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Erfahrungsbericht

Home Queer Home: So können geflüchtete Syrer in Berlin endlich frei leben

Nicht erst seit 2015 kommen viele syrische Geflüchtete nach Berlin: Schon lange vorher und auch danach nahm die Stadt Menschen aus dem Nahen Osten auf. Ein beachtlicher Anteil der Neuankömmlinge ist queer: Berlins lebendige queere Szene und die liberale LGBTI+ Politik in die Hauptstadt ziehen sie hierher. Wir haben zwei LGBTI+ syrische Geflüchtete getroffen, die uns ihre Geschichten erzählt haben.

Nach Berlin zu ziehen war die beste Entscheidung seines Lebens, sagt „The Darvish“. Foto: Liam Hayes

Berlin erkennt queere Geflüchtete als besonders schutzbedürftig an

Seit Beginn des Syrienkrieges im Jahr 2011 haben mehr als 800.000 Syrer*innen in Deutschland Asyl beantragt. Davon leben inzwischen rund 40.000 in Berlin. Damit sind nach Türk*innen und Pol*innen die drittgrößte migrantische Gruppe in der Stadt. Doch der Krieg ist nicht der einzige Grund, warum Menschen aus Damaskus, Aleppo und Latakia Berlin zu ihrer neuen Heimat gemacht haben. Die Stadt war schon vor Angela Merkels Entscheidung, die Grenzen 2015 nicht zu schließen, ein Magnet für queere Syrer und ist es noch immer. Auch dank der zahllosen Schwulenbars und legendären Clubs wimmelt es in Berlin von Queers aus aller Welt. 

Doch abgesehen von einer lebendigen queeren Szene bietet Berlin besondere Unterstützung für LGBTI+ Personen, die in ihren Heimatländern verfolgt werden: Im Gegensatz zu anderen Bundesländern erkennt Berlin queere Geflüchtete als “besonders schutzbedürftig” an. Aufgrund dieses Status bekommen die meisten Asyl. Darüber hinaus bietet Berlin spezialisierte medizinische Behandlung, Beratungsdienste und Geflüchtetenheim mit mehr als 120 Betten ausschließlich für LGBTIQ-Flüchtlinge.

Darvish Haidar (24) und Mahmoud Hassino (45) sind zwei der prominentesten syrischen queeren Geflüchteten, die Berlins LGBTIQ-Community bereichern. Haidar hat sich in der Drag- und Queer-Night-Szene einen Namen gemacht, während Hassino in der Schwulenberatung hunderte von queeren Flüchtlingen beraten hat. Wir haben sie gebeten, uns zu erzählen, warum sie Berlin als neue Heimat gewählt haben, was sie zum Bleiben bewegt und was in der queeren Hauptstadt Deutschlands – und vielleicht sogar Europas – verbessert werden kann. 


Bauchtanz-Profi The Darvish  organisiert Partys

Darvish (25) kommt aus Latakia, Syrien, und ist einer der besten Bauchtänzer Berlins. Er hat sich das Bauchtanzen selbst beigebracht und tritt unter anderem bei den „Queens Against Borders„-Partys auf, einem safe Space für queere Geflüchtete und Drag Queens. Dort ist er auch Mitorganisator. Außerdem organisiert er die „Yalla Hafla“-Party und Drag-Show zusammen mit der israelischen Drag Queen Judy Ladivina.

Berlin ist Anziehungsort für viele LGBTI+ Geflüchtete
„The Darvish“ hat sich das Bauchtanzen selbst beigebracht. Foto: Liam Hayes

Wenn man in ein neues Land zieht, sind meiner Erfahrung nach die Hauptstädte die beste Wahl. 2016 nach Berlin zu ziehen, war definitiv die richtige Entscheidung – und das nicht nur, weil ich hier bereits zwei Freunde hatte, was natürlich alles einfacher machte. 

Es gibt verschiedene Gründe, warum ich mich entschieden habe, mein Heimatland zu verlassen. Der Hauptgrund war damals die Armee. Ich wurde zur Armee eingezogen und das war für mich der Knackpunkt. Ein weiterer Hauptgrund war natürlich die Tatsache, dass ich homosexuell war und in einem Land lebte, das Homosexualität verurteilt. Ich lebte dort im Grunde ein Doppelleben: eines, das aus der Fassade bestand, die ich meinen Eltern und der Gesellschaft zeigte, und ein zweites, das sehr versteckt und im Untergrund war. Nur wenn ich mit einem oder zwei engen Freunden zusammen war, konnte ich wirklich ich selbst sein, frei tanzen und nicht über jede kleine Bewegung nachdenken oder jeden kleinen Gedanken in meinem Kopf durchgehen. Ich musste mich entscheiden, was ich von meinem Leben wollte.

Am Anfang hatte ich überhaupt keine Erwartungen an die Stadt. Das machte mein Ankommen umso schöner. Als ich in das Leben eintauchte, vor allem in das queere Leben hier, bekannte ich mich mit jedem Schritt, den ich machte, mehr zu meiner Sexualität. Die Vielfalt in dieser Stadt ist bemerkenswert. Natürlich gibt es ähnliche Beispiele in anderen Großstädten, aber Berlin hat ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl. Jeder kümmert sich um den anderen, und die Leute helfen einem tatsächlich, wenn man um Hilfe bittet. Man spürt die Liebe, man spürt, dass es tatsächlich so etwas wie Familie gibt. Viele von uns haben keine Familien mehr, und ich empfand es als echtes Glück, in dieser Stadt eine Wahlfamilie zu gründen. 

Ich kam zuerst mit einem Studentenvisum. Als das ablief, was eigentlich ein Fehler der Ausländerbehörde war, musste ich einen Asylantrag stellen. Das bedeutete, dass ich den ganzen Prozess durchlaufen musste. Die Pforten der Hölle. Nach der medizinischen Untersuchung wird man zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geschickt. Dann entscheiden sie. In diesen Prozessen musst du ihnen sagen, dass du queer oder homosexuell bist, und dann stellt der Sozialarbeiter ein Papier aus, damit du ins queere Geflüchtetenheim und nichts ins normale kommst. Aber weil ich schon eine eigene Wohnung hatte, habe ich denen gesagt, dass es für mich keinen Sinn macht, dort hinzugehen. Ich meine, ich hatte doch eine Wohnung, die ich bezahlt habe, aber sie haben erst mal keine Ausnahmen gemacht. Da habe ich mich dann an Mahmoud Hassino und die Schwulenberatung gewandt.

Keine Stadt ist perfekt, schon gar nicht Berlin. Aber Berlin ist besonders. Und ich mache es mir hier perfekt. Es hat, wie jede andere Stadt auch, so viele Blasen, Subkulturen und Sub-Subkulturen. Wenn du in einer Blase mit zum Beispiel übertriebener Hyper-Maskulinität lebst, dann ist mein Rat, zu versuchen, diese Blase zum Platzen zu bringen und eine neue zu finden. Oder deine eigene zu erschaffen. In der Berliner Szene gibt es noch viel zu tun, denn die meisten Veranstaltungen sind nicht inklusiv. Die meisten Partys sind auf das ausgerichtet, was ich die ‚Muscle Queens‘ nenne; in meinem Kreis versuchen wir jedoch unser Bestes, unsere Partys nicht zu sehr auf ein bestimmtes Genre und ein bestimmtes Publikum zu gestalten. Aber all diese Kritik beiseite: Ich denke, nach Berlin zu ziehen war die beste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe. 


Mahmoud Hassino  berät andere Geflüchtete

Mahmoud Hassino (45) ist in einer Kleinstadt in der syrischen Provinz Hama aufgewachsen. Er ist Blogger und Gründer von “Mawaleh”, dem ersten queeren Online-Magazin Syriens. In Berlin ist er Berater für LGBTIQ-Geflüchtete bei der Schwulenberatung.

Berlin ist Anziehungsort für viele LGBTI+ Geflüchtete
Mahmoud Hassino hat in Damaskus einen Schönheitswettbewerb für schwule Männer gestartet. Foto: privat

Ich hatte mehr Glück als viele andere queere Geflüchtete. Ich wurde wegen meiner Arbeit eingeladen, nach Europa zu kommen. Ich komme aus einer kleinen Stadt in der Provinz Hama in Syrien. 2012 habe ich “Mawaleh” gegründet, Syriens erstes Online-LGBTIQ-Magazin – in den Jahren davor habe ich gebloggt. Als eine deutsche Stiftung mich einlud, nach Berlin zu kommen und über meinen LGBTIQ-Aktivismus in Syrien zu sprechen, lebten bereits einige meiner Freunde hier. Ich wusste, dass dies die richtige Stadt für mich sein könnte, aber an diesem Punkt in meinem Leben habe ich nicht wirklich viel geplant. Ich dachte nur: „Wenn sich etwas ergibt, gehe ich vielleicht einfach.“ Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Ich liebe Berlin. Ich liebe, wie kosmopolitisch es ist und wie einfach es ist, verschiedene, unterschiedliche Menschen zu treffen – queer oder nicht. 

Mein Leben in Damaskus war nicht nur schlecht. Ich hatte eine sehr tolerante soziale Blase und wurde nicht wegen meiner Sexualität belästigt. Aber als ich an “Mr Gay Syria” arbeitete, einer Dokumentation über einen Schönheitswettbewerb für schwule Männer, die ich versucht hatte, zu organisieren, mussten alle Beteiligten darauf achten, ihre Identitäten nicht preiszugeben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich Syrien bereits verlassen und lebte in der Türkei, aber ich machte mir Sorgen um alle, die beteiligt waren. Die Möglichkeit, dass mir etwas zustoßen könnte, schwebte während meines Lebens immer wie eine Wolke über mir. Klar, dass ich mir Sorgen um die anderen gemacht habe. 

Als ich 2014 nach Berlin kam, verschwanden diese Ängste einfach. Ich fühlte mich sicher und entspannt. Aber auch hier hatte ich Glück, denn ich musste nicht das reguläre Asylverfahren durchlaufen. In meiner Arbeit mit anderen queeren Flüchtlingen im Berliner Zentrum für LGBTI+ Geflüchtete in Kreuzberg, einem Projekt der Schwulenberatung Berlin, ist mir klar geworden, dass viele im Asylverfahren retraumatisiert werden – sie müssen ihre Sexualität tatsächlich vor verschiedenen Behörden beweisen! 

Ich bin sowohl ein Flüchtling als auch queer, also kann ich mich in die Menschen hineinversetzen, die ich berate. Wenn man von vornherein annimmt, dass jemand lügt, ist das ein Problem, besonders wenn man Überlebende von Folter oder sexueller Gewalt befragt. 

Zumindest in Berlin ist die Situation besser geworden. Das BAMF hat einige Leute eingestellt, die die Sensibilität mitbringen, die nötig ist, um queere Geflüchtete zu betreuen. In letzter Zeit haben wir weniger Probleme mit Asyl-Interviews; die Behörden scheinen nicht mehr so aufdringlich zu sein wie früher. Aber das ist Berlin, Brandenburg zum Beispiel schon wieder ist eine andere Geschichte. 


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