Stadtleben

Pro-Reli: Haste mal ne Unterschrift?

soll's der Teufel holen


Die Drückerkolonnen von Pro Reli sammeln nun auch in U- und S-Bahnen

Zehn Uhr, S1 Richtung Oranienburg: „Sehr geehrte Damen und Herren, entschuldigen Sie die Störung…“ Der zottelige ältere Herr sieht zwar aus wie einer der vielen Straßenzeitungsverkäufer – und er redet auch so. Tatsächlich zieht er aber durch die S-Bahn, um Unterschriften zu sammeln. Man soll „für den Religionsunterricht unterschreiben“. Die ersten Fahrgäste blicken von ihren Zeitungen hoch. Mit erhobener Stimme fährt er fort: „Ohne Gott gibt es keine Werte“. Vereinzelt werden Köpfe geschüttelt. Einige steigen sogar aus. An diesem Morgen bekommt der Pro-Reli-Mann keine einzige Unterschrift. Und das ist auch richtig so!

Anmaßend, rechthaberisch und überaus nervend warb die Kampagne in den letzten Wochen für den Religionsunterricht. Die Pro-Reli-Drückerkolonnen standen vor Bio- und Billigsupermärkten, auf Bahnsteigen, Wochenmärkten, in Einkaufspassagen, vor Schulen und Kitas und machten Radio- sowie Plakatwerbung mit Günther Jauch und Dйsirйe Nick. Bei dem personellen Aufgebot sollte man glauben, die Kirchen wären jeden Sonntag gut gefüllt. Sind sie aber nicht. Haben da also tausende Berliner einen modernen Ablass unterschrieben? Unterschrift gegen Ruhe und Frieden? Oder doch einen späteren Platz im Himmel? Wie dem auch sei. Fakt ist: die Initiative Pro Religion hat genug Stimmen für ein Volksbegehren. Damit kommt es im Frühjahr zur Abstimmung über ein zusätzliches Pflichtfach Religion.

Als ehemalige Klosterschülerin würde ich sogar noch einige Schritte weitergehen. Am besten hängt man in jedes Klassenzimmer ein Kreuz, lässt die Schüler jeden Morgen ein Gebet sprechen und ordnet zusätzlich zum Pflicht- und Leistungsfach Religion einmal im Monat einen Gottesdienstbesuch an. Mit 15, nach der Konfirmation, sind wir evangelischen Schüler damals geschlossen aus der Kirche ausgetreten. Die katholischen Schüler brauchten, schon wegen ihrer konservativen Eltern, etwas länger – aber auch sie ließen die Kirche mit 18 Jahren größtenteils hinter sich. Soviel zum Christentum. Bei anderen Religionen funktioniert so etwas leider nicht zwangsläufig. Und daher bin ich natürlich gegen Pro Reli, gegen Nonnen, Pfarrer, Pastoren, Imame und sonstige Geistliche an staatlichen Schulen.

Und die Schüler sind sowieso gegen Pro Reli. Für sie würde ein Pflichtfach Religion zwei zusätzliche Unterrichtsstunden pro Woche bedeuten. Man sollte sie ernst nehmen – und mitentscheiden lassen.
Britta Geithe

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