Stadtleben

Restaurantkritiker

Am liebsten lese ich die Restaurantkritiken in der „Berliner Zeitung„. Jedes Wochenende führe ich mir eine zu Gemüte, und danach halte auch ich Berlin für ein kulinarisches Eldorado, wo man eigentlich an jeder Ecke gut essen kann. Selbst verwaist und trostlos erscheinende Etablissements, an denen ich eben noch voller Mitleid vorbeiging, tauchen plötzlich in der Restaurantkritik auf. Inzwischen lese ich nur noch den letzten Satz. Dort steht dann, dass der Kritiker „bald wiederkommt“ oder der „Begleiter versöhnt“ war. Die Restaurantkritiker der „Berliner Zeitung“ gehen nie allein, sie haben immer einen „Begleiter“ oder auch eine „Begleiterin“ dabei, die als Stichwortgeber fungieren und ein zweites Gericht bestellen dürfen. Man muss sich ja ein wenig durchkosten.

Ist aber nicht wirklich nötig: Den Redakteuren der „Berliner Zeitung“ schmeckt es einfach überall – schon ein Stück überbackenes Ciabatta kann sie zu Lobeshymnen veranlassen, eine Pasta al dente zu Elogen. Das nenne ich mal bescheiden, und es hat natürlich damit zu tun, dass viele Re­dakteure der „Berliner“ aus der „sogenannten ehemaligen Ex-DDR“ (Pigor) kommen, wo ein Jägerschnitzel in den meisten Gegenden immer noch eine dicke Scheibe panierte Jagdwurst ist. Und die, die nicht aus dem Osten kommen, haben sich in der unglaublich schlechten Kantine im Berliner Verlag den Geschmack verdorben. Ich habe dort vor Jahren mal den Fisch vom Vortag als Salat serviert bekommen – in Mayo.

Immerhin läuft es bei der „Berliner“ schön demokratisch. Jeder darf mal essen gehen – der Politikmann, die Lokalredakteurin oder einer von der Medienseite. Beim „Tagesspiegel“ ist es elitärer, aber auch langweiliger. Dort schreibt eine Frau, deren Nachname ein Synonym für Krawatte ist, und die man von der Wortwahl und vom Schreibstil her für mindestens 65 hält (die aber auf Fotos wesentlich jünger aussieht). Jedenfalls richtet sich die Dramaturgie ihrer Kritiken streng nach der Abfolge im Speiseplan: Erst Amuse-Bouche dann der Rest bis zum Dessert. Garniert wird das Ganze mit vulgärsoziologischen Überlegungen zum Thema Raumpflanzen und Publikum. Da wünscht man sich dann doch das Kaliber eines Kritikers der „New York Times„, der einst schrieb, dass das, was auf seinem Teller lag, aussah wie aus einer Urne gezogen.

Nein, in puncto Essen hat Berlin keinen Geschmack. Da muss ich leider Wolfram Siebeck recht geben – jenem sogenannten Kritiker-Papst, der in der „Zeit“ anscheinend eine Art Lebensrecht aufs Kolumnieren hat. Siebeck hat sich jahrelang an Berlin abgearbeitet, hat immer wieder geschrieben, dass die Stadt eine kulinarische Diaspora ist – auch, wenn sich manche Restaurants mittlerweile Auszeichnungen erkochen. Aber das Gros hangelt sich mit Wiener Schnitzel und abgeschmelzten Maultaschen so durch. In der Satirezeitschrift „Pardon“ hat Siebeck mal verraten, wie man einen Guppy zubereitet. Vielleicht war das in seiner Zeit in Berlin.

Foto: Rainer Sturm/Pixelio

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