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Interview

Pride Berlin 2020 bringt Protest auf die Straße: „Hass findet auch nicht nur online statt“

Nachdem der CSD in seiner üblichen Form abgesagt und ins Digitale verlegt wurde, zögerte Nasser EL-Ahmad nicht lange. Der Szene-Aktivist meldete kurzerhand eine eigene Pride Berlin 2020 an – die nun weniger Party und wieder mehr auf die Probleme der LGBTIQ*-Community hinweisen soll.

Die Pride Berlin 2020 wird unter anderem von Nasser EL-Ahmad organisiert. Sichtbarkeit sei extrem wichtig, erklärt er. Foto: Andrea Linss
Die Pride Berlin 2020 wird unter anderem von Nasser EL-Ahmad organisiert. Sichtbarkeit sei extrem wichtig, erklärt er. Foto: Andrea Linss

El-Ahmad hat selbst eine tragische Geschichte hinter sich. Nach seinem Outing sollte er zwangsverheiratet werden, wurde in Folge dessen entführt. Der spätere Plan, ihn im Libanon zu töten, scheiterte. Die Radikalität, die er angesichts seiner Homosexualität erfuhr, ist sinnbildlich für viele Teile der Welt. Aber auch das vermeintlich weltoffene Berlin ist bei weitem nicht so paradiesisch, wie die bunten Bilder des kommerziellen CSD der vergangenen Jahre vermuten lassen. Im Gegenteil.

Im Interview spricht der Mit-Organisator der Pride 2020 über Hass, Hygienebestimmungen und die Hoffnung, dass Sichtbarkeit zu mehr Akzeptanz führt.

tipBerlin Sie haben die Pride 2020 mit Motto „Save our Community, Save our Pride“ angemeldet – nachdem der ursprüngliche CSD abgesagt wurde. Warum?

Nasser EL-Ahmad Weil mich das Thema immer verfolgt – und Themen wie Homo- und Transphobie nicht aussetzen, nur weil es Pandemie gibt. Natürlich kann man auf virtuelle Alternativen umschwingen. Das Problem ist: Der Hass und die Diskriminierung finden auch nicht nur online statt. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass die Community sichtbar ist. Wir erleben die Gewalt auf der Straße, also müssen wir auch dort dagegen protestieren.

tipBerlin Wie ist die Sicherheit gewährleistet?

Nasser EL-Ahmad Wir haben ein umfassendes Hygienekonzept beim Senat vorgelegt. Zuerst wurde mir auch gesagt: Überleg dir das gut, das ist eine große Sache. Ich habe aber einfach erst einmal die Demo angemeldet, ohne mir lange Gedanken zu machen. Die Lage ändert sich ja andauernd. Am Anfang hieß es: maximal 1000 Teilnehmer*innen wegen Corona. Inzwischen ist die Beschränkung kein Thema mehr.

Pride Berlin 2020: „Wir wollen keine Party“

tipBerlin Wie sehen die Maßnahmen zum Schutz vor der Pandemie aus?

Nasser EL-Ahmad Wir verzichten auf Anfangs-, Zwischen- und Abschlusskundgebungen, um zu verhindern, dass zu viele Menschen gleichzeitig an einem Ort sind. Wir haben zwei Trucks für Durchsagen – politische, aber eben auch für Hinweise auf die Maskenpflicht zum Beispiel. Es gibt auch, anders als beim CSD, nur unsere Trucks, damit wir Kontrolle haben. Wir verzichten auf die Zusammenarbeit mit großen Firmen, die Vorgaben machen wollen. Es wird keine “Gastronomie“ an der Strecke geben, also keine Bierstände und so. Aus Sicherheitsgründen. Aber auch, weil wir eben keine Party wollen.

Nasser EL-Ahmad organisiert die Pride 2020 – und legt viel Wert auf politische Messages. Foto: Privat

tipBerlin Zurück zu den politischen Wurzeln der CSDs?

Nasser EL-Ahmad Richtig. Und ja, feiern und tanzen und sich stolz zeigen gehört zu einer Pride dazu. Aber die Kommerzialisierung kann nicht auf Kosten der Message geschehen.

tipBerlin Kommen die Menschen auch, wenn nicht nur gefeiert wird?

Nasser EL-Ahmad Der Zuspruch online und in der Community ist groß. Wir sind alle ständig betroffen von Angriffen gegen uns. Wir gehen back to the roots. Szene-Größen wie die Drag Queen Katy Bähm bestätigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

tipBerlin Anders als große Teile der Weltgemeinschaft.

Nasser EL-Ahmad Es geht schon in Deutschland los. Wir bekommen gesagt: Ihr dürft jetzt heiraten! Ihr dürft Kinder haben! Es geht euch gut! Aber das stimmt nicht. Selbst unser schwuler Gesundheitsminister Jens Spahn beugt sich der Homophobie – und lässt Schwule weiterhin kein Blut spenden, wenn sie innerhalb des Jahres vor dem Termin Sex mit einem Mann hatten. Das ist hochgradig diskriminierend. Neulich erst wurden in Berlin wieder zwei Drag Queens attackiert, mit einem Gürtel angegriffen, einer warf seinen Döner nach ihnen. Und andauernd werden Mitglieder der LGBTIQ*-Community angerempelt, angepöbelt, angespuckt.

So lange es so viele Vorteile gibt, müssen wir auf die Straße gehen

tipBerlin Sie wollen aber bei der Pride auch auf die Lage in anderen Ländern aufmerksam machen.

Nasser EL-Ahmad Natürlich. Was in Russland, was in Polen passiert, das ist eine Katastrophe. Da werden Zonen ausgerufen, in denen angeblich keine LGBTIQ*-Personen leben. Es wird offen Hass demonstriert auf der Straße. Es gibt Videos, in denen Regenbogenfahnen verbrannt werden. Polen ist nicht irgendwo auf der Welt. Die Grenze ist keine zwei Stunden entfernt von Berlin. Das geht uns alles etwas an. Das ist alles katastrophal.

Viele kritisierten zuletzt, dass der CSD nur noch eine Party sei – mit wenig Interesse an politischen Botschaften. Foto: Imago Images/Snapshot

tipBerlin Gleichzeitig gibt es Todesstrafen im Iran, Donald Trump entzieht Trans*-Personen Rechte. Sie haben selbst eine dramatische Geschichte hinter sich. Sind Sie manchmal müde vom Kampf?

Nasser EL-Ahmad Solange es auf dieser Welt, in diesem Land, in dieser Stadt noch so viele Vorurteile, so viele Probleme gibt, müssen wir weiter auf die Straße gehen und unermüdlich für unsere Sachen kämpfen. Wie gesagt, unser direkter Nachbar unterdrückt uns massiv. Hier ist Gewalt Alltag. Die Leute müssen uns sehen, unsere Schicksale sehen und verstehen, damit wir langfristig etwas erreichen können.

Die Berliner Szene hat wegen Corona massive Probleme

tipBerlin Wer kann mitmachen bei der Pride?

Nasser EL-Ahmad Wir haben zig Theater, Bars, Clubs und andere angeschrieben – sie sollen kommen in ihren T-Shirts, mit ihren Plakaten, sie sollen auf sich aufmerksam machen, gemeinsam. Denn das ist ja das andere, was gerade passiert. Die Berliner Szene hat wegen Corona massive Probleme. Auch die müssen wir benennen. Wir hoffen, dass uns viele Einrichtungen und Läden unterstützen, mit ihrer Teilnahme, mehr wollen wir gar nicht. Bei Facebook gibt es auch einen Spendenaufruf, weil es natürlich Kosten gibt. Aber wir schaffen das.

tipBerlin Die Macher des ursprünglichen CSD distanzieren sich von der Veranstaltung.

Nasser EL-Ahmad Was ich absolut nicht verstehe. Es geht angeblich allen um die gute Sache. Und ja, es gibt einen virtuellen Protest, für den es viele tolle Ideen gibt. Das eine schließt das andere aber auch nicht aus. Ich hoffe einfach, dass alle die gute Sache sehen – und kommen.


Die Parade findet am 27. Juni statt – Start ist um 12 Uhr am Nollendorfplatz. Das Ziel der Alexanderplatz, wo zeitgleich auch eine Black-Lives-Matter-Demo stattfinden soll. Die Pride ist enorm wichtig für die Szene, findet auch unser Kommentator. Angesichts der Lage der Welt sei es unabdinglich, auf die Straße zu gehen. Weitere Infos zum Ablauf des alternativen CSD haben wir hier zusammengetragen.

Über die bedrohliche Lage für die Berliner Szene haben wir auch mit Drag-Queen Bambi Mercury gesprochen. Einige Clubs, wie das About Blank, finden zwar neue Konzepte, lohnen tun die sich aber oft kaum.

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