Stadtleben

Provinz

Berlin ist natürlich keine Provinz. War es nie. Sondern Frontstadt, Mauerstadt, Weltstadt und Metropole. Einzigartig, immer im Fokus der Weltpolitik, urban. weltoffen. Wenn in Washington, Paris oder Moskau über die Zukunft Deutschlands verhandelt wurde – und das wurde es ja oft – dann ging es streng genommen auch immer um die Zukunft von Lichterfelde oder Lübars und den dort beheimateten Gartenzwergen.
Der Berliner ist und war immer Teil der Weltgeschichte, er muss nicht hinaus, die anderen kommen zu ihm, bzw. haben zu ihm zu kommen wie weiland die Subventionen. Er muss sich seine Urbanität nicht beweisen, er besitzt sie qua Geburt innerhalb der Stadtgrenzen. Als ich hierherzog haben mich selbst Menschen, die in Frohnau wohnten, ohne ironischen Unterton als Landei aus Wessi-Land bezeichnet.
Dabei sind es ja gerade die Menschen aus den anderen Provinzen, die Berlin ausmachen. Die wahre Stadt ist ja das große Miteinander von Fremden jedweder Herkunft, die alle die Erfahrung eint, fortgegangen zu sein, um woanders neu anzufangen: Zugezogene aus Wessi-Land, aus dem Osten, aus Anatolien oder aus Schwaben. Diese urbane Gemeinschaft, denen das Provinzerlebnis die Sehnsucht zu anderen Lebensentwürfen eingeprägt hat, lebt vor allem in Bezirken, wo die Anzahl der eingeborenen Berliner eher gering ist: in Kreuzberg, Schöneberg, Mitte oder Prenzlauer Berg. Viele der echten Berliner bleiben nämlich ein Leben lang in ihren Westbezirken leben und fühlen sich dort als die wahren Städter.  

Man könnte nun sagen: Provinzieller geht’s nicht – als diese arrogante Haltung, alles, was nicht aus Berlin kommt, für kleinstädtisch und unterbelichtet zu halten. Und dennoch wohnt selbst dieser Art viel von dem inne, was es in der Provinz nicht gibt: Das Vermögen, die anderen machen zu lassen. Die Berliner schauen auf die umtriebigen Zugezogenen nicht mit Borniertheit herab, sondern eher mitleidig. Alles arme Tröpfe, die Teile ihres Lebens weitab von Berlin verbringen mussten und sich daher heute auf Loveparades, in Darkrooms oder beim Bikram-Yoga therapieren müssen.

Diese Weltbürger aus den Reihenhäusern in Zehlendorf, Lankwitz oder Britz halten es mit dem großen Anti-Provinzler Karl Marx, der die Bourgeoisie dafür lobte, das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen zu haben. „Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen.“ Besser hätte es der Berliner auch nicht sagen können.

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