Stadtleben

Revolution! Welche Revolution?

1968 hatte auch seine komischen Momente. Zum Beispiel als am 12. April, einen Tag nachdem ein aufgehetzter Leser der „Bild“-Zeitung auf Rudi Dutschke geschossen hatte, ein arrivierter Kulturfunktionär vor seinem Bauernhof bei Hannover eine rote Fahne hisste. Ein paar Stunden später kam ihm das selber peinlich vor und er nahm sie wieder ab: „Ich blieb Reformist.“ Henning Rischbieter, der Gründer der Zeitschrift „theater heute“, erinnert sich in einem ’68-Schwerpunkt im beeindruckenden neuen „theater heute“- Jahrbuch an seinen kleinen revolutionären Schub.
Theaterheute_Jahrbuch2008Er findet damit ein ziemlich gutes Bild dafür, wie sich in der Politisierung des Theaters folgenlose, nicht unkomische Selbststilisierung mit echter Wut vermischte. Im gleichen Schwerpunkt beschreibt Diedrich Diederichsen Aufstieg und Fall, Aporien und freigesetzte Anarcho-Energien subversiver Gegenkulturen um ’68 am Beispiel der Psychodelia-Band Jefferson Airplane, deren Sängerin Grace Slick damals dem US-Präsidenten Nixon heimlich LSD in den Cocktail kippen wollte und sich heute von Virgin Airlines engagieren lässt, um ein Flugzeug auf den Namen „Jefferson Airplane“ zu taufen. Diedrichsen: „Gute Bands vermögen für drei bis sieben Jahre in Echtzeit das Drama einer Generation parallel zur Wirklichkeit aufzuführen“ – großes Real-Theater.

Diederichsens Essay ist so ziemlich das klügste, unsentimentalste und analytischste, was man 40 Jahre nach ’68 über den großen Protest und seine Folgen lesen kann. Allein wegen diesem grandiosen Text ist jeder selber schuld, der die Gehirnumkrempler des „theater heute“-Jahrbuchs verpasst. Wobei, wie immer wenn es um Wirklichkeit und diverse Revolten geht, dieses Nachdenken über 68 jede Menge Widersprüche freisetzt. Dass der klügste Text über ’68 in dieser Theaterzeitschrift von einer Rockband handelt und auf Theater gut verzichten kann, ist noch das kleinere Problem. Interessanter ist, dass die in der Kritikerumfrage völlig zu Recht zur Inszenierung des Jahres gewählte „Onkel Wanja“-Inzenierung Jürgen Goschs am Deutschen Theater genau auf die Rechthaber- und Protestposen verzichten kann, die am politischen Theater so nerven.

theater heute Jahrbuch 2008, 184 Seiten, Ђ 24,80, Friedrich Verlag

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