Stadtleben

Schweizer

In der Schweiz herrscht ja teilweise ein sehr deutschfeindliches Klima. Das Plakat, mit dem der Tourismusverband der Schweiz um Gäste während der EM wirbt und auf dem Bergsteiger und Tramfahrer behaupten „Wir freuen uns auf die Deutschen“, ist natürlich blanker Hohn. Wer abends in Züricher Kneipen nicht fließend Schwyzerdütsch redet, wird schnell zum Außenseiter. Das ist besonders gemein, weil die vielen Schweizer in Deutschland und besonders in Berlin hoch geschätzt werden, obwohl sie oft unwahre Dinge über uns behaupten.

Im Magazin des „Tagesanzeigers“ stand mal, dass im Prenzlauer Berg die „neuen Konservativen“ wohnen, obwohl die CDU dort bei unter zehn Prozent liegt. Der Chefredakteur der „Weltwoche“, Roger Köppel, der oft in Berlin zum Joggen ist und dann in einer riesenhaften Altbauwohnung in Charlottenburg wohnt (über deren Miete er als Schweizer natürlich nur lachen kann), schrieb neulich, dass die Deutschen erst gemerkt haben, dass sie von einer Frau regiert werden, seit Angela Merkel mit einem gewagten Dekolletй auftrat. Mal abgesehen davon, dass in Köppels Worten eine angesichts dieses Dekolletйs unangebrachte Lust mitschwang, war das weder für die Deutschen noch für Merkel schmeichelhaft. Es stimmt ja auch einfach nicht.

Ein anderer berlinaffiner Schwei­zer ist Frank A. Meyer, der in Berlin wohnt, um Kolumnen für das Magazin „Cicero“ zu schreiben. Dafür bewohnt Meyer in Dahlem ein sehr großes Haus, vor dem ein kleines Polizeihäuschen steht, in dem ein Polizist Wache hält, der auch Meyer heißt (vielleicht mit ei) – der aber gar nicht Meyer bewacht, sondern dessen Nachbarn, den russischen Botschafter. Mit Meyer, einem wahren Bildungsbürger aus Biel, war ich einmal in einer Urberliner Kneipe. Als die Kellnerin heranwackelte, sagte der tadellos mit gestreiftem Hemd und Krawatte angetane Schweizer, er hätte gern eine Flasche Champagner. Worauf ihn die Kellnerin belustigt korrigierte, dass er ja wohl keinen Champagner meinte, sondern Sekt – nämlich Rotkäppchen. So viel Unglauben wie auf Meyers Gesicht habe ich selten gesehen. Ja, wenn die Menschen aus dem reichs­ten Land Europas in eine der ärmsten Großstädte Deutschlands kommen, dann hat das einen ganz eigenen Reiz.

Neulich saß der Schweizer und frühere „Zeit“-Chefredakteur Roger de Weck im Cafй Savigny, in dessen Nähe er wohnt, um in Berlin Zeitung zu lesen. Er sinnierte über die Ähnlichkeit von Berlin und Zürich. Er meinte damit nicht die Techno-Parade, sondern die Geschichte als radikale Stadt mit Häuserkampf und ausgedehnten 1.-Mai-Demonstrationen. Und er sagte, dass die Berliner einen feinen französischen Humor haben. Ich liebe die Schweizer hier, egal, wie sie sich in Zürich aufführen.

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