Stadtleben

Rezension: „Stumme Gewalt“

Carolin Emcke, Foto: Sebastian BoleschCarolin Emcke erhielt für ihre literarische Auseinandersetzung mit der RAF den Theodor-Wolff-Preis

Sie wollte Bundespräsident Horst Köhler nicht auch noch hineinreden, vor einem Jahr, als er über das Gnadengesuch von Christian Klar zu entscheiden hatte. Als wäre der heiße Herbst nicht 30 Jahre sondern höchstens drei Jahre her, schwadronierte unter anderem die Bild-Zeitung von der Uneinsichtigkeit des Ex-Terroristen und machte so Stimmung gegen eine vorzeitige Freilassung Klars. Carolin Emcke fand das empörend. Und sie ärgerte sich darüber, dass die Angehörigen der RAF-Opfer wieder einmal vereinnahmt wurden. Als sännen alle nur auf Rache. So kam ihr erster Essay in der „Zeit“ zustande. Darin outete sie sich erstmals als Betroffene. Denn Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, der am 30. November 1989 von der RAF getötet wurde, war ihr guter Freund, ihr „Patenonkel“.

Bis heute ist nicht geklärt, wer damals die Autobombe zündete. Auch vier weitere Morde sind nach wie vor unaufgeklärt: Physiker Karl Heinz Beckurts, Diplomat Gerold von Braunmühl, MTU-Chef Ernst Zimmermann und der Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder. Nachdem Horst Köhler sich gegen eine Begnadigung von Christian Klar entschieden hatte, befasste sich Carolin Emcke weiter mit dem Thema, heraus kam das Buch „Stumme Gewalt“. Emcke will Aufklärung, zum einen aus persönlichen Gründen zum anderen als politisch engagierte Journalistin. In ihrem Buch stellt sie viele Fragen. Und sie gibt auch eine Antwort. Die Täter müssen endlich sprechen. Und das werden sie nur tun, wenn ihnen die Bundesanwaltschaft ein Angebot macht: Generalamnestie gegen Täterwissen. Ein eindringliches Buch mit einer klaren Botschaft. Und damit hebt es sich vom bisherigen Regalmeter RAF-Bücher positiv ab. Denn Emcke blickt nicht zurück sondern nach vorn. Die Toten kann man nicht mehr lebendig machen, aber man kann klären, wer für ihren Tod verantwortlich ist, warum es zu den Anschlägen kam. Das ist die große Chance, die Emcke in ihrem Buch skizziert – nicht nur für die Angehörigen der Opfer sondern auch für den Rechtsstaat.
Text: Britta Geithe

Foto: Sebastian Bolesch

Mehr über Cookies erfahren