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Prenzlauer Berg in den 1990er-Jahren: Mauerfall bis Gentrifizierung

In den 1990er-Jahren begannen in Prenzlauer Berg die Veränderungen. Die unsanierten Altbauten hatten eine magische Anziehungskraft für Lebenskünstler, Aktivisten, Musiker, Schriftsteller und Studenten, naturgemäß aller Geschlechter, die sich unter die alteingesessenen Bewohner mischten.

Einige Häuser wurden besetzt, Kneipen, Ateliers und Galerien gegründet und für einen kurzen Moment entstand inmitten der Stadt eine einzigartige soziale Mixtur aus altem DDR-Charme und alternativen Lebensentwürfen. Ost und West wuchsen auf spannende Weise zusammen.

Die Aufbruchsstimmung rief aber recht bald auch Immobilienhaie und Investoren auf den Plan. Prenzlauer Berg wurde zur Goldgrube und zum Ende des Jahrzehnts spürte man bereits die harten Gesetze des Marktes. Der Bezirk wurde zum Paradebeispiel für die Gentrifizierung. Hier sind 12 Fotos aus Prenzlauer Berg der 1990er-Jahre, jener kurzen Phase zwischen Verfall und Ausverkauf.


Altbauten und gute urbane Struktur: Wasserturm im Morgenlicht

Kohlenwagen fährt auf den Wasserturm in Prenzlauer Berg zu, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Kohlenwagen fährt auf den Wasserturm in Prenzlauer Berg zu, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Das Besondere an Prenzlauer Berg nach der Wende war die weitgehend erhaltene Altbausubstanz in dem Bezirk. Die schönen Mietskasernen mit den Gründerzeitfassaden, große Wohnungen mit Dielenböden, Stuck und Doppelflügeltüren. Die lauschigen Plätze und Straßenecken, kleine urbane Nischen, verwunschene Brachen und günstig gelegene Gewerberäume.

Eine urbane Struktur, die schon in den 1980er-Jahren die Ost-Berliner Boheme nach Prenzlauer Berg lockte. Damals wurden die Wohnungen oftmals noch mit Kohle beheizt, man sah Kohlenwagen in den Straßen, es gab Außentoiletten, die Höfe verfielen, doch dazwischen keimte noch vor dem Mauerfall ein widerspenstiger und kreativer Geist, der sich in den 1990er-Jahren entfalten konnte.


Harte Gesetze des Marktes: Leerstand überall

Direkt nach dem Mauerfall standen viele Gewerberäume in Prenzlauer Berg leer. Foto: Imago/Dieter Matthes
Direkt nach dem Mauerfall standen viele Gewerberäume in Prenzlauer Berg leer. Foto: Imago/Dieter Matthes

Nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung brach die DDR-Wirtschaft im rasanten Tempo in sich zusammen. Große Unternehmen, wie etwa der in Prenzlauer Berg beheimatete VEB Fleischkombinat Berlin, der einstige Zentralvieh- und Schlachthof, wurden bereits 1991 abgewickelt.

In Prenzlauer Berg stand schon vor dem 9. November 1989 viel leer, doch nach der Wende beschleunigte sich die Entwicklung. Kleine Läden hielten der neue Konkurrenz aus dem Westen nicht stand. Moderne Supermärkte und große Kaufhäuser machten sich breit. So gehörte Leerstand zum Alltag in Prenzlauer Berg der 1990er-Jahre dazu.


Der Leerstand wird gefüllt: Die Boheme von Ost-Berlin

Vernissage in der Galerie Knaack 90. Prenzlauer Berg war schon in den 1980er-Jahren der Heimatbezirk der Ost-Berliner Boheme. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Vernissage in der Galerie Knaack 90. Prenzlauer Berg war schon in den 1980er-Jahren der Heimatbezirk der Ost-Berliner Boheme. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Wo Leerstand existiert, findet sich bald jemand der ihn füllt. Dieses scheinbare Naturgesetz hat sich in Berlin immer wieder bewahrheitet. Da in den 1990er-Jahren nicht nur in Prenzlauer Berg, dort aber sehr sichtbar, der Markt etwas anders funktionierte, konnten die Gewerberäume teilweise alternativ bespielt werden. Entweder wurden sie günstig vermietet oder die Häuser wurden gleich besetzt.

Das Foto zeigt ein Foto von einer Ausstellungseröffnung in der Galerie Knaackstraße 90, die sich in einem besetzten Haus befand in dem auch die Künstler lebten. In jenen Tagen entstand der später weltberühmter Berliner Stil aus kahlen Wänden, bunt zusammengewürfelten Vintage-Möbeln und improvisierten Bars, der die Interieurs von Clubs, Kneipen und Galerien über Jahre prägte – und es bis heute tut, wenn auch häufiger in nun angesagten Bezirken.


Die Demographie verändert sich: Rentnerin in der Rykestraße

Rentnerin in der Rykestraße in Prenzlauer Berg, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Dieter Matthes
Rentnerin in der Rykestraße in Prenzlauer Berg, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Dieter Matthes

In den 1990er-Jahren veränderte sich in Prenzlauer Berg das Lebensgefühl und parallel dazu die demographische Zusammensetzung der Anwohner. Der Anteil von Rentnern und Familien nahm ab, die neuen Mieter senkten den Altersdurchschnitt, viele Single-Haushalte entstanden, die unzähligen Wohngemeinschaften sorgte für eine hohe Fluktuation im Kiez. Leute kamen und gingen. Es wurde jünger, die Alteingesessenen aber wurden weniger.


Archaische Lebensbedingungen und niedrige Mieten

Kohlenlieferung in der Rykestraße, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Dieter Matthes
Kohlenlieferung in der Rykestraße, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Dieter Matthes

Das Leben in Prenzlauer Berg hatte noch etwas Archaisches, zumindest für die aus Westdeutschland zugezogenen Studenten, die an die westlichen Lebensstandards gewöhnt waren. Plötzlich musste man die alten Kachelöfen mit schmutzigen Kohlenbriketts anheizen, manchmal befand sich die Toilette auf halber Treppe, viele Wohnungen hatte keine Dusche oder nur eine telefonzellenartige Duschkabine in der Küche, die von einem kleinen Durchlauferhitzer mit Warmwasser versorgt wurde, der natürlich nie funktionierte.

Heute klingen diese Beschreibungen wie Erzählungen aus dem Krieg, doch in den 1990er-Jahren gehörten das alles zum Alltag vieler Bewohner. Dafür kosteten die Wohnungen fast nichts. Über zu hohe Mieten hat in den 1990er-Jahren niemand geklagt und den Begriff „Gentrifizierung“ kannten höchstens Soziologen und Architekturtheoretiker.


Unbeschwerte Kindheit in Ost-Berlin: Spielen im Hinterhof

Kinder spielen in einem Hinterhof in Prenzlauer Berg, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Werner Schulze
Kinder spielen in einem Hinterhof in Prenzlauer Berg, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Werner Schulze

Viele Ost-Berliner schwärmen von einer idyllischen Situation und verlieren kein schlechtes Wort über die Zeit ihrer Kindheit. Man fühlte sich geborgen und sicher, konnte Abenteuer erleben und die ganze Gegend gehörte den Cliquen. Wer es nicht selbst erlebt hat, muss einfach glauben, dass die Hauptstadt der DDR ein Kinderparadies war. Es gab aber auch melancholische Momente in Ost-Berlin.

Das Foto mit den spielenden Kindern in einem Prenzlauer Berger Hinterhof entstand in den frühen 1990er-Jahren und es ist durchaus ein Beleg für eine Form urbaner Kindheit, die sich heute in dem Bezirk eher nicht mehr finden lassen wird.


Second-Hand-Klamotten, Easy-Listening-Partys und alte DDR-Geschäfte

Elektromotoren-Kundendienst in der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Dieter Matthes
Elektromotoren-Kundendienst in der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg, frühe 1990er-Jahre. Foto: Imago/Dieter Matthes

Die Oderberger Straße und Kastanienallee gehörten schon bald zu den beliebtesten Wohngegenden in Prenzlauer Berg. Dazu kamen noch die Kieze um den Kollwitz- und den Helmholtzplatz. Man ging auf Partys in besetzten Häusern, trank Kaffee im Schwarzsauer und hing im verwahrlosten Mauerpark rum, wo an der Ecke eine Bude stand in der ein obskurer Club namens St. Kilda Tipps Drill eine temporäre Behausung fand.

Tagsüber versorgte man sich mit Second-Hand-Möbeln, Büchern aus Antiquariaten, gebrauchten Cord-Hosen und 70er-Jahre-Hemden oder Adidas-Trainingsjacken im Vintage-Style. Techno, Britpop und Easy Listening lagen in der Luft.


Der Stoff aus dem Investorenträume sind: Alte Wohnhäuser in der Wichertstraße

Alte Wohnhäuser in der Wichertstraße in Prenzlauer Berg, Mitte der 1990er. Foto: Imago/Seeliger
Alte Wohnhäuser in der Wichertstraße in Prenzlauer Berg, Mitte der 1990er. Foto: Imago/Seeliger

Ganze Häuserblöcke verfielen, Wohnungen standen leer oder wurden besetzt, die Eigentumsverhältnisse der Immobilien waren oftmals ungeklärt, die Wohnungsbaugesellschaften überfordert, schon bald sollte der große Ausverkauf beginnen. Die Sanierungen und Modernisierungen folgten.

Doch in den 1990er-Jahren schrumpfte Berlin, man schloss Schulen und die hoch verschuldete Stadt trennte sich schon bald von den landeseigenen Wohnungen. Auf der anderen Seite konnte findige Investoren in jener Zeit das Geschäft ihre Lebens machen. Wer den richtigen Riecher hatte, für den war der Prenzlauer Berg in den 1990er-Jahren eine Goldgrube.


Die linke Szene gewinnt an Bedeutung: Der Seifenladen in der Schliemannstraße

Der Seifenladen, eine Szenekneipe der linken Szene in der Schliemannstraße. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Der Seifenladen, eine Kneipe der linken Szene, in der Schliemannstraße. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Während die Immobilienhaie sich in Position brachten, florierte in Prenzlauer Berg der 1990er-Jahre die linke Szene. Nach dem Mauerfall wurden in Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg Dutzende Häuser besetzt. Vor allem die Mainzer Straße in Friedrichshain und die spektakuläre Räumungsaktion im November 1990 gingen in die Geschichte ein.

Doch auch in Prenzlauer Berg entwickelte sich eine aktive linke Szene, einer der Treffpunkte war der Seifenladen in der Schliemannstraße. Diese Zeit beschreibt Lutz Seiler eindrücklich in seinem Roman „Stern 111“.


Unsanierte Altbauten in der Greifenhagener Straße

Unsanierte Altbauten in der Greifenhagener Straße, Aufnahme von 1997. Foto: Imago/Seeliger
Unsanierte Altbauten in der Greifenhagener Straße, Aufnahme von 1997. Foto: Imago/Seeliger

Die Wartburgs und Trabanten verschwanden in den späten 1990er-Jahren aus dem Berliner Stadtbild. Auch die meisten Geschäfte aus der DDR-Zeit haben da schon dicht gemacht. Doch noch waren ganze Straßenzüge unsaniert.

Poröse Fassaden in Grau- und Brauntönen, zugige Fenster und die dunkelrot gestrichenen Böden, „Ochsenblut“ genannt, die in mühevoller Arbeit abgeschliffen wurden, gehörten noch zur Normalität. Prenzlauer Berg war noch keine Parkzone, man konnte auf den Dächern der Häuser rumklettern, durfte in den Kneipen rauchen und Yoga-Studios, Bio-Eisdielen und vegane Bistros waren noch weitgehend Zukunftsmusik.


Besetztes Haus in der Kastanienallee

Kastanienallee in den frühen 1990er-Jahren. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Kastanienallee in den frühen 1990er-Jahren. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Neben dem Kollwitzplatz gilt die Kastanienallee als Symbol für die Veränderungen in Prenzlauer Berg. Dem Aufstieg des Bezirks von einem leicht maroden Arbeiterviertel, in dem sich in den 1980er-Jahren die Ost-Berliner Boheme angesiedelt hat, zu einem Wohlfühlparadies für gutbetuchte Akademikerfamilien mit ökologischem Gewissen. 


Die Schönhauser Allee Arkaden werden gebaut

Bagger auf der Baustelle der Schönhauser Allee Arkaden in Prenzlauer Berg, Sommer 1997. Foto: Imago/Seeliger
Bagger auf der Baustelle der Schönhauser Allee Arkaden in Prenzlauer Berg, Sommer 1997. Foto: Imago/Seeliger

Der Aufschwung Ost begann in Prenzlauer Berg Ende der 1990er-Jahre. Großbaustellen, Kräne, Baugerüste und Schuttcontainer tauchten plötzlich an jeder Ecke im Bezirk auf. Projekte wie die Schönhauser Allee Arkaden wurden verwirklicht, hunderte Häuser saniert, alles neu und schön.

Die Verbesserungen und Modernisierungen waren sicherlich notwendig, schließlich verfiel der Bezirk seit Mauerzeiten. In vielen Fällen wurden die Veränderungen aber Investoren und finanzstarken Neuberlinern überlassen und die sozialen Aspekte zugunsten von Profit vernachlässigt. Viele Altmieter verloren ihre Wohnungen, wer sich die Miete nicht leisten konnte, musste weg. Die Gentrifizierung nahm ihren Lauf und Prenzlauer Berg wurde zum ihrem Symbol.


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