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Radio in und aus Berlin: ein Medium im Wandel

Helmut_LehnertDer Mann, der einmal die Zukunft des Berlin-Brandenburger Radios war, jenes Radios zumindest, das die vom Radio Enttäuschten wieder zum Einschalten bringen wollte, ein schmaler, asketisch wirkender Mann, der an einem Juli-Nachmittag auf dem Balkon eines Friedenauer Altbaus eine Zigarette raucht, – dieser Mann macht jetzt, mit 63 Jahren und einer neuen, kleinen Firma, eine ihm völlig unvertraute Erfahrung: Er muss lernen, für sich selbst zu werben. Für diese Firma, die  er „Büro für Medienglück“ nennt. So sonnig.
Es ist durchaus sinnvoll, die Erkundung über das Radio in und aus Berlin genau hier beginnen zu lassen. Eine Erkundung darüber, was uns das Radio, dieses knapp 90 Jahre alte Medium, heute noch geben kann. Ob Radio noch einen Platz in der Zeit hat. Denn Helmut Lehnert, das ist der Mann auf dem Balkon, der jetzt die Kippe ausdrückt und hineingeht zum Konferenztisch mit den orangen Stühlen, war Ende der 80er-Jahre Musikchef von SFB2, Anfang der 90er Chefredakteur von Radio4U. Dann erfand er Fritz, den Jugendsender, und ziemlich genau vor eineinhalb Jahrzehnten Radioeins, „nur für Erwachsene“. Ein Radio, wie er, Lehnert, es selbst hören mochte. Kein Dudeln. „Ich habe immer betont: Wenn man das Radio als Nebenbeimedium, als Klangtapete betrachtet, ist das der Tod des Radios“, sagt er.

Jetzt hat sich Lehnert, der vor drei Jahren dieses öffentlich-rechtliche System verlassen hat, „weil ich noch einmal etwas anderes machen wollte in meinem Leben“, wie er sagt, in zwei Räumen unter dem Dach des Friedenauer Hauses eingerichtet. Das Haus, in dem auch die einst von seinen ehemaligen Radiokollegen Volker Wieprecht und Robert Skuppin gegründete Radioproduktions- und Veranstaltungsfirma „Der Apparat“ sitzt.
Im „Büro für Medienglück“ will Lehnert gemeinsam mit seinem Sohn Lasse, 26, zum Beispiel Redaktionen beraten, „die Lust haben, auch mal ein Risiko einzugehen und zu sagen: Wir machen jetzt mal nicht nach, sondern wir machen mal wieder was vor.“ Er findet, dass viele Redaktionen das sehr wohl gebrauchen könnten: „Es ist aber nicht so, dass sie mir hier die Bude einrennen.“
Es ist der Tag, an dem die neueste Radiohörerumfrage in den Zeitungen steht, die Media-Analyse. Radioeins, das demnächst seinen 15. Geburtstag feiert, liegt bei 108?000 Hörern in der Stunde, leichter Verlust zwar, es konnte aber seinen Marktanteil leicht steigern. Lehnerts vorherige Radiogründung, Fritz, da steht Anfang März nächsten Jahres der 20. Geburtstag an, hat bei den Hörern sogar zugelegt, auf 91?000 Hörer pro Stunde.
Berlin-Brandenburg gilt als der am härtesten umkämpfte Radiosender Deutschlands, 45 Stationen senden allein auf UKW. Viel Mainstream, viel Hitradio, aber auch Nischen- und Spartensender wie Jam FM, Jazz-Radio, Radio Teddy, Star FM. Oder wie Flux FM, das vor einem Jahr noch Motor FM hieß und vielen als ein Hauptkonkurrent von Radioeins gilt. Eben eine beachtliche Anzahl von Sendern, die nicht einfach weitgehendes Format­radio mit minimalem journalistischem Anspruch in den Äther trompeten.

Robert_SkuppinMan kann mit Lehnert sehr gut darüber reden, woher das kommt, diese relative Programmbreite im Berliner Radio. Er sagt, dass habe mit den Traditionen im geteilten Berlin zu tun, die zum Teil bis heute wirkten: Rias 2, S-F-Beat, das SFB-Morgenecho, ­Radio4U, DT64. „Das sind alles Radioprogramme, die schon damals weit progressiver waren als im Rest des Landes.“ Fragt man Lehnert, der 2005 von Radioeins als Unterhaltungschef zum RBB-Fernsehen wechselte und danach noch ein kurzes, überraschendes Intermezzo bei der Bar jeder Vernunft und dem Tipi gab, nach Radiotrends, zuckt er die Schultern. Radio sei Radio. Fertig. „Du kannst morgens eine Idee haben und hast sie abends umgesetzt. Das kannst du beim Fernsehen nicht. Ich glaube, der letzte ,Tatort‘, den ich zu verantworten hatte, ist erst vor einigen Wochen gelaufen.“
Dass Lehnert nicht über das aktuelle Radioeins-Programm reden mag, hat unter anderem mit dem Mann zu tun, der ein paar Tage später mäßig rasiert und im legeren T-Shirt im dritten Stock des RBB-Radiohauses in Potsdam-Babelsberg in seinem Büro sitzt. Es ist Robert Skuppin, Lehnerts Nach-Nachfolger, seit eineinhalb Jahren Programmchef, der sich gerade darauf vorbereitet, nach London zu reisen. Dort ist er, wenn dieser tip erscheint, bereits seit einer halben Olympiawoche vom Sonnendeck der in den Docklands ankernden MS Deutschland auf Radioeins zu hören. Zusammen mit Volker Wiep­recht. Das alte Erfolgsduo, mal wieder.

Lehnert hat Radioeins gemeinsam mit Skuppin konzipiert, damals vor 15 Jahren. Anfangs lief beim neuen Erwachsenensender nichts zusammen, die Quoten waren unterirdisch, die Qualität auch nicht viel besser. Es lag nicht zuletzt daran, dass notgedrungen bei Radioeins Personal von höchst unterschiedlichen Sendern aufeinandertraf: vom Kultursender Radio Brandenburg (dessen Chef Lehnert kurzzeitig war), von SFB 2 und vom Jugendsender Fritz. „Drei Gruppen, die nicht miteinander konnten“, sagt Skuppin. „Man hat sich über alles gestritten.“ Bei Branchentreffen schauten die Radioeins-Macher in mitfühlende, aber auch hämische Gesichter. Lehnert, die Radio-Ikone, dem jedes Programm schier zu Gold geriet: Er produzierte auf einmal Schrott. Es dauerte drei, vier Jahre. Dann erst stieg die Quote.
Spätestens nach gut einem Jahr als Programmchef bei Radioeins weiß es aber auch Robert Skuppin: Er ist für einige da draußen, am Radiogerät, nicht mehr nur der nette Robi, der Spaßmacher. Als er begann, das zum Großteil noch auf Lehnert zurückgehende Programm mehr oder minder subtil zu verändern, bekam er einige richtig derbe E-Mails: „Hallo Arschloch, hör auf, Radioeins kaputtzumachen!“ Skuppin sagt: „Dann musst du auch mal mit diesem Gefühl schlafen gehen, dass dich nicht alle mögen. Wenn du glaubst: Was du tust, ist richtig.“

Wie bei den Popsplits. Oder auch der Multimedia-Show Escape, für die die sonnabendliche Sportsendung auf vier Stunden ausgewalzt wurde. Da rappelte es erheblich im Radioeins-Forum. Gerade ist am späten Samstagabend auch noch das Ocean Club Radio mit den Elektromusikern Gudrun Gut und Thomas Fehlmann abgestellt worden, eines der Radioeins-Formate der ersten Stunde. Eines der innovativesten obendrein.
Manch einer mutmaßt Sparzwänge des bekanntermaßen nicht eben üppig finanzierten RBB als Ursache dafür. Skuppin erzählt von einem anstehenden Gesprächstermin mit Gudrun Gut und Thomas Fehlmann, und dass die Einstellung eines Formats ja nicht bedeuten würde, dass da nicht etwas Neues folgen müsste. Man wird sehen.
Zu Beginn seiner Programmreform hatte es öfter geheißen: Ihr nehmt die Hörer nicht mit. Ihr bindet sie nicht ein. Eine neue Sendung, für die gerade Sven Oswald und Daniel Finger eine erste Probesendung, einen sogenannten Piloten, produzieren, soll das nun besser machen. Sie werde zuerst nicht im regulären Programm ausgestrahlt, sondern über die Radioeins-Internetseite und bei Facebook. Diese Sendung solle durchspielen, wie wir in Zukunft leben (das klingt, nebenbei bemerkt, sehr nach einem Credo der Postadoleszenz-Zeitschrift „Neon“). Dann würden die Hörer via soziale Netzwerke darüber befinden, wo das gesendet wird.
„Man muss sich durch die Konkurrenz bewegen“, sagt Skuppin. Das sei das Tolle an der Region. „Wenn es die Berlin-Brandenburger Radiolandschaft mit Fritz und Radioeins nicht gäbe, käme doch kein Privater auf die Idee, so etwas wie Flux zu machen.“

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