Mehr als Sehenswürdigkeiten: Was passiert, wenn diejenigen die Stadt erklären, die sonst übersehen werden? Uwe Tobias kennt Berlin aus einer Perspektive, die viele nie einnehmen mussten: Er lebte sieben Jahre auf der Straße. Die Stadtführer:innen von querstadtein zeigen, wie Obdachlosigkeit und Migration Lebenswege prägen – und wollen dazu beitragen, Vorurteile abzubauen.

Draußen schlafen ist eine Kunst: Ehemals Obdachlose zeigen ihr Berlin
Unser Stadtführer heute heißt Uwe Tobias. Geboren in der DDR – „leider“, wie er mit trockenem Humor sagt. Vorschriften seien nie sein Ding gewesen und seine rebellische Art brachte ihn damals mehrfach ins Gefängnis. Nach dem Mauerfall wollte er eigentlich nur ein paar Tage seine wiedergewonnene Freiheit genießen – daraus wurden sieben Jahre auf der Straße.
Rund 6.000 Menschen leben in Berlin ohne Obdach, Tendenz steigend. Weitere 55.000 gelten als wohnungslos und übernachten in Notunterkünften oder bei Bekannten. Gleichzeitig wächst die Distanz: „defensive“ Architektur, klassische Musik an Bahnhöfen, Debatten über das „Stadtbild“ – all das zeigt, wie wenig Verständnis Menschen erfahren, die im öffentlichen Raum leben müssen. Dabei kann Wohnungslosigkeit jede:n schneller treffen, als viele glauben.
Genau hier setzt der Bildungsverein querstadtein an: Begegnung statt Vorurteile. Menschen, die selbst wohnungs- oder obdachlos waren, führen durch ihr Berlin und erzählen, wie sie auf der Straße gelandet sind, wo sie geschlafen haben und was ihnen geholfen hat, wieder Halt zu finden. Jeder Rundgang ist eine persönliche Erzählung – und oft der erste Kontakt vieler Teilnehmer:innen mit dieser Lebensrealität.
Die Perspektive wechseln
Heute zeigt Uwe einer Teenager-Schulklasse die Orte, die während dieser Zeit zu seinem Alltag gehörten: etwa die Flure eines Charité-Gebäudes, in das man früher nachts problemlos hineinkam. Wenn ein Pförtner auftauchte, habe er sich einfach einen Kittel übergeworfen und freundlich gegrüßt, erzählt Uwe. Die Schüler:innen lachen ein wenig ungläubig.
Doch nicht alle Anekdoten auf Uwes Tour sind lustig. Er spricht genauso offen über die Alkoholsucht, die ihm auf der Straße zur ständigen Begleiterin wurde, und über den schweren Sturz am S-Bahnhof, der ihn mit mehreren Knochenbrüchen ins Krankenhaus brachte – ein Wendepunkt. Seit vielen Jahren ist Uwe trocken und lebt wieder in einer eigenen Wohnung.
Berliner Migrationsgeschichten
Mehr als 20 Menschen bieten derzeit Stadtführungen bei querstadtein an, die meisten von ihnen berichten, wie Uwe, von ihren Erfahrungen der Obdachlosigkeit. Vier Touren widmen sich einem anderen Thema: Migration. Besonders bewegend ist die Geschichte von Polina Pugenova.
Polina stammt aus Russland, ihre Freundin Yulia ist Ukrainerin. Die beiden lebten gemeinsam in Moskau und wollten gerade Urlaub in Budapest machen, als am 24. Februar 2022 der russische Angriffskrieg auf die Ukraine beginnt. Sollen sie fliegen oder nicht? Sie entscheiden sich für den Flug. Und kehren nicht wieder zurück.
Die Tage in Budapest waren aufwühlend: „Ich habe noch nie so viele Entscheidungen an einem Tag getroffen“, erzählt Polina heute. Von Budapest aus verschlägt es sie zuerst zu einer Cousine nach München, dann finden sie Zuflucht in Berlin.
Queere Liebe in Zeiten des Krieges
Hier angekommen, mussten sie sich in einer neuen Stadt, in einem neuen Land zurecht finden, eine neue Sprache lernen, eine Wohnung und neue Arbeit finden. Von ihrer Migrationsgeschichte, den Hürden der deutschen Bürokratie und der Situation für queere Menschen in Russland und in der Ukraine erzählt Polina heute als Stadtführerin im Prenzlauer Berg.
Treffpunkt ist das charmante Café Chagall am Senefelder Platz, das seit 1992 russische und ukrainische Spezialitäten serviert. Ihre Tour startet hier, weil Polina findet, dass das Café ein schönes Bild von Migration abgibt: benannt nach dem jüdischen Künstler Marc Chagall, der 1887 im Russischen Kaiserreich (heute Belarus) geboren wurde, nach Frankreich emigrierte und zu einem der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts wurde.
Von hier aus führt sie die Gruppe durch den Kiez und stellt Orte vor, die bei ihrer Ankunft in Berlin eine Rolle gespielt haben. Etwa Quarteera, e. V., ein gemeinnütziger Verein, der sich seit 2011 für die Rechte von LSBTIQ* Personen aus Osteuropa, Zentralasien und dem Kaukasus einsetzt. Dabei berichtet Polina auch von der aktuellen Realität in ihrem Heimatland, von politischen Gefangenen und der Repression, die LGBTQI+ in Russland erfahren. „Hierfür könnte ich in Russland verhaftet werden“, sagt sie nüchtern und zeigt auf ihr Schlüsselband in Regenbogenfarben.
Gemeinnütziger Verein seit 2013
Seit der Gründung des Vereins im Jahr 2013 haben ehemals obdach- und wohnungslose Menschen dank querstadtein in Berlin die Möglichkeit, ihre Erfahrungen selbst zu erzählen. Uwe gehörte von Anfang an dazu – kürzlich gab er seine 1500. Stadtführung. Für dieses außergewöhnliche Engagement wurde ihm im November 2025 die Ehrennadel des Landes Berlin verliehen.
Die Führungen zeigen eindrücklich, wie viel sich verstehen lässt, wenn Menschen ins Gespräch kommen, die im Alltag selten miteinander sprechen. Uwe beendet seine Tour mit den Worten: „Respekt fängt beim Zuhören an.“
- Stadtführungen: Wohnungslosigkeit & Leben auf der Straße
- Stadtführungen: Berliner Migrationsgeschichten
- Alle Touren & Infos auf querstadtein.org
Mehr Berliner Stadtgeschichten
Im Afrikanischen Viertel machen Stadtführungen koloniale Spuren sichtbar – und provozieren manche. Obdachlosen Menschen in Berlin helfen: Wichtige Nummern, Orte und Anlaufstellen findet ihr hier. In der Küche des Restaurants Kreuzberger Himmel wird für Obdachlose. Mehr über das Projekt lest ihr hier. Der Berliner Zeichner Sebastian Lörscher hat in seinem Buch „Schatten der Gesellschaft“ Berliner Obdachlose in Texten und Zeichnungen porträtiert. Sachspenden in Berlin: Bei diesen Anlaufstellen könnt ihr Aussortiertes sinnvoll weitergeben. So queer ist Neukölln: Unser Guide für die queere Community. Queere DDR: Das war das „Coming Out“ zum Mauerfall.

