Stadtleben

Seen

„Pack die Badehose ein!“ Diesen Imperativ, vor über einem halben Jahrhundert vom Kinderstar Conny Froboess gesungen, hatten die Berliner eigentlich nie nötig, so häufig frequentieren sie seit jeher ihre Seen – an deren Aufzählung man regelmäßig zu scheitern droht: Schlachtensee, Krumme Lanke, Wannsee, Müggel­see, Weißer See, Flughafensee, Teufelssee und und und. Berlin ist quasi das Finnland der deutschen Großstädte. Hinzugekommen sind noch die im Umland, in die man zu DDR-Zeiten die Abfälle aus der Landwirtschaft oder auch das Kerosin von nahe gelegenen Militärflughäfen fließen ließ, die sich aber 20 Jahre nach der Wende einigermaßen erholt haben.

Wobei ja auch die Frage ist, ob das, was sich in den Berliner Seen als Badewasser ausgibt, nicht auch gesundheitsgefährdend ist. So dürfte der tümpelhafte Orankesee zu einem Großteil aus Kinderpipi bestehen, und man mag sich gar nicht vorstellen, woran der 23-jährige Schwimmer, der neulich tot daraus geborgen wurde, wirklich gestorben ist.. Auch die anderen Seen neigen in einem warmen Sommer in kürzester Zeit zum Umkippen – spätestens dann, wenn sich das Sonnenöl von Tausenden tätowierter Leiber, die sich an den Ufern räkeln, abgewaschen hat.

Wobei es bei den Ausflüglern an den Seen feine Unterscheidungen gibt:  Am kleinen Teufelssee liegt nach wie vor die FKK-Fraktion und lässt ihre ergrauten Schamhaare von der Sonne weiter ausbleichen, am Schlachtensee sind eher die, die noch kaum Schamhaare haben, und im Strandbad Wannsee brutzeln die Familien aus dem Zille-Milieu.
Manche Berliner Seen sind auch Teil der deutschen Geschichte geworden, leider immer nur aus traurigem Anlass. In der Villa der Wannseekonferenz wurde die Vernichtung der Juden geplant, in Plötzensee erinnert heute noch eine Gedenkstätte an die gescheiterten Hitler-Attentäter, die dort am Fleischerhaken aufgehangen wurden.

Vielleicht sind es die Bilder aus alten Schwarz-Weiß-Filmen, in denen Jungs mit Knickerbockern und ein Lied pfeifend zum See radeln –, dass See und Berlin ein so passendes Paar sind. Der Berliner, dem man selbst die kurzen Hosen verzeiht, lebt ja in der Vergangenheit und also gern an jenen mythischen Orten, von denen es in Berlin am Wasser so viele gibt: kleine schattige Sommerfrischen, bestehend aus einem ungepflegten Biergarten, schlechtem kalorienreichen Essen, einem rotgesichtigen Alleinunterhalter an der Hammondorgel und einer Berliner Weiße mit Schuss. Wer diese Art Unaufgeregtheit nicht zu schätzen weiß, darf gern in das Spießerinferno am bayerischen Ammersee ziehen.

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