Stadtleben

Scheinbar Varieté in Schöneberg

ScheinbarEine Kneipe solllte es erst werden. Über die Startbedingungen Mitte der 80er-Jahre schlägt Scheinbar-Mitbegründer Stefan Linne noch heute die Hände über dem Kopf zusammen: „Nordseite. Mensch, nicht mal Tische hätte man rausstellen können.“ Der damalige Pantomime-Schüler der Bühnenschule Etage machte aus der Not eine Theaterbühne und traf den Nerv der Leute, die bis heute mehr Lust am unperfekten Auftritt als an vorhersehbarer Fernsehshow-Unterhaltung haben. Nicht immer war die Beziehung zwischen Machern und Mietern ganz unbelastet, daher gilt: Punkt 23 Uhr ist Schluss mit lustig.

Nach der Divise „Hauptsache, vom Abstand zum Publikum ist nichts zu spüren“ traten neben slowakischen Langstreckenpantomimeweltmeistern, singenden Sägen und Zwangsjackenentfesselungskünstlern auch Meret Becker, Eckart von Hirschhausen oder Mario Barth auf die drei mal vier Meter kleine Bühne, auf der Artisten und besonders Jongleure ideale Arbeitsbedingungen vergeblich suchen. „Die drei waren schon dabei, sich einen Namen zu machen. Wirklich angefangen in der Scheinbar hat Kurt Krömer,“ weiß Linne zu berichten. Und dass Krömer sich, als Grimme-Preis und Fernsehbühne noch Zukunftsmusik waren, auch mal in Linnes Küche bei Renovierungsarbeiten verausgabt hat.

Mit Thomas Kreimeyer oder Oliver Polak, der die Scheinbar liebevoll „mein Känguru-Beutel“ nennt, bleiben auch etablierte Künstler der Konfrontation in Wohnzimmeratmosphäre treu, nirgendwo kann Pointentauglichkeit besser ausgetestet werden. Wer sich im Open-Stage-Varietй dem Publikum stellen will, braucht aber nicht zwangsläufig einen bekannten Namen. Wirklich jeder darf ohne Casting und Voranmeldung rauf auf die Bretter. Nach sieben Minuten ertönt ein Hupsignal und der Confйrencier übernimmt. Bis dahin bringt man das Erdgeschoss zum Toben – oder schrammt meterweit am Humor der Anwesenden vorbei. Und peinliche Momente sind in der klitzekleinen Scheinbar besonders lang. Doch dann kommt blitzschnell die nächste gute Nummer, und die Kuh ist vom Eis.

Wer aus Furcht vor den legendären Mitmachnummern einen Bogen um die Scheinbar macht, sei entwarnt. Zuschauer zum Gespött anderer Leute zu machen, ist eindeutig Kleinkunstmode der 90er-Jahre und längst passй.

Text: Katrin Falbe

Foto: Harry Schnitger

Scheinbar Varietй Monumentenstraße 9, Tel. 784 55 39, www.scheinbar.de

Titelthema des tip 15/2011: Das neue Schöneberg – Zwischen Gleisdreieck und Gasometer bewegt sich was

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