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Reiner Nagel über die Lehren aus dem Volksbegehren

nagel-2Herr Nagel, nach dem großen Zuspruch gegen jegliche Bebauung des Tempelhofer Feldes: Ist die bisherige Planung nach Ihrer Auffassung noch politisch durchsetzbar??
Diese Entscheidung liegt beim Senat. Aber ich glaube, er hat nicht vor etwas durchzusetzen, sondern gemeinsam mit den Bürgern zu entwickeln.

Das wird aber schwierig, wenn es in der öffentlichen Wahrnehmung vornehmlich um Luxuswohnungen geht. ?
Das ist meines Wissens aber nicht vorgesehen. Auch ich wurde als Spaziergänger für eine Unterschrift gegen die Bebauung angesprochen. Da hatte ich persönlich nicht das Gefühl, dass ich zutreffend informiert wurde. Die Argumentation dagegen war ziemlich unreflektiert.

Sie waren acht Jahre lang beim Senat als Abteilungsleiter für Stadtentwicklung für Stadt- und Freiraumplanung zuständig, sind jetzt Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, deren erste Baukulturwerkstatt sich kürzlich dem Nutzungsmix in Quartieren widmete. Wie beurteilen Sie die Senatspläne für Tempelhof in dieser Hinsicht??
Ich kenne das Konzept für Tempelhof nicht im Detail. Aber ich glaube, und das hat auch unsere Baukulturwerkstatt zu gemischten Quartieren gezeigt, dass gemischte Konzepte – funktional wie sozial – gut sind, weil sie den Standort vitalisieren, viele Menschen und auch Nutzungen integrieren und daher eine Bereicherung für die Bewohner sind.

Kann Berlin es sich leisten, eine Fläche für 4?700 Wohnungen ungenutzt zu lassen??
Ich würde es nicht nur unter quantitativen Aspekten diskutieren. Man könnte theoretisch 4?700 Wohnungen irgendwo im Brandenburger Umland bauen. Das wäre allerdings nicht verkehrsintegriert, flächenintensiv und nicht nachhaltig. Es geht nicht um Zahlen, sondern um Qualität. Können wir mit diesen Randbebauungen nicht das Thema Zukunft anschieben? Welche Visionen haben wir für die Stadt? Das muss sich jedes größere Projekt heute fragen: Welche Chance verbindet sich damit für die Bürger?

Haben sich die Konflikte um innerstädtische Bauprojekte verschärft? ?
Ja, denn die generelle Skepsis gegen Stadtentwicklung, Stadtplanung und Bauen ist schon spürbar in der Gesellschaft. Deshalb sind es auch Themen, die wir als Stiftung jetzt aufgreifen, diese soziale und funktionale Mischung, die man von Anfang an mit verschiedenen Nutzern im Dialog entwickeln sollte – bis hin zu Planverfahren, übrigens das Thema unserer dritten Werkstatt im Mai. Die Menschen wollen sich einbringen und mitdiskutieren.

Man muss dann auch in Kauf nehmen, dass ganze Planungen wieder gekippt werden??
Stadtentwicklung muss immer wieder neu planen, auch zurückgehen oder Planungen anpassen. Es klingt oft so, als ob man nur  eine Richtung verfolgt. Stimmt aber gar nicht. Man muss für ein optimales Ergebnis, bei dem viele mitgehen können, immer wieder vor und zurück.

Interview: Erik Heier

Foto: Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur

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