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Roger Boyes über Brandenburg u.a. – Teil 2

Roger-Boyestip Nun hat der Brandenburger schon ein Problem, wenn der Berliner ihm erklären will, wie es geht, jetzt kommt auch noch ein Brite an – wie reagiert der Brandenburger dann?  
Boyes Besser die Briten als die Franzosen, oder? (lacht)

tip Die finanzielle Misere Brandenburgs ist eine Ebene Ihres Buches, eine andere ist die Sehnsucht der Großstädter nach dem Landleben. Nach der Berlin-Literatur gibt es inzwischen ja fast schon so etwas wie eine Brandenburg-Literatur. Woher kommt das?
Boyes Ich vermute, dass es sich bei dieser Back-To-The-Basics-Bewegung um ein Krisenphänomen handelt. Es ist überall zu beobachten, dass die Leute ein langsameres Tempo und einen weniger korrumpierten Lebensstil haben möchten. Meistens klappt das aber nicht, das ist die bittere Tatsache. Es gab eine Zeit, da haben sich Engländer haufenweise Bauernhöfe in Südfrankreich gekauft, Schnäppchen, wie es aussah. Werber, die zwölf Stunden am Tag arbeiten, wollten plötzlich den Duft von Lavendel in der Nase haben. Es fängt immer mit den Immobilienpreisen an. Nun merken die Leute: In Brandenburg ist es billig, ich kann es mir leisten, jetzt ist die Zeit zum Lebenswechsel, weil das Risiko gering ist. Man kann sogar die Wohnung in Berlin noch halten… Ich glaube, Brandenburg ist die neue Provence, leider ohne Wein.

tip Und dann merken die Leute, dass sie fürs Landleben nicht geschaffen sind und dass es harte Arbeit ist, Marmelade einzukochen oder Hühner zu züchten…
Boyes Oft handelt es sich auch um eine Art Paartherapie. Die Beziehung steht auf der Kippe, weil beide arbeiten und sich kaum noch sehen, und das Telefon klingelt ständig. Was macht man? Man geht in ein Funkloch, nach Brandenburg, und dann schottet man sich ab. Die Zugezogenen haben meistens kein großes Sozialleben in Brandenburg, sie wollen zu sich finden und ihre Beziehung heilen. In Berlin kann man das ja angeblich nicht, weil es zu viel Ablenkung gibt.

tip Gibt es denn etwas, was die Berliner von den Brandenburgern lernen können?
Boyes (lange Pause) Normalerweise würde ich sagen: die Langsamkeit, den Rhythmus. Aber eigentlich hat Berlin diese Langsamkeit auch (lacht), und es hat fast einen dörflichen Rhythmus.

tip Noch mal zurück zu Ihrem Buch, ist es vielleicht auch so: Es soll geschichtsbewussten Briten Reisen nach Brandenburg schmackhaft machen. Aber denken die Engländer beim Stichwort Brandenburg nicht eher an die jüngere Vergangenheit und bringen es eher mit Ausländerfeindlichkeit und Gewalt in Verbindung? Dass dort Ende der 90er ein dunkelhäutiger Bauarbeiter aus England zum Krüppel geschlagen wurde, hat sich doch sicherlich eingeprägt.
Boyes Ja, das hat es. Allerdings gibt es heute keine ausländischen Bauarbeiter mehr in Brandenburg, weil kaum noch gebaut wird. Ich wollte den Engländern zeigen, dass die Glatzköpfe eigentlich nicht sehr typisch sind für die Region.

tip In einigen Gegenden repräsentieren sie die vorherrschende Kultur.
Boyes In England haben wir ja durchaus ähnliche Sorgen, es gibt Gegenden, die absolut vernachlässigt sind, deshalb verstehen wir die Problematik. Nehmen Sie die British National Party, das ist eine Loser-Partei. In einer beschleunigten Gesellschaft gibt es Verlierer. Und wenn diese Verlierer jung und frustriert sind und Sündenböcke suchen, dann hat man ein echtes Problem. Man kann diese Leute entweder ignorieren, sich über sie lustig machen oder versuchen, sie zu integrieren. Das sind die drei Optionen. In England, wo wir eine viel multikulturellere Gesellschaft haben als in Deutschland und insbesondere Ostdeutschland, versuchen wir es mit allen drei Möglichkeiten. Wir denken ziemlich viel darüber nach, und ich habe das Gefühl, die Ostdeutschen wollen nicht mehr darüber nachdenken. Statt sich diesen Kräften entgegenzustellen, entscheiden sie sich für die Ignoranz und verschweigen das Problem, weil sie nicht wollen, dass Unruhe in die Gemeinde kommt und die Investoren davonlaufen. Was man dagegen tun kann, weiß ich auch nicht, sorry. Wahrscheinlich würde es helfen, wenn sich die Westdeutschen ein bisschen für die Ostdeutschen interessieren würden.

tip Das klingt ziemlich fatalistisch.
Boyes Das ist immer eine Frage der Zeit, nicht wahr? Langfristig bin ich schon optimistisch mit Brandenburg. Es ist ein sehr armes Umland, deswegen funktioniert es nicht kurzfristig. Weil das arme Umland auch noch eine arme Metropole hat, gehen die Leute noch weiter weg, und jedes wirtschaftliche Kalkül bricht zusammen. Aber mittel- und langfristig hat Brandenburg natürlich den Vorteil einer wunderschönen Landschaft, die sehr gut zu erreichen ist.

tip Also doch: Brandenburg als Naherholungsgebiet für gestresste Großstädter?
Boyes Ja, durch seine Geografie hat Brandenburg das Potenzial, diese Sehnsucht nach der Rückkehr in den Garten von Eden zu befriedigen. Die Brandenburger sollten deshalb sagen: Kommen Sie zu uns, wenn Sie wollen, und wir bieten Ihnen die innere Ruhe. Wir haben diese wunderschöne Landschaft, wir können Ihre Probleme zwar nicht lösen, aber wir lassen Sie in Frieden, damit sie Ihre Probleme selber lösen können. Das ist kein sehr ehrgeiziges Programm, aber ein realistisches. Zumindest im Sommer. Im Winter ist es in Brandenburg leider überhaupt nicht auszuhalten. Nicht wegen der Kälte, die ist okay, sondern wegen des Mangels an Farben. Alles ist schwarz-weiß. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als zu fliehen.  

tip Können Sie sich vorstellen, mit Einheimischen in einem Brandenburger Dorfkrug zu sitzen und Fußball-WM zu gucken, Deutschland gegen England?
Boyes Ja, das kann ich mir vorstellen. Meine Prognose ist, dass England verliert. Aber heroisch. Dazu sind wir fähig.     

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Interview: Erik Heier und Heiko Zwirner
Fotos: Daniel von Becker

Roger Boyes
Mit der Kolumne „My Berlin“ und den Bestsellern „My Dear Krauts“ und „How To Be A Kraut“ bewies sich Roger Boyes als ebenso liebevoller wie origineller Beobachter des Alltags in Deutschland. Er wurde 1952 in Hereford geboren, besuchte ein Militärinternat und studierte Theologie, Germanistik, Politikwissenschaften. Boyes arbeitete als Journalist in Warschau und Moskau, er schrieb Bücher über den Priestermord in Polen und den Wandel in Osteuropa. Seit 1999 lebt er als Deutschland-Korrespondent der Londoner „Times“ in Berlin.

Roger Boyer liest aus „Ossi Forever! – Ein Roman aus der Provinz“
Lehmanns Buchhandlung, Hardenbergstr. 5, Charlottenburg,
Mo 7.6., 20.30 Uhr, Eintritt: 6 Ђ

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