Stadtleben

Schwarz-Gelb

Als ich 1987 nach Berlin kam, war das auch eine Flucht vor Helmut Kohl. Im Nachhinein habe ich u.a. bei Florian Illies und Maxim Biller gelesen, dass Westdeutschland in den 80ern gar nicht so schlimm war, aber ich empfand es als spießig, konservativ und männerbündlerisch: Es gab den knallharten Innenminis­ter Zimmermann, der wegen eines Meineids auch „Old Schwurhand“ genannt wurde, es gab den in die Flick-Affäre verwickelten Wirtschaftspolitiker Otto Graf Lambsdorff, und es gab einen Außenminis­ter mit Segelohren und einem schleppenden sächsischen Akzent, der später Genschman hieß.

Helmut Kohl selbst trampelte recht geschichtsvergessen mit Ronald Reagan über einen Friedhof mit Gräbern von Angehörigen der Waffen-SS, und rechts und links des Landes warteten Atomraketen auf den Dritten Weltkrieg. Bei aller wirtschaftlichen Prosperität lag eine düstere Stimmung über dem Land, etwas Endzeit­liches, dem Jüngere das Idyll ihrer Playmobil-Kindheit entgegensetzten, Ältere die verordnete Spaßigkeit der Neuen Deutschen Welle. Ich selbst habe Joy Division gehört. Das pass­te irgendwie besser. Außerdem ging ich nach Berlin, um vor dieser schwarz-gelben Bräsigkeit zu fliehen. Die Stadt lag trotz ihres CDU-Bürgermeisters Diepgen weit weg von Kohls Einflussbereich, dessen Epizentrum Bonn war. In Berlin hatte Kohl nichts zu sagen – es war ihm wohl auch egal, bis er von Michail Gorbat­schow die Hand zum gemeinsamen Geschichteschreiben gereicht bekam. Plötzlich tat Kohl so, als läge ihm die Hauptstadt am Herzen, und für dieses Schauspiel wurde er vor dem Schöne­berger Rathaus zu Recht gnadenlos ausgepfiffen.
Diesmal wird es anders sein. Diesmal wird Schwarz-Gelb nicht so einfach an Berlin vorbeiziehen – und man kann sich an­ge­­sichts der derzeitigen Umfragewerte durchaus mal mit diesem Hor­ror­­szenario befassen. Diesmal nämlich werden CDU und FDP von Berlin aus agieren, und ihre Politik – bedenkt man die bishe­rigen Äußerungen – wird so sein wie das neue Berliner Stadtschloss: auf Kos­ten der Allgemeinheit, geschmacklos und res­taurativ.

Zunächst mal wird die sogenannte digitale Boheme, die vom freien Fluss der Informationen im In­ternet lebt, leiden – unter der von keinem Grünen verhinderten Datenausspähung und Internet-Zensur, die Wolfgang Schäuble jetzt schon gern umsetzen würde. Mit einer der wenigen Berliner Boombranchen wird es bergab gehen. Dass die Banken, wie es aussieht, ungehindert weiterwursteln dürfen wie vor der Krise, macht in der eh hochverschuldeten Hauptstadt hingegen nicht mehr viel aus.
Einen anderen Geschäftszweig aber wird es hart treffen: Die vor allem in Brandenburg ansässigen Biobauern werden es in Zukunft noch schwerer haben, wenn all die rot-grünen Bestimmungen, die Nahrungsmittel weniger ekelhaft gemacht haben, weiter gekippt werden. Dann darf sich aber immerhin die „Zeit“ freuen, dass das von ihr so geschmähte „Bionade-Biedermeier“ am Prenzlauer Berg einen vor den Latz bekommt und wieder Pes­tizide zu sich nehmen muss, wie sich das gehört. Immerhin ist das nächste, wenn auch recht gefährliche Atomkraftwerk ziemlich weit weg, sodass zumindest die Laufzeitverlängerung für alte Reaktoren in Berlin wenig Schäden hinterließe – selbst, wenn ein islamischer Terrorist samt Flugzeug Krümmel zerstört. War’s das? Nicht ganz. Die vielen Schwulen in der Stadt werden wohl dauerhaft auf ein Adoptionsrecht verzichten müssen, auch wenn es dann mit Guido Westerwelle einen schwulen Außenminister geben wird. Dass für diesen mal rechts, mal links blinkenden Politiker in Zukunft Berlins Straßen gesperrt werden könnten, ist eigentlich schon Grund genug, die Hauptstadt nach der Wahl zu verlassen. Vielleicht merkt man ja in Westdeutschland nicht so viel von Schwarz-Gelb.

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