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Prohibition in Prenzlauer Berg – Alkoholverbot auf dem Spielplatz


Berlin gibt sich gerne als „Stadt der Freiheit“. Doch eine Spielplatzbar im Helmholtzkiez darf auf der Terrasse keinen Alkohol mehr ausschenken. Was ist da los?

Die Spielplatz-Bar, wo Wein und Sekt im Thekenschrank bleiben müssen: das Alois S. an der Senefelder Straße. Foto: snapshot / imago images

Vorher: Ein lauer Sommerabend. Die Terrasse der Tapasbar Alois S. und der angrenzende Elefantenspielplatz in Prenzlauer Berg sind rappelvoll. Die Eltern nicht. Aber happy. Sie haben ein Bier oder eine Weinschorle vor sich und ihre Kinder im Blick. Die rennen, buddeln, schaukeln und sind auch glücklich. Kommen kurz zum Tisch, stürzen ein paar Schlucke Apfelschorle herunter und düsen wieder ab. Am Ende gibt’s noch eine Portion Kartoffelecken, und um halb neun sind alle im Bett.

Nachher: Ein lauer Sommerabend. Auf dem Spielplatz spielen sechs Kinder, auf der Terrasse sitzt niemand. Ein paar Gäste haben einen Tisch auf dem Gehweg um die Ecke ergattert, aber die meisten drängen sich in dem eher dämmrigen Gastraum. Immer wieder quetscht sich ein Papa oder eine Mama an den Tischen vorbei und guckt, was die kleine Helene-Luise draußen so macht. Der Partner guckt derweil alleine ins Glas. Oder checkt mal eben Tinder.

Das ist der Erfolg von Ordnungsamtseinsätzen in Pankow. Nachdem die Nachbarschaftskneipe Alois S. an der Senefelder Straße fast 20 Jahre lang ein relaxter Abhäng-Spot für Familien war, hat das Bezirksamt im vergangenen Jahr damit angefangen, Bußgelder gegen Betreiber Lothar Heer zu verhängen. Alkoholausschank sei auf Spielplätzen nicht erlaubt, weil dieser der Zweckbestimmung dieser Ort zuwiderlaufe, heißt es.
Ein Gesetz, dass Alkohol auf Spielplätzen explizit untersagt, gibt es in Pankow und Neukölln anders als in anderen Bezirken allerdings nicht. Hintergrund für die Kontrollen sind laut Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) Beschwerden von Anwohnern.

Die hatten gemeldet, auf dem Spielplatz würden Kinder bis spät in die Nacht herumrennen – gänzlich unbeaufsichtigt von ihren volltrunkenen Erziehungsberechtigten. Anscheinend halten die Helikoptereltern nicht, was sie versprechen. Sie kreisen nicht nur über ihren Kindern, sie kippen sich auch ordentlich was hinter die Binde. Und zwar nicht nur Bionade und Latte Macchiato.

Weil er bereits den zweiten Bußgeldbescheid kassiert hat, bewirtschaftet Heer seine Terrasse nun nicht mehr. Die Gäste des Alois S. haben dafür wenig Verständnis. Andi, 48, und Nina, 38, finden die neue Regelung „absolut dämlich“. Wer soll schon kontrollieren, was die Gäste mit ihren Getränken machen? Gerade in Berlin, wo das Wegbier Tradition hat und der nächste Späti nie weit ist. Die Kante geben würde sich hier sowieso keiner. „Dafür ist die soziale Kontrolle in Prenzlauer Berg viel zu hoch. Wenn man hier auf einem Spielplatz was trinkt, wird man so lange böse angeguckt, bis das Bier verdampft ist“, sagt Nina.

Auch die Bezirkspolitiker in Pankow kritisieren die Entscheidung aus dem Bezirksamt. In einer Ausschusssitzung Mitte Juni haben sie ohne Gegenstimme die Rückkehr zu der früheren Praxis gefordert. Der Spielplatz vor dem Alois S. gehöre zu den gepflegtesten in Pankow, weil der Betreiber sich darum kümmere, argumentieren sie. In anderen Sandkisten buddelten die Kids dagegen schon mal Spritzen oder Scherben aus.

Bezirkspolitiker Roland Schröder (SPD), der den Antrag in den Ausschuss eingebracht hat, ist vom Aktionismus im Bezirksamt genervt. Es sei der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln, warum man in einem Fall etwas Funktionierendes sabotiere, während man anderswo gravierende Missstände ignoriere.

Vor kurzem sollte auch der Karaoke im Mauerpark der Stecker gezogen werden. Vier Anläufe hat die BVV gebraucht, um das Karaoke-Verbot abzuwenden. „Es kann doch nicht sein, dass die Verwaltung der Meinung ist, es geht nur noch um Ruhe, Ordnung und Sauberkeit – und alle sollen zuhause bleiben und Kamillentee trinken“, sagt Schröder.


Getrübte Biergarten-Saison


Bezirksstadtrat Kuhn, der für die Grünanlagen in Pankow verantwortlich ist, ist inzwischen ein Stück weit zurückgerudert: In einem Treffen mit Lothar Heer hat er zugesagt, dass das Alkoholverbot ein wenig aufgeweicht werden soll. Für die Terrasse will er demnach nicht dauerhaft die komplette Abstinenz verordnen, sondern nur den harten Stoff verbieten, also Cocktails, Longdrinks und Hochprozentiges. Bis die Genehmigung vom Amt vorliegt, bleibt das Generalverbot aber bestehen. Außerdem will Kuhn nach der Sommerpause Anfang August einen Runden Tisch mit Anwohnern einberufen. Dann soll auch die BVV über den Fall beraten.
Die Biergartensaison ist dann fast vorbei. Dabei sind es doch die warmen Sommertage, an denen die Berliner sich draußen treffen. Hier zieht sich nicht jeder hinter seine Hecke zurück, schon weil die wenigsten eine haben. Viele kommen nach Berlin, weil sie genau das wollen, nämlich inmitten der Stadtgesellschaft leben. Was sich im Helmholtzkiez einlöst: Das Viertel ist eines der am dichtesten besiedelten Berlins. Viele Menschen haben zuhause nicht so viel Platz und verlängern ihren Wohnraum gerne in die Stadt. Auf der Facebook-Seite von Alois S. hat ein junger Papa ein Foto gepostet, mit seinem Baby auf dem Arm. Darunter schreibt er: „Wohnzimmer“.
Laut Meinungsforschern verbinden vier von fünf Berlinern ihre Stadt mit Freiheit. Auch der Senat und seine Tourismuswerber setzen gerne auf diesen Begriff, haben Berlin sogar zur „Hauptstadt der Freiheit“ erklärt. Und die Behörden in Pankow jagen den Radlertrinkern auf dem Spielplatz hinterher?

Daniel Krüger, der AfD-Stadtrat für öffentliche Ordnung, hält es mit dem Prinzip „Zero Tolerance“ und hat nicht nur saufenden Eltern, sondern auch wildem Grillen und Radfahrern im Park den Kampf angesagt. Das äußerte er in einem Tagesspiegel-Interview. Sein nächstes Projekt hat er darin schon angekündigt: „Man sollte die kommerzielle Nutzung der Gehwege insgesamt streng limitieren, auch und gerade die Gastronomie.“ Die Luft in Pankow könnte also noch trockener werden.

Dabei können Kinder davon profitieren, wenn sich ihre Eltern zusammen einen reinstellen. Studien haben ergeben, dass Paare die regelmäßig gemeinsam trinken, glücklicher sind und weniger Ehekrisen durchlaufen. Prost.

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