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Prenzlauer Berg vs. Schöneberg: Teil 2 – Schöneberg

Rathaus_SchoenebergIch wohne schon immer hier. Seit 45 Jahren. Viermal bin ich im Bezirk umgezogen. Immer nur ein paar Meter. Als waschechter Schöneberger und authentischer Mauerstadtveteran unterteile ich die Menschen noch immer in Westdeutsche und Ostler. Die Mauer im Kopf ist auch nach 20 Jahren nicht bröckelig. Kein Wunder: wird man von den unechten Berlinern doch als lebendes Fossil betrachtet. Keine dieser zu­gereisten Bevölkerungsgruppen würde aus Überzeugung auf die Idee kommen, nach Schöneberg zu ziehen. Und das ist auch gut so. Denn wir Schöneberger leben nicht nur auf der Roten Insel, wir fühlen uns auch wie auf einer einsamen Insel, die erst seit Kurzem wirklich erschlossen wird. Echtes Weltstadtflair versprüht der neue Fernbahnhof Südkreuz. Hier kann man, völlig ausgeflippt, am Sonntagabend um 22 Uhr Lebensmittel einkaufen. Fast so wie in New York oder Tokio. Sogar die ersten pöbelnden Bahnhofspenner haben sich dort niedergelassen. Es war eine Sensation, als wir im letzten Jahr auch noch unseren eigenen S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke bekommen haben, von Kindern gerne auch Leberwurstbrücke genannt. Von hier aus können wir nun, ohne großartig umsteigen zu müssen, in die „Stadt“ (also in die Schloßstraße zum Bummeln) oder in die Ostzone (die Fried­richstraße) fahren. Zumindest theoretisch. Denn was sollen wir da?

Schoeneberger_FlohmarktMit dem Kaiser-Wilhelm-Platz und der angrenzenden Hauptstraße haben wir ja unsere eigene eigenwillig provinzielle Einkaufsmeile, auf die wir mächtig stolz sind. Denn die modernen Mächte des Bösen (McDonald’s, Burger King, Dunkin’ Donuts) haben alle versucht, das hässliche Antlitz des Kapitalismus nach Schöneberg zu bringen, und sind kläglich nach wenigen Monaten zugrunde gegangen. Nur bodenständige Kebab-Buden und po­litisch überkorrekte Bioinseln haben im moder­ni­sierungsresis­tenten Schöneberg 62 eine Zukunft. Und Woolworth darf bleiben, gleich gegenüber der Hertie-Ruine – der guten alten Zeiten wegen. Stolz sind wir auch auf Deko-Behrend, die Mutter aller Faschings- und Scherzartikelläden. Hier habe ich schon als Kind in den frühen 70er Jahren von resoluten Fachverkäuferinnen Mons­ter­latex­masken und Gummiskelette kaufen können. Da war an Halloween noch nicht zu denken, denn John Carpenter hatte seinen gleichnamigen Film mit dem mas­kierten Mädchenmörder noch nicht gemacht. Inzwischen wissen wir zwar, was Halloween sein soll, aber feiern tun wir im Okto­ber in der Akazienstraße das „Kürbisfest“, wo man die bei Deko-Behrend erstandenen Kostüme auf dem Kinderkarussell ausführen kann.

In der friedvoll verträumten Akazienstaße gibt es sogar einen exklusiven Wellnesstempel, und gegenüber steht das sogenannte Esoterikhaus, in dem Sinn suchende Alt- und Jung-Hippies schon seit Jahren rauchfrei und barfuß tanzen, ohne dabei Alkohol zu trinken. Die Akazienstraße ist eine natürlich gewachsene Aneinanderreihung von alternativ angehauchten Läden, Restaurants und Cafйs, die sich bis in die Goltzstraße fortsetzt und am Winterfeldtplatz endet. Dieser Platz, der regelmäßig mit Wochen- und Weihnachtsmärkten belegt wird, ist der einzige Ort in Schöneberg, der ansatzweise an die Touristen abgegeben wurde.

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