Stadtleben

Schönefeld so mit uns nicht

fluglaerm.Es ist schon eine interessante Personalkonstellation, die da im Berliner Süden der Politik die Flugroutenpläne für den neuen Berliner Großflughafen um die Ohren haut. Nicht gerade homogen. Aber lautstark. Da wäre zum Beispiel der Journalist und Medienunternehmer Markus Peichl (Foto), der einst das Magazin „Tempo“ mitbegründete. Und Sabine Bergmann-Pohl, 1990 Präsidentin der einzigen frei gewählten DDR-Volkskammer. Oder auch die Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin Marela Bone-Winkel (Foto), Gründerin der ersten Bürgerinitiative gegen die Pläne der Deutschen Flugsicherung, „Keine Flugrouten über Berlin“.

Und dann gibt es da noch Ferdinand „Ferdi“ Breidbach, einst höchst streitbarer Bürgermeister des märkischen Diedersdorf, der bei der Gelegenheit gleich wieder sein Lieblingsprojekt aufgenommen hat, den BBI in Schönefeld ganz in die Tonne zu treten. Ausgangspunkt für die andauernden Demonstrationen war der 6. September. Da veröffentlichte die Deutsche Flugsicherung offiziell das zukünftige Flugroutenkonzept für den BBI. Das Problem: Zehn Jahre lang war den Bürgern im Kontext des Planfeststellungsverfahrens klar kommuniziert worden, dass die Abflüge am BBI auf beiden Bahnen in gerader Richtung erfolgen werden. Nun sollen sie gemäß internationaler Sicherheitsvorschriften um je 15 Grad abknicken. Über die Dächer vieler Bürger. Oft Eigenheime. Der Knick gilt zumindest bei gleichzeitigen Starts auf beiden Pisten. Flughafenchef Rainer Schwarz hat gerade noch mal klargemacht, dass er auf diesen bestehen wird.

Dadurch würden aber besonders im Süden Berlins und den angrenzenden Gemeinden Brandenburgs weit mehr Wohngebiete von massiven Umwelt- und Lärmbelastungen betroffen sein, als ursprünglich zugesichert. „Hier wurden demokratische, verfassungsrechtlich verbriefte Ansprüche mit Füßen getreten“, glaubt Marela Bone-Winkel. Und dass man seitens der Politik nun von einer Kommunikationspanne spricht, hält sie für unredlich. „Das ist keine Kommunikationspanne, sondern eine Planungspanne.“ Nun hat der Protest eine neue, breitere, gemeinsame Basis bekommen: das Bündnis „Berlin Brandenburg gegen neue Flugrouten“, in dem sich gerade zwölf Bürgerinitiativen zusammengeschlossen haben. Schirmherrschaft: Sabine Bergmann-Pohl. Pressesprecher: Markus Peichl. Dieser gab bei der Gründung das Ziel aus, „dass für alle weiteren Flugroutenplanungen ausschließlich die alten Flugrouten Gültigkeit haben.“

Damit geht das Bündnis auch auf größtmögliche Distanz zu jenem Widerstand, der sich bereits seit Jahren vor allem in der märkischen Gemeinde Blankenfelde-Mahlow formiert hat. Der dort ansässige „Bürgerverein Brandenburg-Berlin“ um Breidbach fordert nämlich unverdrossen bei jeder Gelegenheit einen kompletten Baustopp und die Verlegung des BBI nach Sperenberg. Angesichts bereits getätigter Milliardeninvestitionen in den Schönefelder Neubau und der geplanten Eröffnung im Juni 2012 lehnt das neue Flugrouten-Bündnis eine Standortdiskussion jedoch ab. Wenn die beiden Bündnisse streiten, wird der Ton gern mal rauer. Dennoch verzeichnen die Flugroutengegner erste Erfolge. Die Deutsche Flugsicherung hat bereits Änderungsmöglichkeiten eingeräumt. Ebenfalls wurde die beratende Lärmschutzkommission vergrößert und das Budget für das Lärmschutzpaket erweitert.

Die Kernforderung in der Flugroutenfrage bleibt jedoch eine klare Entscheidung der Politik. Aber auch hier ist einiges in Bewegung. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) plädiert mittlerweile auch für die alten Routen. Klaus Wowereit, der immerhin mit der SPD 2011 eine Wahl gewinnen möchte, tauchte sogar eher überraschend bei einer Demo gegen die Flugrouten auf. Er verspricht nun, zumindest einvernehmliche Lösungen finden zu wollen. Nichtsdestotrotz bleiben die Betroffenen vorerst skeptisch. „Wir lassen uns nicht mit Nebelkerzen verunsichern, denn Politiker wollen schließlich wiedergewählt werden“, sagt Sabine Bergmann-Pohl. Der Protest soll weitergehen, bis eine politische Lösung vorliegt, die Lärmschutz vor Wirtschaftlichkeit stellt. Zukünftig will man deswegen die Kräfte bündeln und sich auf die Schwerpunkte Zeuthen, Lichtenrade und Stahnsdorf konzentrieren. Darüber hinaus ist eine zentrale Großveranstaltung in Planung. „Dieses Bündnis ist felsenfest“, sagt Protest-Initiatorin Bone-Winkel daher. „Denn wenn es nötig ist, sind wir auch in der Lage und willens, bis 2012 zu demonstrieren.“ So klingen Kampfansagen.

Text: Nils Markwardt

Wer ist dabei?
Insgesamt mehr als zwei Dutzend Bürgerinitiativen, von denen sich zwölf zum Bündnis „Berlin Brandenburg gegen neue Flugrouten“ zusammengeschlossen haben, u.a. „Flughafengemeinde Gross Ziethen“ und „Keine Flugrouten über Berlin“

Seit wann?
November 2010

Wichtigste Ziele
Rückkehr zu den ursprünglichen Flugroutenplänen des BBI, damit keine zusätzlichen Gemeinden von Lärm- und Umweltbelastungen betroffen sind. Viele Initiativen fordern zudem ein konsequentes Nachtflugverbot

Promi-Faktor?

Noch ausbaufähig. „Tempo“-Gründer und „Lead-Academy für Mediendesign“-Leiter Markus Peichl ist die schillerndste Person. Und: Sabine Bergmann-Pohl, Ex-DDR-Volkskammer-Präsidentin, derzeit Chefin des Roten Kreuzes in Berlin

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