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Sarah Kuttner über Angst und Depression

Kuttner_Sarahtip Ihr Roman beschreibt die Depression, in die Ihre Buchfigur Karo Herrmann fällt, nachdem sie ihren Job verliert und sich von ihrem Freund getrennt hat. Eine zentrale Rolle spielt dabei Angst.
Sarah Kuttner Ich wollte Angst als Symptom der Depression darstellen. Ich begreife das so: Der Körper sagt durch Angstanfälle Bescheid, dass jetzt Schluss ist. Deshalb ist Angst gar nicht so ein vorherrschendes Thema im Buch, obwohl darin natürlich viele derartige Anfälle vorkommen.

tip Wovor haben Sie persönlich Angst?
Kuttner Ich bin, glaube ich, kein besonders ängstlicher Mensch. Ich habe keine größeren Probleme, bin kein Phobiker, habe keine Höhenangst oder Angst vor geschlossenen Räumen. Angst habe ich eigentlich nur vor den üblichen Sachen …

tip … Verkehrsunfall, Atom-Super-GAU, Weltkriege …
Kuttner Ja, so was. Oder vor Krankheiten bei Menschen, die einem wichtig sind. Oder ich fahre bei Regen auf der Autobahn und denke, was wäre, wenn ich den Lenker mal kurz nach rechts ziehe? Bei dem Gedanken durchzieht mich ein Schauer. Bei 130 Stundenkilometern ist man angewiesen auf den lieben Gott. Dabei glaube ich nicht einmal an ihn.

tip Wie ist es mit Ihrer Angst vor Depressionen? Für das Buch haben Sie sich damit vermutlich mehr beschäftigt, als sie vorher in Ihrem Leben eine Rolle gespielt haben.
Kuttner Ich denke, man hat Angst vor Sachen, an denen man schon mal gekratzt hat. Man weiß dann auch, was auf einen zukommen wird. Deshalb habe ich selbst auch nicht wirklich Angst davor. Aber ich glaube, ich bin inzwischen ganz gut vorbereitet durch die Beschäftigung mit dem Buch, durch die Arbeit mit Freunden, die depressiv waren. Wenn man sich die Leute anguckt, die bei mir schon auf dem Sofa geweint haben, kann einem das allerdings auch wieder Angst machen.

tip Das Irritierende an der Depression kann auch sein, dass man diese Gemütslage anfangs gar nicht beschreiben kann. Plötzlich klassifiziert der Arzt dieses Gefühl, und man gilt als depressiv.
Kuttner Ich glaube doch schon, dass man eine Depression spürt. Das habe ich bei Freunden rausgehört. Diese Angststörung, diese Art von Traurigkeit ist anders als das, was man als normale Traurigkeit bezeichnet. Dieses Gewicht, das einen so festnagelt. Dass man wirklich nicht mehr körperlich hochkommt. Und eine ärztliche Diagnose macht es dann wieder einfacher: Alles klar, es kümmert sich jemand, ich muss damit nicht alleine umgehen. Deswegen kann man wahrscheinlich auch dankbar sein, in so einer Zeit wie heute zu leben – in der es in Ordnung ist, zum Arzt zu gehen, und es nicht wie vor 50 Jahren noch hieß: Was, du bist traurig? Stell dich mit deinen Sorgen mal hinten an.

tip Sie lassen Karo im Buch sagen, dass ihr mindestens fünf Freun­de und Bekannte einfallen, die Depressionen spüren, sie aber demütig ertragen. Geht das in Ihrem Bekanntenkreis Leuten auch so?
Kuttner Manchen schon. Ein paar meiner Freunde habe ich dann auch zu Psychiatern begleitet. Sie tragen Geschichten aus der Vergangenheit mit sich herum, die sie abarbeiten wollen. Aber mir fällt wirklich kaum jemand ein, der von vornherein gesagt hätte: Ich bin merkwürdig traurig, jetzt gehe ich zum Arzt. Man kennt das ja von sich selber nicht, dass die Schaltzentrale einmal nicht funktioniert. Deswegen wartet man häufig enorm lange, bis der Leidensdruck so hoch ist, dass man sagt: Ich muss mir helfen lassen.

tip Es mehren sich Berichte, nach denen Antidepressiva zu einer Art Modedroge geworden sind.
Kuttner Gute Psychiater raten zu Tabletten in niedriger Dosierung. Wobei das ja sowieso für alle guten Ärzte gilt. Wer immer dir, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Plastiktüte voller Medikamente gibt, ist halt kein guter. Und Ärzte, die Tabletten verschreiben, empfehlen meist auch zusätzlich eine Therapie.

tip Was auch sinnvoller ist, als sich nur mit Pillen vollzustopfen.
Kuttner Ich habe neulich einen sehr dummen Beitrag bei „Explosiv“ gesehen darüber, wie Leute von Schlaf­­mitteln, die nicht verschrieben werden, abhängig werden. Die Reporter hatten mit versteckter Kamera in Apotheken gedreht. Ergebnis: Niemand sagt Nein, wenn einer zwei Pa­ck­ungen kauft. Aber was soll man auch als Apotheker machen, wenn sich jemand nicht verschreibungspflichtige Tabletten kauft? Man kann im Grunde von allem süchtig werden, zumindest psychisch. Ich glaube aber, normale Menschen wollen nicht für den Rest ihres Lebens Antidepressiva nehmen. Da ist man dann doch zu eitel und sagt sich: So, jetzt will ich das wieder auf die Reihe kriegen.

tip Manch einer kultiviert ja vielleicht seine Depression.
Kuttner Ich kenne niemanden, der das macht. Die Frage wird mir häufig gestellt, und ich frage dann immer zurück: Kennt ihr solche Menschen? Ist das nicht ein Gerücht? So wie: Spinat enthält sehr viel Eisen. Ich glaube, wir schnappen diese Gerüchte im Fernsehen auf …

tip … oder von Popmusikern …
Kuttner Die haben aber echt ernsthafte Probleme, und ich glaube, sie wissen das auch. Amy Whinehouse zum Beispiel. Die stilisiert nichts. Sie versucht vielleicht noch, aus Scheiße Gold zu machen, und das nach außen sexy zu verpacken. Aber der geht’s auch wirklich beschissen.

tip Diverse Krankheiten stellt die Wissenschaft mittlerweile in Frage. Untersuchungen zu posttraumatischen Störungen zum Bei­spiel sind eine relativ junge Forschungsdisziplin. Manche Wissenschaftler sagen, unter diesem Begriff würden auch Probleme subsumiert, die mit einem Trauma gar nichts zu tun haben.
Kuttner Damit kenne ich mich nicht so gut aus. Ich weiß aber, dass ich niemanden kenne, der stolz darauf ist, zur Therapie zu gehen, und „Sex and the City“-mäßig sagt: Da, schick, mein Therapeut. Psychotherapie hat eben leider immer noch diesen Hauch von Verrücktsein. Das funk­tioniert, glaube ich, in Amerika besser als in Deutschland, Therapie als Lifestyle-Ding zu verstehen. Dazu sind wir zu verkopft, zu sehr Kontrollfreak, als dass wir das irgendwie als sexy empfinden könnten. Ich finde es jedenfalls gar nicht schlimm, zur Therapie zu gehen. Es ist eine gute Möglichkeit, sich mit alten Geistern zu beschäftigen.

tip Ihr Buch handelt ja von einer Frau in Ihrem Alter. Depression ist ja nicht auf die relative Jugend beschränkt – eher im Gegenteil …
Kuttner Richtig, wobei ich glaube, dass nicht für jeden eine Therapie das Richtige wäre. Ich fände es völlig in Ordnung, wenn ältere Menschen für den Rest des Lebens Antidepressiva nehmen, ohne in psychiatrische Behandlung zu gehen. Man muss sich in diesem Alter nicht mehr zwangsweise mit den alten Geistern beschäftigen, das funktioniert oft einfach nicht. Da die Tabletten körperlich nicht abhängig machen, sollten Leute ab 50 Jahren diese ruhig einnehmen, ohne alte Wunden aufzureißen.

tip Karo geht immerhin sogar bereits zur Therapie, bevor eine Depression festgestellt wird.
Kuttner Ja, sie hat sich davor schon sehr stark mit sich selbst beschäftigt. Sie macht autogenes Training, führt intensive Gespräche mit Freunden, greift in alle Richtungen. Sie reißt auch viele Witze, aber das ist nicht unbedingt ihr Bollwerk gegen die Depression. Man muss ihr, so wie jedem depressiven Menschen, einfach eine Grundtüte an Gags zugestehen. Man kann auch ein lustiger Mensch sein und depressiv. Deshalb ist mein Buch auch kein Jammerbuch.

Sarah Kuttner_Maengelexemplartip Ihre Romanfigur googelt ihre Depressionssymptome, macht einen Online-Test. Haben Sie das auch schon mal probiert?
Kuttner Nein. Das Internet ist gefährlich. Man muss schon sehr schlau sein, darin Positives von Negativem, Wahrheit von der Lüge zu trennen, gerade zum Thema Depres­sion. Dabei sind selbst Beipack­zettel von Medikamenten nicht immer verlässlich. Was beim Verzehr einer Schmerz­tablette schon möglich ist an Nebenwirkungen!

tip Karo hat auch ein großes Netzwerk an Menschen, die ihr helfen: einen sehr guten?Freund, dessen Frau für sie kocht …
Kuttner Schon, aber eben nur auf freundschaftlicher Ebene. Sie sind keine Psychologen. Küchentischpsychologie halte ich für gefährlich. Freunde sollen Empathie zeigen und Zuwendung. Sie müssen nichts Schlaues sagen, nur da sein. Professionelle Hilfe sollte es dann aber beim Psychiater geben.

tip So wie Karo hatten auch Sie berufliche Rückschläge zu verkraften: das Ende Ihrer MTV-Show im Herbst 2006. Übrigens waren Sie damals 27 Jahre alt – wie Karo, als ihre Depression begann.
Kuttner Ich bin doch nicht der einzige Mensch auf der Welt, der arbeitslos wurde. Und dabei war ich gar nicht richtig arbeitslos, nicht arbeitslos gemeldet, hatte bereits neue Projekte am Start. Schon Monate vor Ende meiner Sendung wusste ich, wann bei MTV Schluss sein würde.

tip Die Medien haben Ihr Buch durchaus wechselhaft besprochen. Einige hielten es für sehr gut, andere eher durchwachsen. Wie gehen Sie mit einigen eher negativen Kritiken zum Buch um?
Kuttner Die im Buch behandelten Symptome beruhen auf wahren Fällen. Im Grunde habe ich allen meinen Freunden ihre Probleme geklaut. Ich kenne Menschen, die in der psychologischen Notaufnahme waren. Ich halte es dennoch für dumm, vom Inhalt auf den Autor zu schließen. Aber selbst, wenn es autobiografisch wäre: Ich würde es niemanden wissen lassen. Ich würde auch kein Geld machen wollen, wenn ich von einem autobiografischen Problem erzähle.

Interview: Erik Heier, Sassan Niasseri

Foto (1): Jana Koppitz


Sarah Kuttner:
Mängelexemplar, S. Fischer Verlag 2009, 272 Seiten, 14,95 Ђ
Karo Herrmann hat ihren Job verloren, dann ihren Freund verlassen. Ein Allerweltsstoff. Dann aber überfällt sie die Depression. Sarah Kuttners Debüt­roman sucht oft die schnelle, schnoddrige Pointe. Am stärksten ist er aber in den Depressionsszenen – eben weil Sarah Kuttner dort Gags völlig ausspart.

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