Stadtleben

Rezessionstheater

Komisch, wie das Theater es schafft, die Rezession zu ignorieren. Man geht in die Theater und hat das Gefühl, in diesem gemütlichen Paralleluniversum sei die Krise noch nicht angekommen. Auf der Bühne geht einfach alles normal weiter, auch wenn von der FAZ bis zu Josef Ackermann die Krise des Kapitalismus verhandelt wird, dass man glaubt, in einem Marx-Seminar zu sitzen. Während von der Kanzlerin bis zum letzten Wirtschaftsforscher alle möglichen Akteure von der größten Rezession seit den zwanziger Jahren sprechen und die Rettung darin suchen, panisch Steuergelder zu verbrennen, hat man im Theater das Gefühl , dass nichts passiert ist. Möglicherweise hat sich das subventionsgepolsterte Theater, allem Anspruch zeitdiagnostischer Fähigkeiten und gesellschaftlicher Relevanz zum Trotz, schon lange komplett vom Rest der Gesellschaft abgekoppelt und dreht jetzt in der fröhlichen Selbstreferenz seine Endlosschleifen. Was ja immerhin den therapeutischen Effekt hätte, beruhigend Normalität zu simulieren.

Vielleicht gibt es aber auch eine charmantere Erklärung für das Desinteresse des Theaters an den Fieberschüben der Realwirtschaft. Erstens kann man die ewigen Arbeitslosenstücke sowieso nicht mehr sehen, das Genre ist in seinen Möglichkeiten offenbar ausgeschöpft. Zweitens ist keinem Arbeitslosen geholfen, wenn zum Beispiel ein Reaktionär wie Volker Lösch, der bedauerlicherweise unter dem Problem leidet, alles mit allem zu verwechseln, bis Globalisierung und Faschismus und Marktwirtschaft und liberale Demokratie heillos miteinander verheddert sind, wenn also Volker Lösch seine Chöre der Gedemütigten und Ausgegrenzten zum Zweck der Selbstprofilierung aufmarschieren lässt. Drittens kann man sich im Theater über die Rezession ja immer noch Sorgen machen, wenn sie dann mit Wucht im Mittelschichts-Alltag der Theatergänger und Theatermacher ankommt, also vermutlich nächstes Jahr. Fünftens sind all die anderen Desaster, die im Theater traditionell abgefeiert werden (Mord, Totschlag, Krieg, Kindsmord, Liebeskummer, sinnloses Leben Depressionen aller Art etc)  ja auch nicht ohne. Und sechstens sind Krisenzeiten traditionell gute Zeiten für das Entertainment auf der Bühne.

Peter Laudenbach

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