Stadtleben

Saisonbeginn für Großstadt-Gärtner

Urban GardeningMit der U7 bis zur Endstation Rudow und von dort mit dem Bus weiter. Es regnet in Strömen, die Felder sind matschig, ein Tag wie gemacht, um jede Lust aufs Landleben zu verlieren. Ganz anders die knapp fünfzig Menschen, die sich an diesem­ Februar-Samstag auf Hof Gericke eingefunden haben, um an der Infoveranstaltung von „Meine-Ernte“ teilzunehmen. Gut gelaunt und in gespannter Erwartung drängen sie sich um die beiden jungen Unternehmerinnen. Natalie Kirchbaumer und Wanda Ganders bieten einen Gemüsegarten zum Mieten – und viel Raum für Fantasie. Ihr Versprechen: Bohnen, Erbsen und Fenchel, Mangold, Möhren und Gurken, Salat, Spinat und allerlei Kräuter werden bald dort sprießen, wo jetzt nur kahler Acker ist. Natürlich ohne Chemie.
„Von meinem eigenen Beet erhoffe ich mir ein neues Verhältnis zur Natur, das mir das Stadtleben nicht geben kann“, sagt die 29-jährige Künstlerin Nathalie Tafelmacher. Die Idee zu Meine Ernte kam Kirchbaumer und Ganders schon während der gemeinsamen Studienzeit. „Wir hatten irgendwann die ganze Fast-Food-Ernährung satt und dachten: Warum nicht selber anbauen?“ Mittlerweile vermieten sie deutschlandweit an 15 Orten Beete in zwei Größen: 45 qm für 179 Euro und die Familien-Version, ca. 85 qm, für ­329 Euro – ein einmaliger Betrag pro Saison. An jedem Standort hilft ein professioneller Gärtner und übernimmt die Aussaat der 20 Gemüsesorten. Die Furcht vor zu viel Zeitaufwand sei ­unbegründet, so die Betreiberinnen. „Lediglich zwei Stunden sollten pro Woche für Gießen­ und Jäten eingeplant werden.“
Urban Gardening, die Rückkehr der Nutzgärten in die Stadt, ist ein Phänomen, das schon seit einigen Jahren immer mehr Freunde findet. Es geht dabei nicht nur um gesundes­ Essen, sondern auch um Gemeinschaft, eigenes Gestalten und Widerstand gegen eine Konsumgesellschaft, die das Bewusstsein darüber verloren hat, wie Produkte­ hergestellt werden.
So wächst ein weiteres Gartenprojekt auf dem Gelände der ehemaligen Schlossgärtnerei von Steinhöfel im brandenburgischen Buchholz. Der Verein LandKunstLeben lädt in der dritten Saison dazu ein, 100-Euro-Patenschaften für 2,5 x 2,5 Meter große Beete zu übernehmen. Die Parzellen sind eingebettet in eine künstlerisch gestaltete Gartenlandschaft und beschränken sich deshalb auch nicht auf Gemüse, Früchte und Kräuter. Rote Sonnenblumen, prächtige Dahlien und viele weitere Blumenarten schmücken den Garten. Die Mitarbeiter des Projekts kümmern sich um alles.
Die Paten werden monatlich­ per Foto und Text über ihr Beet informiert und im Sommer zu einem großen Erntefest­ eingeladen.
Wer den weiten Weg an die Stadtgrenze scheut, findet auch inmitten Berlins genügend Möglichkeiten, die Hände in die Erde zu stecken. Neben den vielen Gemeinschaftsgärten,­ die seit einigen Jahren aus den Böden der Stadt sprießen, bietet auch der Prinzessinnengarten am Moritzplatz in der Saison 2011 wieder Neues für landwirtschaftlich interessierte Stadtbewohner. Die Hochbeete kehren Anfang April an ihren angestammten Platz zurück (Foto). Auch hier gibt es die Möglichkeit der Patenschaft. Für 55 Euro, die exakt den Unterhaltskosten für das jeweilige Beet entsprechen, erwirbt man aber nicht gleich das Recht, regelmäßig zu ernten. Mit der Spende ermöglicht man den Fortbestand und Ausbau des Projekts. Natürlich darf man mitgärtnern, und wer regelmäßig dabei ist, bekommt Vergünstigungen beim Gemüsekauf. Am 7. Mai findet dort ein Jungpflanzenmarkt in Koorperation mit dem Projekt Social Seeds statt – wenn der eigene Balkon der Garten sein soll.

Text: Florian Gossler

Foto: Marco Clausen / Prinzessinnengarten

Links
www.meine-ernte.de
www.landkunstleben.de
prinzessinnengarten.net
www.urbanacker.net

Das Buch zum Thema
Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, hrsg. von Christa Müller, oekom Verlag, München 2011, 19,95 Euro.

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