Stadtleben

Quo vadis Flughafen Tempelhof?

In einer lauen Sommernacht Anfang Juli wurde dem Kreuzberger Uwe Hübsch seine Stammkneipe am Chamissoplatz plötzlich fremd. Das Kollo liegt in seinem Wohnhaus. Dort ließen einige Besucher der Modemesse Bread & Butter auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, wenige 100 Meter vom Kreuzberger Kiez entfernt, den Tag ausklingen. Laut. Viel zu laut, fand Hübsch, 53, gebürtiger Kreuzberger, vor 30 Jahren Gründungsmitglied des Mieterrates Chamissoplatz. Er bat um Ruhe, bekam aber das Gegenteil: „Müsst ihr eben nicht in der Innenstadt wohnen!“ Man darf vermuten, dass Uwe Hübsch seither einem möglichen Besuch von Popmusikenthusiasten am kommenden Wochenende in seiner Kneipe mit wenig Vorfreude entgegensieht. Dann wird das Flughafengelände beim Berlin Festival zur größten Tanzfläche der Stadt. Gegen Fans von Deichkind oder Peter Doherty sind Modemessenbesucher geradezu Schlafbrillenträger.
Und danach geht es munter weiter auf dem Flugfeld (siehe Kasten Seite 30). Anfang Oktober fliegen sogar wieder Leute. Wenn auch nur mit Snowboard, Freeski, FMX und Skateboard. Freestyle.Berlin hat seinen Ursprung 1995 in Zürich. „Bei unser internationalen Recherche nach einer neuen Location haben wir erfahren, dass der Flughafen schließt“, sagt Maurus Strobel von Freestyle.ch Zürich. „Wir dachten: Hey, was für eine geile Location, sieht toll aus, ist geschichtsträchtig, es gibt viel überdachte Fläche. Hervorragend für ein so großes Event.“

Uwe Hübsch dagegen hält naturgemäß vom neuen Großveranstaltungsort Flughafen wenig. Wie eigentlich von allem, was die Berliner Politik mit Berlins größter Leerstelle anstellen will. Das hat der Senat von ihm sogar schriftlich: für die geplante Wohnbebauung am Nordrand des Areals, dem sogenannten Columbia-Quartier, das sich entlang des Co­lum­biadamms und der Hasenheide bis zum Südstern ausbreiten soll. Es ist eines von fünf vorgesehenen neuen Stadtquartieren; unter anderem sollen Kultur-, Medien- und Kreativfirmen das Flughafengebäude bevölkern – unter dem Namen „Tempelhofforum“.
Mitte Mai jedoch forderte der SPD-Landesparteitag den Senat auf, zu überprüfen, ob das Columbia-Quartier die Frischluftzufuhr vom Tempelhofer Feld für die Innenstadt behindere. Auch seien die Kleingärten und Sportplätze zwischen Golßener Straße und der Hasenheide, die weichen müssten, zu erhalten. Der Beschlussantrag stammt von Uwe Hübsch, SPD-Bezirksverordneter für Fried­richshain-Kreuzberg.
Wie Friedrichshain-Kreuzberg hat auch der Bezirk Neukölln schon mal wenig amtliche Begeisterung für die Planungen signalisiert. Statt des Columbia-Quartiers hätten sie viel lieber eine Gedenkstätte für das ehemalige KZ Columbiahaus und die Zwangsarbeiterlager.
Da war das Resultat des internationalen städtebaulich-landschaftsplanerischen Ideenwettbewerbs für das Quartier von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gerade mal eine halbe Woche alt. Drei Arbeitsgemeinschaften kassierten je 25.000 Euro Preisgeld. Eine davon: Graft Architekten und das Büro Kiefer aus Berlin. Die Graft-Leute, durch ihre Freundschaft mit Brad Pitt nicht nur Experten vertraut, wollen das Columbia-Quartier langfristig und flexibel entwickeln – ein schrittweises Wachstum, mal schneller, mal langsamer, mit Zwischennutzungen, wo der Markt für Bauprojekte noch nicht bereit ist. Sie stellen sich zudem eine kleinteilige, experimentelle Wohnsiedlung vor, deren Gestaltung weitgehend den Bewohnern überlassen wird.

„Es ist ein sehr pluralistisches Bild von einer Stadt mit einer starken Durchmischung“, sagt Thomas Willemeit, einer der drei Graft-Gründer. „Und die ganze Planung basiert darauf, dass sich das Tempelhofer Feld tentakelmäßig in die benachbarten Kieze ausbreitet.“ Wieweit die Stadtplaner den Siegerentwürfen folgen, ist fraglich. „Wir müssen jetzt den Städtebau weiter präzisieren“, sagt Annalie Schoen, Referatsleiterin für Städtebau und Projekte bei der Senatsverwaltung. „In den nächsten Monaten gucken wir erst mal, welche Ideen der Entwürfe wir umsetzen können.“ Der nächste Ideenwettbewerb beginnt schon im Dezember, diesmal für die Parklandschaft auf dem Tempelhofer Feld, Ende August sollen dafür die Resultate einer kürzlichen Bürgerbefragung feststehen. Das dürfte wieder einigen Diskussionsstoff geben.
Denn es ist ein Irrglaube, dass mit dem gescheiterten Pro-Flughafen-Volksentscheid im April 2008 und der Schließung des Flughafens letzten Oktober die Diskussion um das Areal zu Ende wäre. Vielleicht fängt sie gerade erst richtig an. Jetzt, wo Weichen für die Planung gestellt werden. Nur sind die Fronten unübersichtlicher geworden.
Es geht um Denkmalschutz, um Vögel und Gräser im Wiesenmeer, um die Öffnung des Zaunes um das Gelände, um womöglich reichlich Benzol im Grundwasser und andere Altlasten, um das Zwölf-Millionen-Euro-Jahresdefizit der Bewirtschaftung, um Visionen wie eine internationale Gartenschau 2017 und eine internationale Bauausstellung zwischen 2010 und 2020. Und für einige tatsächlich immer noch auch darum, ob dort wieder Flugzeuge landen sollen. Ein weites Feld.
Größer kann in Berlin derzeit gar kein zentrales Streitobjekt sein. 386 Hektar Fläche. Viel Wiese. Rollbahnen. Barbecue-Grill­orte, die noch aussehen, als seien die US-Soldaten nur mal kurz um die Ecke gegangen. Softballplätze. Ein zugewuchertes Gewächshaus mit Garten. Eine alte Tankstelle. Anlagen des Deutschen Wetterdienstes, der Flugsicherung, der Berliner Verkehrslenkungsbehörde. Den Radarturm, den die Luftwaffe betreibt. Ernst Sagebiels 1,3 Kilometer langes Gebäude, 300.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, davon 220.000 vermietbar, die Hälfte tatsächlich vermietet, zum Beispiel zwei Monate jährlich an die Bread & Butter, für zehn Jahre. Den Vertrag versucht der Senat unter Verschluss zu halten, die CDU klagt derzeit dagegen an.
Auch Gerhard W. Steindorf müsste dringend mal einen Blick auf das Bread-&-Butter-Papier werfen. Zum 1. Juli wurde er gemeinsam mit Hardy R. Schmitz, beide Geschäftsführer des erfolgreichen Wissenschafts- und Technologieparks Adlershof, von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung beauftragt, ein Zukunftskonzept für das Tempelhofer Feld zu erstellen. …

Lesen Sie weiter in tip 17/2009 auf den Seiten 28 – 30

Text: Erik Heier
Fotos: Bernd Sauer-Diete

Veranstaltungen

17.-19. September Berlin Vital Herbst 2009: Ausdauersportmesse zum Berlin-Marathon am 20. September, Hangars 5-7, Freifläche vor den Hangars, Haupthalle, Flughafenrestaurant, www.berlin-vital.de

30. September bis 4. Oktober Hauptstadtturnier: internationales Reit- und Spring­turnier, Hangars 5-7, Freifläche vor den Hangars, www.hauptstadt-turnier.de

9.-11. Oktober Freestyle.berlin: Snowboard-, Freeski-, FMX- und Skateboard-Wettkämpfe, Haupthalle, Flugvorfeld, Flughafenrestaurant,
http://berlin.freestyle.ch
15. November 17. Kondius Berliner Marathon-Staffel: Lauffest, Hangar 6, Flughafenrestaurant, www.scc-events.com
Quelle: BIM Berliner Immobilienmanagement

Über den Verwalter des Geländes können auch tägliche Besuchstouren über das Flughafenareal gebucht werden, www.flughafen-berlin-tempelhof.com

 

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