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Drag-Star Bambi Mercury: Ohne Schutzräume ist unsere Community vom Aussterben bedroht

Bambi Mercury gehört zu den bekanntesten Drag Queens der Berliner Szene – dank zahlloser Auftritte in Clubs und Bars von Schwuz bis Tipsy Bear. Die Teilnahme bei der Heidi-Klum-Show „Queen of Drags“ machte Tim K. (32) dem Mainstream-Publikum bekannt. Gerade als der junge Vater sich selbstständig gemacht hatte, kam Corona. Eine Gefahr für Berlin – und für die queere Szene. Im Interview berichtet er von dem Rückschlag wegen der Pandemie und der Bedeutung der Institutionen, die nun akut gefährdet sind.

Bambi Mercury als Arielle. Martin Ehleben / Rework by QT
Bambi Mercury ist großer Disney-Fan, hier als Ursula gestylt. Den Namen entlieh er dem berühmten Reh – und Queen-Sänger Freddie Mercury. Foto: Martin Ehleben/Rework by QT

tipBerlin Sie waren erst vor wenigen Monaten bei „Queen of Drags“, einer Drag-Show mit Heidi Klum auf ProSieben. Wie hat sich das auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Bambi Mercury Ich hatte vor der Teilnahme an der Sendung schon einen sehr gut gefüllten Terminkalender. Dank der Show kam noch einiges dazu, vor allem Buchungen für den Sommer, für Pride-Paraden und Christopher-Street-Days. Das hat mir gezeigt, dass es richtig ist, wie ich bin – und ich damit vorankomme.

tipBerlin Dann kam Corona.

Bambi Mercury Ja, das hat dann sofort alles geändert. Erst kamen die Verschiebungen, dann die Absagen von Veranstaltungen. Auch für den Rest des Jahres wird nur zögerlich gebucht – es kann ja noch keiner absehen, wann was wieder erlaubt ist und welche Veranstaltungen sich dann überhaupt lohnen. Das ist besonders schwer greifbar, wenn man vor gar nicht langer Zeit eine Fernsehshow in Los Angeles gedreht und ein enormes Freiheitsgefühl erlebt hat. Es fühlt sich so entfernt an, da momentan alles so eingeschränkt ist.

tipBerlin Gerade für Sie eine besonders schwierige Situation. Sie haben Ihren festen Job erst vor einigen Monaten aufgegeben.

Bambi Mercury Genau, Anfang des Jahres habe ich meine Festanstellung als Stylist aufgegeben, da mein Terminkalender immer voller wurde, nicht nur am Wochenende Veranstaltungen gebucht wurden und es wirklich so aussah, als könnte ich mich genau jetzt gut selbstständig machen und diesen Traum verwirklichen. Zwei, drei Wochen später ging dann alles los. Einkommenstechnisch ist das allermeiste weggefallen.

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#transformationtuesday Shot by @oceanonair 💙 #80s #trash #clubkid #berlin #dragqueen #bearded #upcycling #diy #outofdrag

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tipBerlin Dazu gab es noch eine zweite große Veränderung.

Bambi Mercury Genau, ich wurde Vater, habe zwei kleine Kinder mit einer guten Freundin. Die ich natürlich unterstützen will. Was nun doch deutlich schwieriger ist.

tipBerlin Wie wirkte sich das alles auf Sie persönlich aus?

Bambi Mercury Ganz ehrlich: Am Anfang hatte ich ganz schön zu knabbern an allem. Ich war antriebslos, konnte aber auch nicht die Freunde treffen, die mir im Leben wichtig sind. Die Aussichten waren – und sind – nicht gut. Ich habe definitiv mit einer Form der Depression zu kämpfen gehabt. Dann habe ich mich mit aller Kraft zusammengerissen. Man muss es auch so sehen: Wäre das 1993 passiert, hätten wir nicht einmal Social Media, um in Kontakt zu bleiben. Auf diesem Weg können wir auch weiter für unsere Sachen kämpfen, zuallererst Akzeptanz. Für viele sind Drag Queens immer noch schräge Menschen in Frauenfummel. Das ist aber nicht korrekt. Wir sind Teil der Unterhaltungsbranche, teilweise als DJ, teilweise als Performer, viele dabei immer ausdrücklich politisch engagiert bzw.  motiviert.

tipBerlin Sie selbst setzen sich für viele Berliner Projekte ein, zum Beispiel auch fürs Schwuz bei #unitedwestream, dem Streaming-Spendenmarathon der Berliner Clubs. Warum ist Ihnen das wichtig?

Bambi Mercury Weil unsere Community vom Aussterben bedroht ist, wenn unsere Schutzräume plötzlich nicht mehr da sind, weil sie pleite sind. Menschen, die wenig bis keine Diskriminierung erfahren, können nur bis zu einem bestimmten Punkt überhaupt nachvollziehen, was es bedeutet, sich beim Ausgehen, bei der Arbeit sicher zu fühlen. Dass Aktionen wie #unitedwestream auch Orte wie das Schwuz inkludieren, ist unglaublich wichtig. Denn diese zuerst nicht sonderlich queer gedachte Streaming-Reihe gibt uns damit Gehör. Gleichzeitig bekommen all die Menschen, die gar nicht wissen, warum solche Orte für uns so wichtig sind – weil sie selbst eigentlich überall willkommen sind – idealerweise eine Vorstellung davon, was das bedeutet.

Bambis Styling ist sehr eigen – die meisten Drag Queens rasieren sich den Bart ab. Gerade das macht die Figur so auffällig. Foto: Candy Crash
Bambis Styling ist sehr eigen – die meisten Drag Queens rasieren sich den Bart ab. Gerade das macht die Figur so auffällig. Foto: Candy Crash

tipBerlin Betroffen sind solche bunten Orte wie das Schwuz, aber auch kleine, spezialisierte Betriebe, in denen z.B. auch sexuelle Fantasien ausgelebt werden können – auch diese sind bedroht.

Bambi Mercury Da ist es noch schwieriger, anderen zu vermitteln, wie wichtig diese Räume sind, in denen Menschen sie selbst sein können. Ein Bereich, der ohnehin nirgendwo die erste Priorität ist, der sich immer noch fortwährend mit Vorurteilen – oder auch direkter Gewalt – auseinandersetzen muss, steht auch und besonders in Corona-Zeiten nicht im Vordergrund. 

tipBerlin Was lernen Sie aus der Krise gerade?

Bambi Mercury Zum Beispiel ein Stück weit mehr Demut. Gerade feierten wir 75 Jahre Kriegsende, ich habe viel darüber gelesen. Selbstverständlich ist das, was damals passiert ist, viel schlimmer. Trotzdem bekommt man eine Idee davon, was es bedeutet, wenn bestimmte Menschengruppen am besten gar nicht vor die Tür gehen sollten. Wie gesagt: Ganz andere Zusammenhänge. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass wir eine Demokratie haben, Meinungsfreiheit. Und wie viel das wert ist und wie wichtig es ist, sie zu bewahren. Ich kann außerdem sehen, dass ich subjektiv traurig bin. Aber es gibt Menschen, die überhaupt keine Unterstützung bekommen, denen es schlechter geht. Auch deshalb müssen wir uns auf die Missstände unserer Gesellschaft konzentrieren. Ungerechtigkeit, Rassismus, Sexismus, all diese Dinge dürfen nicht in Vergessenheit gerate werden.

tipBerlin In Berlin gab es eine Finanzspritze für Selbstständige.

Bambi Mercury Die für zwei, vielleicht drei Monate gedacht war. Die Zeit ist um, und wir haben immer noch keine Lösung, keine Einnahmequellen.

tipBerlin Was sich ja auch gerade für Ihre Kunst noch etwas ziehen wird.

Bambi Mercury Ja, natürlich. Körperkontakt ist so schwer vorstellbar derzeit, aber die Menschen in Clubs sind sich nahe, schwitzen, husten, niesen. Andererseits: Es gab immer Seuchen. Und es ging immer irgendwann weiter.

tipBerlin Sind Sie eigentlich noch in Kontakt mit den anderen, die bei „Queen of Drags“ dabei waren? Auch mit Heidi Klum, Bill Kaulitz, Conchita Wurst?

Bambi Mercury Heidi folgt uns allen bei Instagram, das macht sie sonst nicht so ausgeprägt bei ihren anderen Formaten. Und wir schreiben uns auch mal was nettes. Genau wie mit Tom und Conchita – letztere kenne ich eh schon lange. Mit Katy Bähm und Candy Crash bin ich sowieso in engem Kontakt, die sind aus Berlin und Freundinnen. Wir haben auch alle eine Whatsapp-Gruppe, da gratulieren wir dann Janisha zum Geburtstag oder Catherine zum Muttertag. Das ist ein kleines Mini-Universum. Und aus dem heraus entstehen ja auch jetzt tolle Dinge, wie Livestreams und lustige Aktionen, an denen wir alle auf Instagram teilnehmen. So bleiben wir mit uns und unseren Fans in Kontakt. Gute Freunde und ein gutes Netzwerk sind das wichtigste, um in der Branche zu überleben. Das zeigt sich jetzt mehr denn je.

tipBerlin Was kommt als nächstes?

Bambi Mercury Es gibt einige Projekte, die noch nicht spruchreif sind. Irgendwann geht es zurück auf die Bühne, nicht nur online. Erst einmal ist am Sonntag das Online-Event „Wir für Queer – Das Online-Soli-Event für die Community“ von „ICH WEISS WAS ICH TU“, einem Projekt der Deutschen Aidshilfe. Da mache ich mit. Und es wird sicher noch einige solcher Aktionen geben.


Das Schwuz hat sich als einer der ersten Clubs zu Wort gemeldet – und die prekäre Situation wegen Corona beschrieben. Viele Clubs sind nach zwei Monaten Pandemie fast am Ende. Queere Themen bekommen zunehmend mehr Aufmerksamkeit, allerdings trotzdem noch im kleinen Rahmen. Dank der Pionierarbeit der Sektion „Panorama“ ist die Berlinale ganz schön queer. Der Corona-Virus hat das Liebesleben vieler Menschen verändert. Bei uns berichten Singles und ein Ehepaar über das Corona-Lustloch.

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