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Re:publica 2021: Digitalkonferenz mit Größen aus Politik und Pop

Die Re:publica 2021 steigt zwischen dem 20. und 22. Mai – wieder im Stream. Sie wartet einmal mehr mit einem hintersinnigen Motto auf. Weil es darum geht, was sich zwischenzeitlich in der Netzgesellschaft so getan hat und weil ein Problem unserer Gegenwart, die Corona-Pandemie, eine fiese Erfahrung ist, lautet das Festival diesmal „In The Mean Time“.

Die 21. Re:publica beschäftigt sich mit der pandemischen Gegenwart. Foto: re:publica 2021
Die 21. Re:publica beschäftigt sich mit der pandemischen Gegenwart. Foto: re:publica 2021

Re:publica 2021: Auftritt von Danger Dan

Vielleicht ist der Höhepunkt der diesjährigen Re:publica das Konzert eines Musikers, der als Rapper bekannt geworden ist. Danger Dan wird Songs zum Besten geben. Deutschlands Popstar der Stunde – und umjubelter Restaurateur des Protestliedes mit den Mitteln von Battle-Spirit und tighten Versen.

Man muss kein Verhaltensforscher sein, um zu orakeln, dass der Streaming-Gig große Sehnsucht nach einem kollektiven Massenerlebnis wecken wird. Die Songs des Antifa-Manns, der sonst für die ebenfalls charts-notierte Antilopen Gang die Stimme erhebt, sind kraftvoll und mitreißend; sie markieren den Status quo jener Debatten, die das Land umtreibt.

Vor allem sein aktueller Über-Hit „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, eine lautleise Moritat am Klavier, bildet eine ganze Quersumme von Reizthemen ab. Darin lotet Danger Dan ironisch die Grenzen des Sagbaren aus. Objekte seiner Syntax: bekannte Stimmungsmacher und Verschwörungsgläubige am rechten Rand, darunter Ken Jebsen.

Der Song führt also mitten ins gereizte Deutschland der Corona-Pandemie. Wie gehen wir mit Irrationalität und rückständigen Tendenzen um – und was macht die Kakophonie mit unserer Demokratie?

Wie berührt Covid 19  das Menschsein?

Damit wäre man auch beim Motto dieser Re:publica. „In the Mean Time“ heißt es, und dieser Claim ist, wie nicht selten in der Geschichte der Namensgebungen dieser Konferenz, auch Kommentar in Twitter-Sprache. „Wir spielen fast immer mit einer Doppeldeutigkeit unserer Mottos, so auch mit ‚In The Mean Time‘“, erklärt Johnny Haeusler, 56, Mitgründer der Re:publica und planendes Urgestein hinter den Kulissen. „Wir schreiben ‚Meantime‘ bewusst auseinander, denn wir behandeln in diesem Jahr nicht nur die Themen, die in der Zwischenzeit, also seit der letzten Re:publica passiert sind, sondern wir betrachten natürlich auch diese ganz besondere Zeit der Pandemie, die nun einmal auch ‚mean‘, also ganz schön fies ist.“

Moderiert wird die 21. Re:publica, erneut ein gestreamtes Festival, auf einer Live-Bühne in Neukölln. Die Optik der Netzveranstaltung: weder Zoom-Kacheln noch Sprecher:innen vor Bücherregalen. Stattdessen aufgelockerte Formate, beispielsweise Videobotschaften, Talks, ungewöhnliche Orte.

Auch dabei: EU-Digital-Kommissarin Margrethe Vestager

Das politische Schwergewicht im Programm ist Margrethe Vestager, EU-Kommissarin für Digitales, außerdem eine Stellvertreterin Ursula von der Leyens, CDU, der Chefin der Brüsseler Beamtenregierung. Vestager, eine 53-jährige Dänin aus der linksliberalen Partei „Radikale Venstre“, ist wegen ihrer Streitlust gegenüber Silicon-Valley-Konzernen bekannt. Die Pfarrerstochter hat ein Wettbewerbsverfahren gegen Apple gestartet.

Es geht um monopolistische Bestrebungen des Internetriesen beim Musikstreaming. Der Inhalt der Akte: Nutzer:innen von Ibook, Ipad und Iphone müssen bekanntlich Vermittlungsgebühren für digitale Juxeboxen anderer Hersteller latzen, wenn sie den Dienst „Apple Music“ aus dem Konzern-Kosmos verschmähen. Unfair, urteilt die EU-Kommission – und eine Benachteiligung von Wettbewerbern.

Re:publica 2021: Beef mit Big-Tech-Firmen

Der Beef erscheint nur als weiteres Scharmützel im endlosen Kampf zwischen anarcho-libertären Big-Tech-Firmen und dem Staat – zeigt aber auch einen Trend. Gemeinwohl-orientierte Menschen finden immer häufiger Streiter:innen für ihre Sache in politischen Machtzentralen. Beispiel USA: Die Biden-Regierung will, dass Facebook, Twitter & Co., oftmals Hassschleudern, künftig für Inhalte in Haftung genommen werden können. Sogar Zerschlagungen der Giganten sind in der Diskussion. Zugleich wird in der EU über eine Kooperation mit der US-Administration im Umgang mit dem ungezügelten Plattformkapitalismus nachgedacht.

Das Regulierungsthema wird auch auf der Re:publica 2021 touchiert werden. Zumal die Internetriesen während der Corona-Isolation, wo sich die halbe Menschheit mit den Glücksversprechen digitaler Endgeräte tröstete, ihre ökonomische Potenz ausgebaut haben. Ob Amazon, Google oder Pornhub.

„Die Vormachtstellung der großen Player im Netz war auch vor der Pandemie ein Thema, wurde aber nun nochmal viel deutlicher“, sagt Johnny Haeusler. Und so schildert der Experte den ganz normalen Alltag in Deutschland: „Auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie sind die Schulen und Behörden nicht digital genug aufgestellt, und kleine wie große Unternehmen tun sich immer noch schwer mit dem Schritt ins Internet, um dort Waren und Dienstleistungen an die Kundschaft zu bringen. Deutschland bleibt digitales Entwicklungsland. So sind die übermächtigen Konzerne ganz sicher nicht zu bremsen.“

Ein ehrgeiziges EU-Vorhaben, der „Digital Services Act“, wird auf der Re:publica unter die Lupe genommen. Dieses Gesetz soll strengere Regeln für Online-Plattformen geltend machen. Etwa keine Produktpiraterie mehr auf virtuellen Marktplätzen – und eine Verringerung des manipulativen Einflusses von künstlicher Intelligenz.

Blick auf die analoge Welt

Doch die Re:publica blickt auch in die analoge Welt. Das Netz besteht ja nicht nur aus Geflechten von Glasfaserkabeln (in Deutschland: Kupfer) und Programmiercodes. Es ist zugleich Metapher fürs gesellschaftliche Ganze. Warum so viel Welthaltigkeit, Johnny Haeusler? „Ich glaube, weil es genau das ist, was wir in den letzten 13 Monaten am meisten vermisst haben.“ Carolin Wiedemann, FAZ-Autorin und Soziologin, sowie Jean Peters, Aktionskünstler beim Peng!-Kollektiv, reden deshalb über Aktivismus in Pandemie-Zeiten, die Medienwirtin Maj-Britt Jungjohann berichtet von internationalen Schulkonzepten.

Und dann ist da noch das große, menschliche Bindemittel, die Liebe. Şeyda Kurt, Ende 20 und Kulturjournalistin, will dieses Ideal aus den Romantisierungen der Beziehungskolumnen und fiktiven Melodramen lösen. „Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist“ nennt sich ihr Werk über alternative Formen der Intimität. Ihre Thesen wird sie in einem Re:publica-Panel auffächern.

Re:publica 2021: Weitere Gäste und Events

Die 21. Re:publica ist erneut ein Festival im Stream. Neben den Sprecher:innen, die bereits im Artikel erwähnt sind, bestücken das Programm auch Sascha Lobo, prominenter Netzexperte und Dauergast der Re:publica, die Buchautorin Alice Hasters sowie Jillian C. York, die Leiterin für „International Freedom of Expression“ bei der Electronic Frontier Foundation (EFF).

Parallel zur der Netz-Konferenz ereignet sich die Tincon, ebenfalls im Streaming-Format. Auf der Konferenz für digitale Jugendkultur werden etwa der Twitter-Star El Hotzo erwartet, die schleswig-holsteinische Landtagsvizepräsidentin Aminata Touré (Grüne) und die Youtuber:innen Fynn von Ultralativ und Mirella Precek.

Ein weiteres Festival, das mit der Re:publica in Verbindung steht, ist die Media Convention. Dort werden Entwicklungen in der Medienszene erörtert. Dabei sind unter anderem Pro-Sieben-Chef Daniel Rosemann und Eva Flecken, Direktorin der Medienanstalt Berlin-Brandenburg.


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