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So queer ist Schöneberg: tip-Guide für den Regenbogenkiez

Schöneberg ist queer – und das seit mehr als 100 Jahren. Vor allem rund um den Nollendorfplatz und die Motzstraße blickt man auf eine lange schwule und lesbische Geschichte zurück. Der Begriff „Regenbogenkiez“ ist fest etabliert, hier haben Bars, Clubs und Läden vielfach in Solidarität mit der LGBTQIA+-Community die Pride-Flagge im Fenster hängen. Alle wichtigen Infos über das queere Schöneberg findet ihr hier.

Queere Geschichte in Schöneberg

Das Eldorado war das bekannteste Travestielokal Berlins. Foto: Von Bundesarchiv/Wikimedia Commons/CC-BY-SA 3.0
Schöneberg ist seit Ewigkeiten queer. Das Eldorado war das bekannteste Travestielokal Berlins. Heute ist hier ein Biomarkt. Foto: Bundesarchiv/Wikimedia Commons/CC-BY-SA 3.0

Schon in den 1920er-Jahren war das Viertel rund um den Nollendorfplatz der Mittelpunkt des homosexuellen Lebens in Berlin. Schon damals gab es hier zahlreiche Bars und Nachtclubs explizit für Schwule und Lesben. Vor allem das Travestielokal „Eldorado“ an der Motzstraße Treffpunkt der queeren Community: Auch Prominenz wie Marlene Dietrich saß hier gerne im Smoking am Tresen.

In Schöneberg war während der Wilden Zwanziger eine offen queere Szene entstanden. Der Zustrom aus dem Ausland war dementsprechend groß: Viele Homosexuelle flohen nach Berlin, um sich vor Verfolgung im eigenen Land zu retten. Mit der Machtübernahme der nationalsozialistischen Regierung fand dieses bunte Treiben allerdings ein jähes Ende. Homosexuelle wurden ab 1933 auch in Berlin brutal verfolgt und ermordet. Die Gedenktafel an der Südseite des U-Bahnhof Nollendorfplatz mit dem Schriftzug „Totgeschlagen – Totgeschwiegen – Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus“ erinnert seit 1989 an diese Zeit.

In der Woof Bar geht es gerne mal freizügiger her. Foto: imago/Stefan Zeitz
In der Woof Bar geht es gerne mal freizügiger her. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand die queere Szene langsam ihren Weg zurück nach Schöneberg. Stück für Stück holte sie sich ihren Kiez um die Motzstraße mit der Gründung von Kneipen, Bars und Saunen zurück. Und ab den 1970er-Jahren trat die Schwulen- und Lesbenbewegung in Deutschland mit großem Selbstbewusstsein in die Öffentlichkeit. Aus diesen turbulenten Zeiten entstammt unter anderem der Christopher Street Day, an dem seit 1979 gegen die Diskriminierung der queeren Gemeinschaft rebelliert wird, aber auch ein dichtes Netz an alltäglichen Angeboten für die queere Community in Schöneberg und Berlin.

So entstand beispielsweise 1985 der schwule Checkpoint Mann-O-Meter in Schöneberg. Damals als Telefonberatungsstelle für die Aids-Gegenaufklärung gegründet, finden Männer dort ein umfangreiches Angebot, von Informationen bis hin zur Hilfe beim Coming-out. Das Informationszentrum gibt es noch immer, die queere Geschichte in Schöneberg ist nach wie vor lebendig.

Das merkt man auch heute schon, wenn man am Nollendorfplatz aus der U-Bahn aussteigt und die Regenbogenflaggen allgegenwärtig sind. Selbst die Kuppel, die den U-Bahnhof so schön macht, war ab 2014 jahrelang in Regenbogenfarben beleuchtet.

Eine Bartour durch den Schöneberger Regenbogenkiez

In Schöneberg kann man sich voll und ganz ins queere Nachtleben stürzen. Rund um den Nollendorfplatz findet ihr zahllreiche Bars, in denen ihr trinken, aber auch gerne mal tanzen könnt. Häufig richten sie sich vorrangig an ein männliches Publikum. Vor allem in Einrichtungen wie Bull, Scheune und Woof geht es dabei freizügig bis hart zu, genauso im New Action, einem Treffpunkt für Lederfetischisten, die sich auch gerne sexuell austoben möchten.

In der „Scheune“ feiern Männer, manchmal auch recht ausgelassen Foto: Scherer

Weniger freizügige, aber nicht minder unterhaltsame Abende lassen sich in der Heilen Welt an der Motzstraße verbringen, die mit Plüschwand und kuscheliger Lounge-Ecke richtig gemütlich ist. Weniger Meter ist schon die nächste Bar – der Hafen: Die schwul-lesbische Location ist bekannt für Schlagerpartys, Quizshows und die offene Atmosphäre.

Im Regenbogenkiez könnt ihr ganze Nächte am Bartresen verbringen, aber wenn ihr wirklich tanzen wollt, könnt ihr zum Beispiel im Connection Club an der Fuggerstraße vorbeischauen. Hier feiert Berlins schwule Community auf zwei Floors ausgelassen zu Techno. Wer noch mehr feiern will, findet hier unser wöchentliches Club-Update mit Berlins besten Partys.

Eisenherz: Auch Literatur in Schöneberg ist queer

Queere Literatur gibt es seit 1978 im Buchladen Eisenherz in Schöneberg. Foto: Carsten Bruhns
Queere Literatur gibt es seit 1978 im Buchladen Eisenherz in Schöneberg. Foto: Carsten Bruhns

Im queeren Zentrum Berlins, am Nollendorfplatz, befindet sich die Buchhandlung Eisenherz. Schon bei der Eröffnung im Jahr 1978 war die Buchhandlung (damals unter dem Namen Prinz Eisenherz) eine beliebte Anlauftstelle für schwule Menschen. Das Konzept: mit Büchern, die sich mit Homosexualität auseindandersetzen, Sichtbarkeit für die Community schaffen. Schnell wurde die Buchhandlung zum Szenetreffpunkt für politische Aktivist:innen und Homosexuelle.

Der Laden ging mit dem Zeitgeist, ohne seinen Charakter zu verlieren und erweiterte das Sortiment auch um lesbische Literatur. Die einst schwule Buchhandlung in Schöneberg wurde queer, der Name deshalb auf Eisenherz verkürzt.

Noch heute werden hier regelmäßige Lesungen gehalten, die Buchhandlung bietet auch Raum für Diskussionen und Ausstellungen. Weitere Infos zum Kulturprogramm findet ihr hier. Eisenherz und mehr: Schöne Buchhandlungen für queere Literatur in Berlin stellen wir hier vor.

Queeres Shopping in Schöneberg

Die Butcherei an der Motzstraße ist in der Fetischszene weltweit bekannt: Kein Wunsch ist zu ausgefallen, das Angebot der Chefs Oliver Eiermann (links) und Marc Lindinger absolutes High-End der Branche. Foto: Scherer

Generell gibt es im Viertel auch einige Geschäfte, die sich mit Liebe und Lust auseinandersetzen. Oder anders gesagt: Alles, was man sich in Sachen Sex vorstellen kann (und legal ist) bekommt man hier. Ob Spielzeug, Spaßgeschenk oder gleich ein Lederoutfit aus Teufelsrochen (in der „Butcherei“ zu bekommen) – die Auswahl ist riesig. Erster Anlaufpunkt ist für viele der Sexshop Bruno, der quasi die Basisausstattung bietet. Einfach mal treiben lassen. In einigen Geschäften findet sich auch Sportswear, die nicht nur bei der nächsten FC Snax im Berghain nützlich ist.

Queere Events in Schöneberg

Das Lesbisch-Schwule Stadtfest auf dem Nollendorfplatz ist nicht nur ein politisches Event- hier wird auch gefeiert. Foto: imago/David Heerde
Das Lesbisch-Schwule Stadtfest auf dem Nollendorfplatz ist nicht nur ein politisches Event- hier wird auch gefeiert. Foto: Imago/David Heerde

Europas größtes Lesbisch-schwules Stadtfest findet jährlich am Wochenende vor dem CSD statt. Auf dem Nollendorfplatz tummeln sich dann um die 350.000 Besucher:innen aus der ganzen Welt und stehen für die queere Community ein. Die aktuellen Infos gibt es hier.

Ein besonderes Event im Kalender ist auch das Straßenfest Folsom. Im Herbst kommen Menschen mit den unterschiedlichsten Fetischen zusammen: Da werde menschliche Hunde Gassi geführt, und auch sonst übersteigt das Event teilweise wohl die Vorstellungskraft einiger. Es wird allerdings darauf geachtet, dass auf den gesperrten Straßen nichts allzu Heftiges geschieht – dafür gibt es dann ja auch die umliegenden Clubs und Bars. Auf jeden Fall ein spezielles Ereignis, das aber eine schöne Atmosphäre hat. Gerade weil es von Menschen veranstaltet wird, die wissen, wie viel es wert ist, sich öffentlich so ausleben zu können.

Auch der LGBTIQ-Weihnachtsmarkt „Christmas Avenue“ findet auf dem Nollendorfplatz statt. Hier wird ein gleichsam informatives wie auch unterhaltsames Programm geboten. Neben dem traditionellen Glühwein kann man eine Runde Drag-Bingo spielen oder auch spannenden Reden zuhören. Infos hier.

Den Kiez mit Guide erkunden

Unter anderem die bekannte Berliner Tunte Margot Schlönzke, hier mit Bull-Chef Jürgen, führt durch diverse Institutionen im Kiez. Im Bull gibt es einen großen Darkroom-Bereich, generell wird eher härter gefeiert und rund um die Uhr. Foto: Scherer

In der Corona-Krise wurde die „Kieztour“ wieder zum Leben erweckt. Beliebte Berliner Tunten führen durch den Regenbogenkiez, dabei geht es in allerlei Geschäfte und Bars, auch welche, die sonst nur für Männer geöffnet sind dürfen von allen Teilnehmer:innen besichtigt werden. Es wird nicht nur viel über die Geschichte des Kiezes vermittelt, sondern auch hier und da ein Schnaps mitgenommen. Der beste erste Kontakt, aber auch für häufige Gäste im Areal gibt es einige interessante Anekdoten zu hören. Kostet 21 Euro, lohnt sich, mehr Infos hier.

Schwules Museeum: Nicht ganz Schöneberg, aber fast

Aus dem Regenbogenkiez kaum wegzudenken ist das Schwule Museum, obwohl es genau genommen etwas nördlich von Schöneberg im Stadtteil Tiergarten liegt. Seit 1985 kümmert sich die Einrichtung um die Erforschung und Darstellung queeren Lebens in Berlin. Damals mit dem Fokus auf Schwule, erweiterte das Museum das Konzept, um heute die große Diversität sexueller Identitäten und Geschlechterkonzepte abzudecken. Das Programm des Schwulen Museums reicht von Führungen über Diskussionsveranstaltungen bis zu Vorträgen und Filmabenden.

Das Schwule Museum behandelt die Geschichte der LGBTQ-Community. Foto: imago/CTK Photo
Das Schwule Museum behandelt die Geschichte der LGBTQ-Community. Foto: Imago/CTK Photo

Das Museum leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der schwierigen Geschichte der LGBTQIA+-Community in Berlin. Mehr Infos zu den aktuellen Ausstellungen im Schwulen Museum hier.


Mehr zum Thema

Wer noch nicht genug vom Bezirk hat, findet hier alle Artikel zu Schöneberg. Auch außerhalb vom Regenbogenkiez kann man von Kultur bis hin zu kulinarischen Leckerbissen viel in Schöneberg entdecken. Auch der Natur-Park Südgelände, Schönebergs schönstes Naturschutzgebiet, ist einen Besuch wert. Die Wahrzeichen und wichtigsten Schöneberger Sehenswürdigkeiten lernt ihr hier kennen. Alles, was wir zu queeren Themen in Berlin schreiben, findet ihr hier.

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