach Kreuzberg und dann nach Charlottenburg verschlug. Foto:imago images/Lem

Die Potsdamer Straße hat eine lange Tradition als Medienstandort in Berlin, und die Liste der kurz oder länger ansässigen Verlage, Radiosender und Medienbüros ist lang, sehr lang: vom Rowohlt Verlag in den 1920er Jahren über den „Tagesspiegel “ seit den 1950er Jahren bis zum alternativen „Radio 100“ in den 1980er Jahren. Auch die tipBerlin-Redaktion hatte viele Jahre ihre Räume in der Potsdamer Straße.

Die meisten davon sind mittlerweile weggezogen, wir ja auch. Dennoch gibt es auch heute zahlreiche kleinere und größere Büros von Berliner Medienschaffenden auf der Potsdamer Straße.


Die Galeriemeile 2.0

Potsdamer Straße in Berlin: Die Galerie Blain Southern beeindruckt schon allein durch ihre großzügigen Räume. Foto: imago images / Tom Maelsa
Die Galerie Blain Southern beeindruckt schon allein durch ihre großzügigen Räume. Foto: imago images / Tom Maelsa

Die Kunst hat sich längst wieder in der Potsdamer Straße niedergelassen – und kein Besucher des Gallery-Weekends würde sie auf seiner Tour auslassen. Die vielen leerstehend Räume wurden um 2010 zunehmend von Galeristen bespielt. Damit belebten sie die künstlerische Vergangenheit der Potsdamer Straße aufs Neue.

So reihen sich im Abschnitt zwischen Kurfürstenstraße und Schöneberger Ufer zahlreiche Galerien aneinander – ob an der Straße oder in den Hinterhöfen. Neben etablierte Namen wie „Blain Southern“ aus London oder „Esther Schipper“ aus Berlin sind aber auch alternative Kunsträume wie „Projektraum Zwitschermaschine“ angesiedelt.


Eine attraktive Mischung

Potsdamer Straße in Berlin: Hier wird bereits am "Wirtschaftswunder" gebaut. Foto: imago images/Christian Thiel
Hier wird bereits am „Wirtschaftswunder“ gebaut. Foto: imago images/Christian Thiel

Für diese Brüche ist die Potsdamer Straße beliebt: Galerien, Designerläden, hippe Restaurants und schicke Bars auf der einen Seite – Woolworth, türkischer Supermarkt, Imbisse und Kneipe auf der anderen Seite. Die ersteren weiter nördlich, die letzteren weiter südlich. Und zum Teil begegnen sie sich in der Mitte, wo auch noch etwas Rotlicht-Flair herrscht.

Mittlerweile ist dieser soziokulturelle Mix so beliebt, dass der Straße gar ein „Wirtschaftswunder“ bevorsteht. Diesen Namen trägt das Neubauprojekt am ehemaligen Standort der Commerzbank an der Ecke Bülowstraße. Büros, Einzelhandel und Gastronomie wird es dort geben. Der Musikgigant Sony Music will hier Räume beziehen. Zudem sollen das Erotikkaufhaus LSD und Woolworth Neubauten weichen. Für andere bedeuten die Steigenden Mieten das Aus. So kämpft momentan das selbstverwaltete Jugendzentrum Potse trotz richterlich beschlossener Räumung um seinen Verbleib auf der Straße.

In der Geschichte der Potsdamer Straße wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ob sie dabei ihren schmuddelig-schicken Charakter beibehält, wird sich zeigen.


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