Drogen

Modedroge GHB: Ein bisschen G zwischen Leben und Tod

Sie heißen K.o.-Tropfen, manche nennen die Flüssigkeit auch „Vergewaltigungsdroge“. Ein Stoff, der vielen Angst macht. Weil er die Sinne vernebelt, im schlimmsten Fall tötet. Aber es gibt auch andere: die ihn unter Bezeichnungen wie G oder GHB als Modedroge entdeckt haben. Für harte Partys, für wilden Sex. Eine gefährliche Entwicklung – besonders in Berlin.

GHB, auch als G und K.o.-Tropfen bekannt, wird in der Regel abgefüllt und mitgenommen, dann per Pipette konsumiert. Symbolfoto: Imago Images/agefotostock

GHB als Party-Small-Talk: „Meine schlimmste G-Story“

WG-Party, lockere Runde, die Anwesenden tauschen sich aus über Fehltritte und Versuche. Hier was probiert, da drüber gewesen, das Übliche in Runden Berliner Partyfreund*innen. Dann ist Pedro (Name geändert) dran. Der 31-Jährige kam aus Spanien in die deutsche Hauptstadt, angelockt vom günstigen Leben bei maximalem Vergnügen.

Pedro arbeitet in einer Versicherung, ein guter Job, für den er hart gelernt hat. Erst Sprachschule, dann Fortbildungen, dann auch der erhoffte Aufstieg, the sky is the limit. Viel Stress, den Pedro gern kompensiert, mit Sex, mit Drogen, gern mit beidem.

„Das eine Mal war es ein bisschen zu viel“, sagt er einleitend zu seiner „schlimmsten G-Story“. G wird Englisch ausgesprochen und ist eine Abkürzung für Gamma-Hydroxybutyrat is –, eine berauschende Flüssigkeit, die einem Botenstoff ähnelt, der in unseren Hirnen Wachsein und Müdigkeit, aber auch Wachstumshormone stimuliert. Anders gesagt: G macht wach und geil. Wahlweise wird auch die synthetische Variante GBL konsumiert.

Party auf G: So high, dass aus der Vergewaltigung Spaß wird

Pedro war also bei einer kleinen Orgie, wie sie vor Corona eigentlich überall in Berlin stattfanden, in Clubs, zuhause, im Sommer auch draußen, und inzwischen eben etwas geheimer. Drogen sind üblich, auch an diesem Abend. Chem-Sex, so nennt man den (Rudel-)Bums auf diversen chemischen Drogen, ist nicht nur, aber besonders in der schwulen Szene weit verbreitet.

In Belgien stellten Ermittler alles zur Fertigung von GHB sicher – nachdem zwei OPersonen bei einer Tanzveranstaltung kollabiert waren. Foto: Imago Images/Belga

„Also es war ein bisschen zuviel, und ich bin bewusstlos geworden“, sagt Pedro. Aufgewacht sei er kurz darauf, „weil einer angefangen hat, mich zu ficken“. Erst sei Pedro ganz kurz erschrocken gewesen, „was macht der da“, habe er gedacht. Aber dann, „war es ja eigentlich geil, also habe ich doch wieder mitgemacht“.

Eine düstere Geschichte, in vielerlei Hinsicht. Einige lachen in diesem Moment irgendwie etwas beschämt, andere sind tief schockiert. Fast jede*r der Anwesenden hatte schon einmal einen Drogenzusammenbruch beobachtet. Im Berghain, im Keller eines Sex-Clubs in Schöneberg, ein anderer Anwesender erklärt direkt, wie ihn bei einer Party in der Grießmühle mal ein freundliches Paar gerettet hat: „Ich war quasi weggetreten, da haben sie mir Koks gegeben, dann ging es.“ Und dann? „Haben wir gebumst.“

G, die K.o.-Tropfen: Überdosierung sehr schnell tödlich

G ist deshalb so hochgradig gefährlich, weil die Überdosierung oft eine Sache von einem einzigen Tropfen ist. Die Nutzer*innen haben kleine Fläschchen mit Pipetten dabei. Selbst in den eher drogenfreundlichen Clubs von Berlin wird an der Tür gefundenes Speed oder eine Pille oft einfach kommentarlos entsorgt, der vorherige Besitzer darf trotzdem rein. Bei G ist man strikter. Im Berghain gibt es Hausverbot.

Denn die Betreiber wissen um die Gefahr: Mit Alkohol ist die Einnahme sofort hochgefährlich. Generell heißt es oft: ein Tropfen zu viel? Bewusstlos. Zwei Tropfen zu viel? Tod.

„Der Konsum als Party-Droge ist ein Problem, das an Größe zunimmt“, erklärt Felix Betzler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Spezialist für Partydrogen an der Charité in Berlin, dem tipBerlin. Zwischen 2015 und 2019 habe sich der Konsum gut und gerne vervier- bis verfünffacht.

Charité-Psychiater warnt vor mehr Konsum: „Der Trend ist eindeutig“

Zwar lägen die Klassiker wie Kokain und Ecstasy noch deutlich vorn. Der heftige Rausch, die einfache Verfügbarkeit und der damit verbundene günstige Preise wirken sich aber auf die Zahlen zusehends aus. „Der Trend ist eindeutig. Und die Sprengkraft ist hoch, weil es eine so risikoreiche Substanz ist.“

Denn tatsächlich ist GHB ganz einfach zu ordern, auch im deutschen Internet, selbst bei Amazon. Denn als Reinigungsmittel wird es zum Beispiel gegen Graffiti genutzt, auch Felgen werden damit gereinigt. Es handelt sich um eine Industriechemikalie, die nicht unter das Betäubungsgesetz fällt. Ab zum Baumarkt statt zum Dealer, quasi.

In der Psychiatrie der Charité werden auch Menschen behandelt, die von ihrem Drogenkonsum bleibende Psychosen und Sucht davongetragen haben. Foto: Imago Images/Steinach

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Daniela Ludwig setzt sich zwar dafür ein, dass GBL einem europäischen Chemikalienprüfsystem unterstellt wird, wie es in einer Broschüre um Thema heißt. Das dauert. Weiterhin kostet ein Liter weniger als unter 100 Euro – und reicht dann auch noch länger als andere Drogen.

So schlägt Kokain etwa mit rund 80 Euro pro Gramm (in den Kokstaxis der Stadt kostet ein Gramm 100 Euro), Ketamin kostet 30 bis 35 Euro pro Gramm. Damit kommen Kenner dann einen Abend hin. Ein Liter G reicht da im Vergleich ewig.

Jede*r Zehnte in Feier- und Clubwelt hat schon einmal G probiert

Mediziner Betzler verantwortete eine Studie im Auftrag des Senats zum Drogenkonsum in der Feier- und Clubwelt der Hauptstadt. Fazit zu G darin: Jede*r Zehnte in der Feierszene hat es probiert, besonders beliebt ist es bei Schwulen und Technofans.

Der Weiße Ring ist um Aufklärung bemüht, hilft vor allem Opfern. Foto: Imago Images/Christine Roth

Tatsächlich hatte es in den frühen 2000er Jahren einen ersten Trend zu G gegeben, vor allem bei Bodybuildern. Als „Liquid Ecstasy“ wurde es verkauft, hatte aber nichts mit den Wirkstoffen der Pillen gemein. Drugcom.de, ein Projekt der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), benennt die möglichen Nebenwirkungen – neben dem ja erhofften Rausch:

  • Erbrechen
  • Atembeschwerden
  • Kopfschmerzen
  • Krämpfe und Lähmungen
  • Schwindelgefühle
  • Muskelverspannungen
  • Bewegungsstörungen
  • Blutdrucksenkung

„Der Unterschied zwischen der Dosis, die den gewünschten Effekt bringt, und der Dosis, die zum toxischen Koma führt, ist gering. Daher ist die Gefahr der unbeabsichtigten Überdosierung hoch“, heißt es bei Drugcom.de. Abschreckend wirkt das auf viele kaum. Der Charité-Mediziner erläutert: „Wir sehen die Spitze des Eisbergs. Das Thema wird an Dynamik zunehmen.“

In der Techno- und Schwulenszene ist G inzwischen ein ernstzunehmendes Problem. Foto: Photo by Alexander Popov/Unsplash

Bei der neuesten Auflage der internationalen Konsumstudie „Global Drug Survey“ nahmen 130.000 Menschen aus 44 Ländern teil. Ein Viertel der G-Nutzer unter ihnen war schon einmal bewusstlos. Auch Jeany (Name geändert), eine Engländerin, die derzeit in Berlin lebt, hat so eine „Anekdote“. Bei ihrem Geburtstag kippte sie auf dem Klo um. Allein. Nach 30 Minuten ging die Suche los, nach 35 Minuten war die Tür aufgebrochen. Sie erwachte, lachte – und machte erstmal Pause, inzwischen ein Jahr. „Es ist krass, wie schnell eine Gewöhnung einsetzt. Das hat mir am meisten Angst gemacht.“

Abhängigkeit von G ist hoch, die Folgen sind schnell sehr heftig

Ein weiterer Gefahrenfaktor ist die hohe Abhängigkeit, die viele entwickeln. Wie bei anderen Drogen würde nicht jede*r sofort süchtig, aber einige eben doch. Betzler berichtet von Menschen, die alle zwei Stunden aufstehen, um nachzulegen, weil sie kaum noch ohne auch nur im Ansatz Ruhe finden.

„Die Entzüge, die wir durchführen, sind sehr komplikationsreich“, sagt Betzler. Delirien, Desorientierung bis zum Extremfall Nierenversagen. Der Entzug sei vergleichbar mit dem von Heroin. Und: Die Rückfallquote ist hoch. Auch, weil es so sagenhaft leicht zu beschaffen ist.

In Berlin tötete ein Mann Menschen mit G. Rosa von Praunheims „Darkroom“ erzählt die Geschichte. Foto: v.Praunheim Filmproduktion/Missing Films

Dazu kommt eine weitere Schattenseite, der ungefragte Konsum. Ein Tropfen ins Glas, und der Konsument wird hemmungs- und willenlos. „Rape Drug“ heißt G in den USA; hier „K.o.-Tropfen“, weil sie einen schnell umhauen. In der Berliner Schwulenszene macht ein Fall Schlagzeilen, bei dem ein Mensch in Darkrooms Menschen mit G tötete. Bewusst. Rosa von Praunheim strickte dies in den Film „Darkroom“ um.

Nicht umsonst hängen in vielen Diskos Schilder: Pass auf deinen Drink auf. Für Ermittlunsgbehörden ist G auch deshalb ein Problem, weil es kaum nachweisbar ist – es wird schnell abgebaut. Inwiefern also jemand, der ohnmächtig wurde, etwas im Drink hatte, ist nachträglich nur noch schwer nachzuweisen.

Jedes Wochenende Party auf G. Bis zum Ende.

Denen, die die Droge absichtlich nehmen, ist das egal. Pedro, an dem sich jemand ungefragt vergangen hatte, als er bewusstlos war, nimmt weiter G, fast jedes Wochenende, manchmal auch unter der Woche. Oft haben inzwischen auch sein Freund und er nur noch unter Drogen Sex. Auch ein Nebeneffekt: Nüchtern betrachtet ist drauf irgendwie geiler, zumindest ist das der Lerneffekt, den das Hirn irgendwann in Realität verkehrt.

Aufhören will er vorerst nicht, vielleicht kann er auch nicht. Wahrscheinlich sogar. Die Pandemie hat da keinen Unterschied gemacht, sein Freundeskreis ist seinem Lifestyle angepasst. Jedes Wochenende ist irgendwo Party. Auf G. Bis zum Ende.


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