Stadtleben

Seance mit Papa: Esoterik in Berlin

volDie Sache ist etwas heikel. Ich wollte gern mit meinem Vater sprechen – nur ist der vor 30 Jahren gestorben. Genauer: Er ist an Bord einer Segelyacht zusammen mit vier anderen Chartergästen in der Karibik verschollen. Vermutlich sind sie ermordet worden. Ich habe viele Jahre an dem Fall gearbeitet und darüber einen Roman geschrieben. Aber die Akte ist noch immer bei der Kripo Düsseldorf anhängig, und ich hätte nun gern gewusst, wer ihn umgebracht hat. Ich gebe zu, die Sache ist nicht nur heikel, sondern auch im höchs­ten Maße unfair. Das Medium, das ich mit dieser kniffligen Frage konfrontieren möchte, weiß von alledem nichts. Ich habe so etwas noch nie gemacht. Ich habe keine hohen Erwartungen. Aber ich will auch nicht voreingenommen sein, und ich glaube durchaus, dass es Dinge gibt, die wir mit unserem Verstand nicht fassen können.

Ich fand Frau R. im Internet. Ich rief sie an und vereinbarte einen Termin. Sie lebt in Wilmersdorf. In ihrer Altberliner Dreizimmerwohnung befindet sich auch ihre Praxis. Es ist ein Raum, der aussieht wie das Behandlungszimmer eines Psychologen, Ikea-Frei­schwin­­ger, Ikea-Teppich, Ikea-Kunst. Auf dem Beistelltisch dampft Zitronengras-Tee, man soll Pantoffeln anziehen. „Ich frage erstens kurz nach der Person, die mir gegenübersitzt. Dann gehe ich rüber zum Verstorbenen und frage, na ja, rüber sag ich dazu …“, beginnt Frau R. und stellt die erste Frage: „Ist es eine Frau, ein Mann?“

„Ein Mann.“ – „Bruder …?“ – „Vater.“ „Gut. Also dann frage ich, wie es dem Vater im Prozess des Sterbens ergangen ist. Manche gehen leicht, manche schwer. Dann gucke ich, wo derjenige jetzt steht im Universum. In der Entwick­lung. Da gibt es verschiedene Stufen, vier im Jenseits, da sind sie noch erdverbunden, und dann ab der fünften Stufe geht’s wirklich hoch bis zur zehnten, Göttlichen, dann sind sie lichtgewandt, haben aber immer noch Zugang zu uns. Sagst du mir noch den Vornamen und das Jahr, in dem er gestorben ist?“ – „Helmut Ernst, 1977.“Frau R. hebt die Hände und schließt die Augen. Sie murmelt etwas, an dessen Ende ich die Worte „… Heilung für Helmut“ entnehme. Die Seance beginnt.

Ich schließe aus irgendeinem Grund auch die Augen, und spätestens jetzt frage ich mich doch, wie ich hier gelandet bin. Sanfte Klänge, exotische Düfte. Milde Farben, Regenprasseln vom Band. Nein, Hypertoniker waren das nicht im Haus der Bruderschaft der Freimaurer in Berlin. Bei der alljährlichen Esoterikmesse gingen in vielen kleinen Zelten die Wahrsager ans Werk. Man konnte sich die Chakren justieren und die Farbe seiner Aura ablichten lassen, Yoga, Tantra, Telekinese betreiben, über geheime Hexenkunst und verbotene Archäologie lesen. An den Ständen lagen jede Menge Waschkristalle, Engelartikel und das „Who’s who im Himmel“. In den Seminarräumen gab es „Heilbehandlung mit Hilde“ oder „Sich versöhnen mit Kathrin“. Ich hatte aber gar keinen Zwist mit Kathrin, und so erschien mir „Schlank durch Handauf­legen“ sinnvoller. In den Zelten wurden Raucherbeine wegexorziert und Gespräche mit dem persönlichen Schutzengel arrangiert. Auch Tierbehandlungen waren möglich. Nur etwas war anders in diesem Jahr. „Junger Mann. Möchten Sie jemanden im Reich der
Toten kontaktieren?“, raunte es plötzlich aus einem Zelt.

JOKERJa. Das war es. Jenseitskontakte sind wieder in. Das Comeback des Lazarus. Tote sind die Renner der Esoterikbranche. In härter werdenden Zeiten wird wieder das Medium befragt. Sie stellen den Kontakt zu den Verblichenen her, vielmehr ihren Seelen, sie transportieren ihre Nachrichten und Botschaften, zu jeder Lebensfrage: Glück, Liebe, Geld. Das versprechen die medial Begabten ihrer wachsenden Kundschaft. „Viele Menschen nehmen weite Anfahrten in Kauf, um immer wieder neue Botschaften und Durchsagen von ihren Verstorbenen zu bekommen. Der Kontakt zu Verstorbenen, aufgestiegenen Meisterseelen und Engeln lassen die Zuhörer staunen“, heißt es
etwa auf der Website des Mön­chen­gladbacher Mediums Hildegard Matheika. Wer sich darunter aber eine spannende Seance vorstellt, wird wohl eher enttäuscht. Bei den modernen Jenseitskontakten handelt es sich eher um nüchterne „Beratungen“. Kein Stühlerücken mehr im schummerigen Hinterzimmer, kein Händehalten und schauriges Buchstabenschieben, jene Brimborien, mit denen noch der berühmte Magier Hanussen im Berlin der 30er Jahre sein Publikum schaudern ließ.

Im Zeitalter des Internet kann man einen Jenseitskontakt per E-Mail herstellen. Bei Viversum.de wählt man unter Hunderten von Beratern aus, die auch „gerne Botschaften von den Lieben im Jenseits bereithalten“. Dabei sind die Tarife in den Hades hinab immer günstiger geworden. So ist ein virtueller Chat mit dem Verblichenen schon ab zehn Euro zu haben. „Wenn die verstorbene Seele sich ebenfalls dafür interessiert, sich durch mich mit Ihnen in Kontakt zu setzen, so kommt der Kontakt zustande“, berichtet dort etwa das Medium Angelis. Verstorbene Seele? Ist die Seele denn nicht unsterblich und nur der Körper vergänglich? „Jenseitskontakte sind definitiv kein Spiel!!!“, führt Angelis weiter aus, da sind Haarspaltereien fehl am Platze. Und dann möchte ich es mal wissen: Was ist dran an diesen Jenseitskontakten?
Ich sitze also in Frau R.s Beratungszimmer, trinke Tee, und Frau R. beschäftigt sich zunächst mit mir. Ich habe eine große soziale Kompetenz, sei aber hier und da geblockt. Aha. „Was machst du denn so?“ Ich schreibe. „Also du wagst dich vor in männlich strukturierte Bereiche und bringst da Licht hinein …“ Okay. Aber das will ich gar nicht wissen. Ich sage, die Sache mit meinem Vater beschäftige mich noch immer. …

Das ganze Porträt des Autoren Hemut Kuhn finden sie in der aktuellen tip-Ausgabe 02/09.

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