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Reportage: ein Tag am S-Bahnhof Ostkreuz

Fahrgastbetreuer_AndreasKolbe_c_OliverWolff8.25: Der Berufsverkehr brummt. Genauso wie die Arbeiten an der Baustelle: Presslufthammer bestimmen die Geräuschkulisse. Andreas Kolbe ist seit sieben Uhr im Dienst. Sein Einsatzort: Gleis 4. Seit heute fahren hier die S5, S7 und S75 in Richtung Lichtenberg ab.
9.05: „Wie lange bleibt das jetzt so?“, fragt ein Mann. Gemeint ist das neue Lichtenberg-Gleis. Eigentlich möchte er sich aber über die zu schmalen Treppen und Gänge aufregen. „Hier ist nun mal eine Baustelle“, erklärt Kolbe geduldig. Der Mann zieht genervt ab.
9.30: Typisches Bild: Kolbe gibt eine Auskunft, die Menschen sprinten los. Doch nicht jeder hört genau zu: Kolbe kann gerade noch den Mann zurückrufen, der in den falschen Zug gesprungen ist.
9.40: Zwei Mädchen fragen nach einem Zug in Richtung Stadt. Auf Englisch. Kolbe zückt seine Mappe, die er immer dabei hat. „Hier sind Fahrpläne drin. Und ich habe mir die wichtigsten englischen Wörter aufgeschrieben, so, wie man sie ausspricht. Wenn die Verständigung gar nicht klappt, nehme ich den Fahrgast an die Hand.“
10.10: Ein weiterer übellauniger Fahrgast beschwert sich. Die Umsteigemöglichkeiten seien nicht ausgeschildert, er habe seinen Zug verpasst. Kolbe zeigt ihm die Hinweisschilder. „Man könnte auch noch zehn Schilder mehr aufstellen. Die Leute sehen das nicht.“
Fahrgastbetreuer_AndreasKolbe_c_OliverWolff10.35: Ein junges Mädchen möchte zum Hauptbahnhof, Kolbe nennt ihr ein Gleis auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig. „Ich hab’s geahnt“, ruft sie und läuft los. Kolbe lacht: „Typisch. Berlin rennt.“
10.50: Der erste Pendlerverkehr ist vorbei. Kurze Verschnaufpause. „Ich bin seit 2008 Fahrgastbetreuer der S-Bahn, im gleichen Jahr haben hier auch die Bauarbeiten begonnen. Ich sehe jeden Tag die Fortschritte, aber viele Leute sehen das nicht und werden ungeduldig. Und da bekommt man dann auch mal ihren Frust ab.“
11.05: Kolbe erklärt einer älteren Frau, wie sie nach Friedrichsfelde kommt. Sie bedankt sich gleich dreimal. „Man bekommt auch positive Rückmeldungen, vor allem von den Älteren. Sonst würde mir der Job auch keinen Spaß machen.“
12.00: Mittagspause. Das erste Mal, dass Kolbe an diesem ungemütlich-nassen Tag seinen Posten verlässt, sich ins Aufsichtshäuschen setzt und aufwärmt. „Mir macht das Wetter nichts aus, ich bin das gewöhnt. Zur Not zieht man eben ein Paar Socken mehr an.“
12.30: Der Bahnsteig füllt sich wieder. Ganze Schülergruppen drängen sich aus den Zügen, Kolbe drückt sich ans Aufsichtshäuschen. Fragen stellt keiner der Schüler.
12.40:
Ein Mann hält dem Fahrgastbetreuer sein Handy unter die Nase, auf dem er seinen Zielbahnhof abgetippt hat. Mit vielen Gesten und einem Deutsch-Englisch-Mix wird auch dieser Fahrgast zum richtigen Zug geschickt.
13.15: Der Fahrkartenautomat funktioniert nicht. Eine Frau diskutiert mit Kolbe darüber, dass es sowieso zu wenig Automaten gäbe. Kurz darauf ruft er den Störungsdienst.
13.20: Aufregung an Gleis 3. Ein Zug ist falsch eingefahren, Fahrgäste wollen einsteigen und ärgern sich, als der Zug einfach weiterfährt. Kolbe:„Man muss die Leute runterkommen lassen. Wir haben eine Schulung zum Thema Konfliktlösung gehabt. Und wenn mal jemand aggressiv wird, rufen wir den Sicherheitsdienst.“
13.25: Kolbe bestellt die Techniker wieder ab. Der Automat funktioniert plötzlich wieder.
13.45: Der Regen wird stärker. Die Kollegen von der Aufsicht scherzen, wer wohl sein Mittagessen nicht aufgegessen hat.
14.20: Kolbe wirkt auch nach sieben Stunden im Dienst entspannt: „Manchmal spiele ich Abräumer. Dann gehe ich selbst auf die Menschen zu, die mit fragendem Gesicht am Bahnsteig herumlaufen. Solange, bis ich allen weitergeholfen, also abgeräumt habe.“
14.45:
„Erzählen sie mir nicht, das sei normal“, empört sich eine Frau. Der Zug, in den sie umsteigen wollte, ist vor ihrer Nase weggefahren. „Manchmal verstehe ich diese Aufregung nicht“, so Kolbe. „Da kommt schon der nächste Zug, den sie nehmen kann.“
15.00: Feierabend. Heute, findet Kolbe, war ein verhältnismäßig ruhiger Tag. „Ende März könnte es wieder hektischer werden, wenn es die Vollsperrung zwischen Schönhauser Allee und Baumschulenweg gibt. Aber das kriegen wir schon hin. In der Ruhe liegt die Kraft.“ 

Protokoll: Isabel Ehrlich
Fotos: Oliver Wolff

Baustelle Ostkreuz
Mit täglich rund 330?000 ein- und aussteigenden Menschen ist der S-Bahnhof Ostkreuz der wichtigste Nahverkehrsbahnhof in Berlin. Seit 2006 wurden Baumaßnahmen vorbereitet, die seit 2008 umgesetzt werden. Für 2016 ist die Fertigstellung des Bahnhofs geplant.
Lostkreuz
Fotoblog mit wunderschönen Bahnhof-Ostkreuz-Fotos aus verschiedenen Jahren: http://lostkreuz.de/tag/bahnsteig-d/

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